Druckschrift 
12 (1856)
Entstehung
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Aber schon am 1. Februar >640 kam sie durch List wieder in die Gewaltder Sachsen.

Nachdem die Stadt noch zweimal, unv zwar 1641 u. 1644 aus der Handder Schweden den bittren Kelch der Eroberung hatte leeren müssen,gab ihr endlich der westphälische Friede von 1648 eine dauerndeRuhe. Der Friedensschluß verwandelte das Erzstift Magdeburg in einerbliches Herzog thu in, mit der Bestimmung, daß dasselbe nach demTode des Administrators August von Sachsen an das Kurhaus Bran-denburg fallen sollte, worauf im I. 1650 am 4. April die Stände demgroßen Kurfürsten die Eventualhuldignng leisteten. Nachdem der Ad-ministrator für das Herzogthum noch manche gute Einrichtung getroffen,namentlich 165? eine, zum Theil noch jetzt gültige, Kirchen-Ord-nung erlassen, in Halle ein Konsistorium, den obersten Gerichts-hof unv die Landesregierung eingesetzt hatte, kam das Herzogthumnack seinem, zu Halle l680 am 4. Juni erfolgten Tode definitiv anBrandenburg, dessen Kurfürst am 3. Juni 1681 die Huldigung derStadt personlich einnahm. Durch das Eingehen der Hoshal-tung mußte die Stadt begreiflicher Weise viele Nahrungszweigeverlieren; Kurfürst Friedrich Wilhelm l!I. zögerte deshalb nicht,bei seinem Regierungsantritte 1683 einerseits die Aufnahme der ge-flüchteten Deutsch- und Französisch - Reform irteu, deren sehrviele sich mit nicht unbedeutendem Vermögen, mit neue» Gewerbszweigenund Anschauungen nach Halle wendeten, bereitwilligst, gleich seinemVorgänger, zu gewähren, andererseits die von dem Stallmeister desverstorbenen Administrators, einem Herren Milw, genannt Lafleur, >680gegründete Bildungsanstalt für die am Orte wohnenden Söhne derfrüheren Hofbeamten 1683 zu einer förmlichen Rirterakadeune zuerweitern. Als nun auch der aus Leipzig durch die Orthodorenvertriebene Thomasius nach Halle kam und an der Ritterakademieseine immer stärker besuchten Vorlesungen eröffnete, beschloß der Kur-fürst den zuerst vom Cardinal Albrecht gefaßten, dann von venStänden des Herzogtums wieder angeregten Plan einer in Hallezu begründenden Universität auszuführen, deren geistige Bedeutung,wie sie sich an die hervorragendsten Namen knüpft, wir hier kurzandeuten wollen. Nachdem der Kurfürst mehrere berühmte Lehrer, wennant meist nur gegen eine geringe Besoldung fein ordentlicher Pro-fessor hatte gewöhnlich ca. 460 Thaler festen Gehalt und der ganzeursprüngliche Fond betrug nur 3500 Thaler), gewonnen hatte, erfolgteam 1. Juli alten Stils 1604 im Beisein des Stifters, unter Theil-nahme von bereits 765 Studenten (worunter nur 60 Theologen) undmit großein Gepränge die feierliche Einweihung, welcher bereits1693 die Eröffnung der Vorlesungen vorausgegangen war. Der Cha-rakter des Thomasius ist der Charakter der Universität; in ihn? laggleichsam wie in dem Keime ihre Zukunft. Einestheils der Vertreterdes gesunden Pietismus, des lebendigen Christenthums, gegen die starreBuchstaben-Orthodorie, anderntheils der Kritiker des gesunden Menschen-verstandes, rief er nicht bloß in der Behandlung der akademischen Wis-senschaften die bis dahin fast unerhörte und in ihren Folgen unabsehbareNeuerung des deutschen Vertrages hervor, sondern bewirkte auch aufbesonderen Gebieten der Wissenschaft und des Lebens die wesentlichstenReformen, indem er nämlich die Rechtswissenschaft auf einen neuenStandpunkt führe?? half und namentlich mit aller Macht des Witzes, derGelehrsamkeit, der Ueberzeugung auf die Abschaffung der entsetzlichenHerenprozesse hinwirkte. Er war fast Alles zu gleicher Zeit: Historiker,Philolog, Staatsökonom, Jurist, auch praktischer, Pädagog, Theolog,zuerst mehr gläubig, dann mehr rationalistisch - wolffisch. Obgleich an-fangs mehr Juristen als Theologen in Halle studirten fvoi? 1604 bis1724 sind 8052 Juristen und nur 603? Theologen eingeschrieben worden),so ist doch Hatte in? Ganzen eine theologische Universität gewe-sen. Der Schwerpunkt ihrer Geschichte fällt in die Theologie, und zwarvorwiegend in die praktische. Hierher gehört vor allen Aug. Herin.Francke (st 1727), der unermüdliche Förderer eines werkthätigen Christen-thums, wenn auch in den Wolff'schen Händeln etwas engherzig undfanatisch, der geschickte Pädagog, der unsterbliche Stifter des Waisen-

