behielten. Im Jahre 1145 wurde die Kirche von dem Erzbi-schofe von Mainz zur Ehre der heiligen Jungfrau feierlich ein-geweiht. Anfänglich war das Kloster von Mönchen desAugustiner-Ordens bewohnt. Doch nach 1163 bildete sich auchein Frauen-Konvent, welcher, jene verdrängend, schon 1193 dasKloster allein besaß und bis zur Säkularisation sich darinnenerhielt. Nachdem diese endlich 1527 erfolgt war, wurde dasKloster eine fürstliche Vogtei, und die Klostergebäude zueinem Jagdschlosse eingerichtet, welches bei der reichen Wild-bahn, die der Habichtswald bot, sowohl von Philipp demGroßmüthigen, als später auch von dessen Sohne Wilhelm IV.häufig besucht wurde. Uuter beiden Fürsten wurde jedoch weuigverändert, und der Ort trug in seinem Aeußern noch immerdas alte klösterliche Gewand, bis Landgraf Moriz zur Regie-rung gelangte. Angezogen von der eben so reichen, als groß-artigen Natur, wählte dieser Weißensteiu zu einem seiner Lieb-lingsaufenthalte und begann im Jahre 1606 eine gänzliche Um-gestaltung desselben. Ausser den nöthigen Wirtschaftsgebäuden,einem Marstalle, einer Jägerei w., erbaute er auch eiu miteinem Wassergraben und zwei Zugbrücken versehenes Schloß,welches, nach sechs Jahren vollendet, von ihm Moriz heim(villa muuritimm, muuritiolum leueopetraeum) genannt wurde.Zu diesem fügte er einen Lustgarten, mehrere Teiche und 1615und 1616 an dem höheren AbHange des Gebirges eine Grotte(die jetzige Pluto'sgrotte), die, im Innern mit allerlei „Unge-ziefer" ausgeschmückt, von künstlichen Hecken umschlossen wurde,und von welcher Moriz später noch eine Art von Kaskaden biszum Schlosse herabführen ließ.
Doch der größere Theil dieser Anlagen wurde durch deudreißigjährigen Krieg wieder verwüstet, während dessen dasSchloß in der Regel mit einer Besatzung versehen war, underst Morizens Urenkel, dem Landgrafen Karl, war es beschieden,zu Weißenstein Werke zu schassen, bei deren Anschauen nochspäte Jahrhunderte bewundernd verweilen sollten. Im Jahre1701 begann der Bau des gewaltigen Niesenschlosses mit seinenHunderten von Säulen, und der vom Gebirge herabsteigendenKaskaden. Unter Karl's nächsten Nachfolgern ruhte zwar dieErweiterung des begonnenen Werkes, bis Friederich II. vonNeuem wieder Hand anlegte und Weißensteiu zu seinerSommer-Residenz erwählte. Außer eiuer Anzahl zur Hof-haltung nöthiger Gebäude, welche Friedrich erbaute, erneuerteer auch das Jnuere des alteu Schlosses, legte das chinesischeDorf Mu-Lang an, so wie in den verschiedenen Theilen desWaldes eine Menge Grotten, Mansoläen, Tempel w., die je-doch später einem besseren Geschmacke haben weichen müssen.Durch Friedrich entstanden auch die nach Kassel führende Alleeund die große Fontaine.
Mit dem lebhaftesten Eifer fuhr Friedrich's Nachfolgerder Landgraf Wilhelm IX., in dem sich die Liebe zur Naturmit dem edelsten Geschmacke vereinigte, in der begonnenen Ver-
größerung der Anlagen fort. Schon 1787 ließ derselbe dasalte Schloß niedcrbrechen und unter der Leitung von S. L. du Ryden südwestlichen Flügel des jetzigen Schlosses erbauen. Diesemfolgte unmittelbar die Erbauung des gegenüber stehenden Flü-gels, der von du Np begonnen, von Jnssow aber vollendetwurde. Das mittlere Hauptgebäude lag nicht im ursprünglichenPlane, und erst nach mancher vorangegangenen Berathung undmanchem vergeblich entworfenen Plane wurde dasselbe nachJussow's Entwürfe 1791 begonnen und 1798 vollendet. Die-ses neue Schloß erhielt darauf den Namen Wilhelms höhe.
Durch Wilhelm IX. entstanden ferner noch die Löwenburg,der Steinhöfer'sche Wasserfall, der Aquaedukt, Montcheri undeiue Menge anderer Anlagen, durch welche Wilhelmshöhe erstdie Ausdehnung erhielt, in welcher es uns gegenwärtig entge-gentritt.
Nachdem Kassel 1807 die Residenzstadt des nencn König-reichs Westphalen geworden, erkor auch König Jerome Wil-helmshöhe zu seinem Sommeraufenthalte. Nicht Kassel war es,wo der neue König, als er anlangte, seinen ersten Aufenthaltnahm, sondern Wilhelmshöhe. Kaum hatte der für Schönheitempfängliche Korse den Neisewagcn verlassen, als er von derGroßartigkeit der Gegeud hingerissen die Arme über die Brustkreuzend in stummer Bewunderung längere Zeit wie angefesseltstand, und doch lag die Natur schon in ihrem Winterkleide, dieBlumen waren verblichen und der Wald stand entblättert, dennes war der 8. Dezember. Wilhelmshöhe mußte nun seinen bis-herigen Namen mit dem von Napoleonshöhe vertauschen. Dochnur dem Augenblicke lebend, war der König mit dem zufrieden,was er vorfand, und er hat nichts geschaffen, was noch jetztan seinen Aufenthalt erinnern könnte.
Um so thätiger hat dagegen Kurfürst Wilhelm II. gewaltet.Durch ihn entstand das große Gewächshaus, das Wachthaus,das große Gasthaus, der neue Wasserfall w., uud viele neueAnlagen, vorzüglich zur rechten Seite des Schlosses, wo bisdahin noch wenig geschehen war. Auch wurde durch diesemFürsteu das Hauptgebäude des Schlosses mit seinen Flügelnvöllig vereinigt, so daß dasselbe nunmehr ein einziges un-zertrenntes Gebäude bildet.
Treten wir nunmehr eine Wanderung durch die weit aus-gedehnten Anlagen an.
Das Schloß Wilhelmshöhe.
Anfänglich zwischen Palästen und zum großen Theilprächtigen Lustgärten und freundlichen Landhäusern, dann zwi-schen wogenden Saatfeldern und an zwei Dörfern vorüber,führt eine 1 Stunde lange dichtschattige Lindenallee von Kassel biszu den Anlagen. Während der Weg sich noch weiter in derselbenRichtung bis an den Fuß des Schloßbcrgs fortsetzt, öffnen sichfür den Wanderer rechts und links durch ihren Schatten einla-