noch ausser dem Park liegenden Zubehörungen hinzu, so steigertsich die räumliche Ausdehnung auf 645 Morgen").
Das im altrömischen Style erbaute und 500 Fuß lauge Oran-gerie -Schloß, aus drei durch zwei 170 Fuß lange Flügel verbundenePavillons bestehend, bietet auch in seiner jetzigen Verödung immernoch einen herrlichen Anblick, wenn auch zwischen dem Jetzt unddem Ehemals der auffallendste Kontrast liegt. Denn ehemalswaren die beiden Saale des Gebäudes mit künstlichen Krystall-grotten und sprudelnden Springquellen, mit Statuen und Ge-mälden, überhaupt mit einem Glänze ausgeschmückt, der unsan die bunten Phantasie-Schlösser eines Ariost's erinnert. Nochjetzt beschatten während des Sommers zwei Alleen von Oran-genbäumen, zum größten Theil von seltener Höhe und Stärke,die Terrassen des Schlosses und füllen die Luft mit ihrem bal-samischen Blüthendufte. Das Marmorbad, mit seinen schönenBildhauerwerken, befindet sich dagegen noch in wohlerhaltenemZustande, ist aber wohl niemals als das benutzt worden, wozucs seinem Namen und seiner Errichtung zufolge bestimmt war.
Während der übrige hinter dem Schlosse liegende Theilder Insel von einem offenen 2(0/2 Morgen großen Garten be-deckt wird, breitet sich vor dem Schlosse ein rings mit Statuengeschmückter Rasenteppich (das Bowlingreen) aus, welcher über59 Morgen umfaßt, und bis zu dem eigentlichen Parke reicht.Stellt man sich vor den Mittelpavillon des Orangerie-Schlosses,so liegen dem Blicke die fünf Hauptalteen des Parks in ihrerganzen Länge offen, indem dieselben sämmtlich auf diesen Mit-telpunkt gerichtet sind. Die sehr breite aus vier Reihen Lindenbestehende Hauptallee, an deren Beginne zwei von Nahl ver-fertigte antike Pferdebändiger aufgestellt sind, ist 300 rh. Ruthenlang und führt zu dein Hanptbassin. Während diese perpendi-kulär auf das Orangerie-Schloß gerichtet ist, stoßen die Seiten-alleen in spitzen Winkeln auf diesen Punkt. Von diesen befin-den sich auf jeder Seite zwei parallellaufende Lindenalleen, undzwischen denselben zieht sich ein zehn rh. Ruthen breiter Wasser-graben hin; der links, welcher der Hirschgraben genannt wird,hat in seiner jetzigeil Ausdehnung 220 rh. Ruthen Länge, derzur Rechten hingegen, der Küchengraben genannt, erstreckt sich,nacbdcm er 235 rh. Ruthen in gerader Linie erreicht hat, in meh-reren Bögen noch weiter und bis zum Ende des Gartens. Das amEnde der Hauptallee sich ausbreitende, von zahlreichen Schwä-nen belebte 145 rh. Ruthen lange Hauptbassin hat eine Wasser-
"') 5z/z kass. Morgen sind gleich 5 prenss. Morgen.
fläche von 34H .2 Morgen und in seiner Mitte eine etwa 2VaMorgen große Insel mit einem von Blumenbeeten und blühendenSträuchen umgebenen Tempel. Das ganze bietet ein überausmalerisches wahrhaft entzückendes Bild, voll so reizender Lieb-lichkeit, daß das Auge nimmer ermüdet.
Unmittelbar an das Bassin und von diesem nur durch eineBrücke geschieden, liegt noch ein zweites über 854 Morgen großesBassin mit einer mehr als 10 Morgen umfassenden Insel, aufwelcher sich ein künstlicher etwa 50 Fuß hoher waldiger Hügel,der s. g. Siebenberg, erhebt. Früher ganz verwildert undvon zahllosen Lapinö bewohnt, wurde diese Hügclinsel 1834wieder hergestellt und reiht sich jetzt den übrigen Anlagen wür-dig an. Ihr Besuch ist vorzüglich in dem Beginnen des Früh-lings lohnend, wo man hier eine Menge Orchis, Nieswurz,Schneeglöckchen, Anemonen w., und zwar meist von seltenernArten, in voller Blüthe findet.
Ein Thiergarten, welcher früher an dem südlichen Endeder Aue lag, ist schon seit Jahren eingegangen, und nur dieFörsterwohnung noch davon übrig. Dagegen befindet sich diean denselben stoßende Fasanerie noch in ihrem vollen Beständeund ist reich an den verschiedensten Arten Geflügel. Auch hatdie Aue eine Restauration.
Vom Orangerie-Schlosse an ist die Aue rings umfriedigtund vier Pforten führen in ihr Inneres, an deren jeder einPförtner wohnt.
Ehemals unterlag der Besuch des Gartens mancherlei Be-schränkungen. Nur „Adeligen, Standespersonen, Handels-, Kauf-und andern reputirlicheu Bürgersleuten" war derselbe gestattet,dagegen „gemeinen Soldaten, geringen Handwerksburschen, Tag-löhnern, Knechten und Mägden, ohne Beiseyn ihrer Herren,desgleichen „Jungen, Kindern oder anderm lüderlichen Gesin-de! und Bettlern" durchaus versagt. Das hat sich jedoch allesgeändert und nur den Hunden ist jetzt noch und zwar bei To-desstrafe das Betreten des Parks verpönt. Indeß wird der Aue-garten keineswegs so, wie er es wohl verdiente, besucht. Essind der Vergnügungsorte und einladenden Spaziergänge umKassel zu viele. Nur an einem Tage des Jahres, am erstenPsingsttage, zieht die ganze Bewohnerwelt von Kassel, einer al-ten Sitte mechanisch folgend, hinaus und füllt im buntesten Wech-sel die weiten Räume des Parks. Soust herrscht hier nur imWinter wahrhaft lebendiges Regen, wenn der glatte Eisspiegel derTeiche die rüstigen Lebensalter mit Eisschuben und Schlitteneinladet.