1 Hauses. Ihm zur Seite standen Anton (st 1730) und namentlich Breit-haupt, der Mann des strengen Gesetzes, des finstern Geistes, der hohenKirchenämter. Dieser pietistischen Trinität gegenüber vermochte sich dermehr wissenschaftliche und milde, so wie einer gewissen philosophischen (for-mellen) Bildung zugethane B ud d eus, der Verfasser formell vollendeterKompendien (was wenigstens in? Anfange nicht eben eine Eigenthüm-lichkeit der halleschen Professoren war), nur bis 1705 zu halten, wo ernach Jena ging. Die erste Generation der Pietisten hatte dieWelt gesehen und darum Erfahrung; die zweite warum so engherzigerund philiströser. Ihre Zahl ist groß; wir nennen nur Joachim Lange(st 1444), der Schulfuchs genannt, der unerbittliche Feind Wolff's, aberauch der Verfasser der erste?? brauchbaren und methodischen Grammatikenund A. H. Francke's Sohn, August Gotthilf Francke, welchem der großeFriedrich (scherzwcis) befahl, das Theater zu besuchen, welches er gernganz aus Halle fortgeschafft hätte. Die Brücke vom Pietismus zumKriricismus ist Jac. Sigm. Baun?garten, von Voltaire die Kroneder deutschen Gelehrsamkeit genannt, formell ein Wolffianer, in seinenöffentlichen Aeußerungen ziemlich streng gläubig, der Verfasser einer un-glaublichen Anzahl von Büchern, namentlich Sammelwerken. SeinSchüler ist der berühmte Seinlcr (st 179>), der keines Vornamensbedarf, ein Man?? von ungeheurem Fleiße, von großer Frömmigkeitund von eben so große??? Frcimuthe, besonders in seinen Urtheilen überdie Bibel, welche er, wohl der erste in Deutschland, von einem insvi-rirten zu eine??? menschlichen Buche herab- und hinaussetzte, jedoch inirder Unterscheidung, daß man sür das Volk den alten Glauben möglichstbeibehalten müsse, und daher ein Gegner Bahrdt's (st 179Z), vestalentvollen, aber sittenlosen Freigeistes. Als praktischer Theolog, nochmehr als berühmter Pädagog, und zugleich als gewandter Weltmann,einflußreich bei Bettlern und bei Königen, steht da der Kanzler Aug.Hern?. Ni eine per, zugleich Direktor der Francke'schen Stiftungen(st >828). In seinen? liberalen Geiste wirkte Wegscb eider fort(st 1849), der Altmeister des Rationalismus, ebenso einflußreich durchsein unübertroffenes sittliches Beispiel als durch die Ueberzeugungskraftdes schmucklosen Wortes. Von 1840 an herrscht in Halle die moderneOrthodorie, ein Mittelding zwischen eigentlicher Orthodorie und scho-lastischer Philosophie, nickt ohne Talent, Geist, Phantasie und Gelehr-samkeit hauptsächlich durch Tholuck vertreten. Auch Schleiermacherlehrte von 1804 bis 1807 in Hatte. Dies sind die Häupter dereigentlichen Theologie. Neben ihnen mögen die Orientalisten ihrenPlatz finden: Die drei Michaelis (auch David M. lehrte eine Zeitlang in Halle), welche für Tertkritik, Grammatik und Lerikographie dieFundamente legten, später Vater (st >825), welcher für die 5 BücherMoses die in vielen wesentlichen Stücken noch jetzt geltende rationelleAnficht geltend machte, besonders aber Gesenins (st 1842), der welt-berühmte Verfasser der hebräischen Grammatik und des hebräischen Leri-kons, der freimüthige Theolog. Unter den Philologen führen wir anCellarius (st 1707), Aug. Wolf (ging 1809 nach Berlin), den berühmten Kritiker des Homer, ferner Klotz, Reisig, Bernhardp, denMann des geistreichen und massenhaften Wissens und Meier (beide nochlebend). Männer der specielle?? politischen Geschickte fehlen an-fangs wie überall, so auch in Halle, wenn man nicht Cellarius undGundling dahin rechnen darf; aus der neuesten Zeit erwähnen wir Leo,zuerst Nationalist, dann katholisirender und fanatischer Großinquisitor,dein die Geschichte ein Kampf zwischen Christus und dein Teufel (fran-zösische Revolution) ist, aber nicht ohne Geist und Kenntniß. Unter denJuristen leuchten vor Anderen Sam. Stryk (st 1710), ein Meisterseiner Zeit, Thomasius, Henning Böhmer (st 1749), der Begründerder neueren kanonischen Rechtswissenschaft, die Mitbegründer desPreußi-schen Allgemeinen Landrechts" Klein und Nettelbladt, der scharf-sinnige Prozeßlehrer Pfo tenh a uer und der Pandektist M ü hlenbruch.Den berühmtesten Philosophen hat Halle in Christian Wolsf(st1«54jgehabt, dein konsequenten mathematischen Denker, dein Feinde des Pie-tismus, dein ersten Bearbeiter einer philosophischen Encyklopädie, einemManne, der zugleich der damaligen Naturwissenschaften mächtig war,