Druckschrift 
12 (1856)
Entstehung
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W i l h e l m s h ö h e.

Das große, weite, von der Fulda durchschlnngene Thalvon Kassel wird gegen Abend durch ein stolzes, mit der üppig-sten Vegetation bekleidetes Basaltgebirge geschlossen, welches, inseinem Innern voll malerischer Schluchten und Klüfte, gegenAbend zwar nur allmalig zum Warmethale fällt, gegen Mor-gen, nach Kassel hin, aber um so schroffer und stolzer sich ab-stürzt und durch seine grandiosen Formen schon aus weiterFerne den Blick des Wanderers fesselt. Doch nicht bloß dieseErzeugnisse vulkanischer Kräfte st'nd's, welche das Auge gleichsammagnetisch anziehen: jenes riesige Bergschloß mit seiner gigan-tischen Säule und dem aus dem Strome der Wolken überHöhen und Tiefen schauenden Gotte der Kraft; jene grauen,aus dem Grün des Waldes hervortretenden Mauern undThürme; jener stolze, jetzt in der Sonne tausendfach schillerndeWasserstrahl; jener Fürstenpalast an dem Fuße des Gebirgesendlich, fesseln eben so sehr die Aufmerksamkeit; denn es sind jadie Höhepunkte jenes irdischen Paradieses, jener weltberühmtenWilhelmshöhe, bei deren Anblick einst Klopstock in die begeister-ten Worte ausbrach:Mein Gott! welch' einen großen schö-nen Gedanken hat euer Fürst da in unseres Gottes Schöp-fung hineingeworfen."

Es würde an Vermcssenheit gränzen diesenersten GartenDeutschlands" auf wenigen Blättern in allen seinen Einzelnheitenschildern zu wollen. Denn hier, wo die Kunst und die Natur aufdas Innigste verschwistert, Hand in Hand die Berge und Thälerdurchwalkt haben, wechseln die Scenen so mannichfach und über-raschend, daß der Mund verstummt und nur das lebendige Augees noch vermag, der Seele die unendlich reiche Fülle zu schil-dern.Ganz Deutschland, vielleicht ganz Europa, bietet nichtsHerrlicheres" sagt der sonst so skeptische Weber.WaS sindalle englischen Parks gegen diesen Naturpark? Was die steifen ^

! holländischen, gezierten französischen Gärten des stolzen Louis,und verwahrlosten Villen Italiens, wenn gleich der selten überdie Alpen kommende Italiener von Maraviglia, d' Jncanto,Spavento spricht, gegen diese Wilhelmshöhe? Selbst Larenburg,Wörlitz, Ludwigslust und andere mit Recht berühmte deutscheGärten ermangeln dieser Bergpartien."

Doch ehe wir betrachten, wollen wir die Frage erledigen:wer hier einst gelebt und gewirkt und wer all' dieses Große undSchöne hervorgerufen hat?

Ueber die Höhen des Habichtswaldcs und von da herabbis nahe vor Kassel breitete sich ehemals ein Gericht aus, wel-ches den Grafen von Schauenburg gehörte, deren alte Stamm-burg an dem südlichen Ende des Gebirgs ans einem spitzen! über dem Dorfe Hof aufsteigenden Kegelberge in ihren letztenResten noch sichtbar ist. Der Hauptort dieses Gerichts war dasnordöstlich unter Wilhelmshöhe liegende Kirchditmold, dessenuralter bedeutungsvoller Namen (Iwt»nckw) schon die Aufmerk-samkeit des Forschers auf sich zieht. Vor mehr als siebenJahrhunderten kam zu diesem Dorfe ein Geistlicher aus Fritzlarund bewog die Einfassen des Gerichts, die Markgenossen jenesWaldes, einen Theil desselben einer frommen Brüderschaft zueiner Ansiedelung zu überlassen. Die Besitzer des Waldes, oblediglich durch die Kraft seiner Worte oder noch durch andereMittel dazu bewogen, ist unbekannt, übergaben zu jenem Zweckedurch ihren Vogt, den Grafen Avclbcrt von Schauenbnrg,einen an dem mittleren Fuße des Gebirges liegenden Ort, dervon der Farbe seiner Felsen der weiße Stein genannt wurde.Dieses geschah vor dein Jahre 1137, und es wurde dadurch derGrund zu den: Kloster Weißen stein (moim-ckei-ium in lupiäaick in» oder auch vullis sunetun Mnüm geopa ^Vicmimtlcku) gelegt,. über welches die Grafen von Schauen bürg die Schirmvogtei