Häuserreihe zwischen der Magdalenen-Straße auf dem Spiekerhofe und deröstlichen Aa-Brücke. Sie wurde im Jahr 1827 nebst dem Hospital abge-brochen, und für die Pfründner das von der königlichen Regierung zurVerfügung gestellte ehemals Ningesche Kloster auf der Ludgeri-Straße,aber nur für Bürger der Stadt nebst einer Pastorat und Hauskapelle ein-gerichtet. Z) Die Nikolaus-Kirche, auf der Dom-Immunität an dernordöstlichen Ecke des Horste-Berges liegend, hatte einen höchst merkwür-digen Thurm mit einem steinernen Dache in durchbrochener Arbeit, welchesohne Bedeckung und von allen Seiten durchsichtig war. Sie ruhte aufsteinernen Säulen, hatte fünf Altäre, eine Anzahl marmorner Bilder undbemalte Fenster. Am Nikolaustage, dem 6. Dezember, pflegte man durchdie Decke den unten versammelten Waisenkindern Geschenke hinabzuwerfen.Ursprünglich diente sie als Pfarrkirche für die Dienstleute der Domherren,hatte aber keinen Tanfstein, weil anfänglich auf der Dom-Immunität keinVerhciratheter wohnen durfte. Die Zeit ihrer Erbauung mochte in das15. Jahrhundert fallen. Sie wurde, nachdem sie schon viele Jahre demGottesdienste nicht mehr geöffnet gewesen, vor achtzehn Jahren abgebrochen.4) Die Jakodi-Pfarrkirche, die frühere Bestimmung der Nikolaus-Kirche als Dom-Pfarrkirche später ausfüllend, war ursprünglich eine Kapelle,stand auf dem Domplatze der Post gegenüber, und war im neueren Bau-style recht schön aufgeführt; sie wurde im Jahre 1814 abgebrochen.
Ueber Sitten und Lebensart der Bewohner Münsters, wie sie zurZeit des Herrmann von Kerssenbroik in der zweiten Hälfte des 16. Jahr-hunderts waren, mögen folgende Auszüge einiges Licht verbreiten. „Einigekleiden sich wie die Spanier, einige wie die Italiener, einige wie die Scy-then, einige wie die Polen, einige wie die Engländer, einige wie die Bra-bänder; wenige drücken noch die alte Simplicität durch ihre Kleidungaus." — „Das Karneval feiern sie mit solcher Ausschweifung, daß sieglauben, bei dieser Gelegenheit seien ihnen alle Thorheiten erlaubt.Denn sowohl Männer als Weiber laufen mit scheußlichen Larven und inungewöhnliche Kleidung gehüllt, mit brennenden Fackeln umher, wobei auchTrommeln und Pfeifen nicht vergessen werden. Die Männer stecken sichin Weiber- und die Weiber in Männer-Kleider. Die anderen erlustigensich unterdessen mit Tanzen, und durch den freigebigen Wirth dazu auf-gemuntert trinken sie in langen Zügen; und damit sie, um zu trinken,nicht nöthig haben, die Larve abzuthun, bedienen sie sich einer silbernenoder zinnernen Röhre, welche sie um den Hals hangen haben. Die Ge-sellen eines jeden Handwerks ernenne» einen ihrer Kameraden, der vor-züglich stark, groß, und schön gekleidet ist, und das Zeichen oder den Schildihres Handwerks tragen muß. So gehen diese durch die Straßen derStadt und sammeln bei den Meistern ihres Handwerks, oder bei denen,für welche sie gearbeitet haben, Geld, Fleisch und Würste, wovon sie nach-her ein Gastmabl zubereiten. Was sie nicht verzehren können, das ver-nichten sie; für den folgenden Tag sind sie unbekümmert. Die ganze Stadtwiedcrhallet einige Tage hindurch von dem Lärm der Trommel» und derrasenden Menschen." — „Die Vergnügungen der Jugend sind mancherlei.So erholen sich die Schüler der Paulinischen Schule jdes Domgymnasiums)von ihrem ununterbrochenen Studiren mit einer Freiheit, wozu die Feriensie berechtigen. Denn dreimal im Jahre wird die ganze Schule in dasFeld, wiewohl unbewaffnet, geführt. Das erstemal geschieht es am nächstenDienstage vor Pfingsten. An diesem Tage gehen alle Schüler in derjenigenOrdnung, welche einem jeden seine Klasse und seine Geschicklichkeit ange-wiesen hat, aus der Stadt, setzen sich sogleich in grünen, Tages zuvorerrichteten Hütten zu Tisch, schmaußen so unmäßig, daß man sie für unsin-nig halten sollte, und sind in allen Stücken so ausgelassen, daß sie aufkeine Art durch die gegenwärtigen Lehrmeister an diesem Tage könnenin Zaum gehalten werden. Wenn es anfängt. Nacht zu werden, lassen siesich theils durch Drohungen, theils durch Schläge, theils durch Bitten be-wegen, aufzubrechen; sie kehren dann singend und mit Zweigen in denHänden, aber noch immer ungern, zurück. Die zweite Lustbarkeit der Schü-ler findet bei Gelegenheit des jährlichen und öffentlichen Eramens statt,die letzte aber am Nikolaustage, an welchem aus der Zahl der Schülerein Bischof gewählt wird, welcher die ganze Schule mit Fackeln und Lichternfeierlich auf den Domplatz führt. Hier singen die Schüler einige Lieder
ab und eilen alsdann zum Schmaust." — Die Weiber und Mädchen be-schäftigen sich vorzüglich mit Nähen, Spinnen und Weben; aber sie besitzeneinen unnatürlichen, bis zum Ekel übertriebenen Hochmuth, besonders dieGeringen, welche es den Reiche» und Vornehmen gleich thun wollen; mwdamit sie sich putzen können, entziehen sie oft ihrem Leibe den nothwendigenUnterhalt." — „Es herrscht aber unter den Einwohnern beiderlei Geschlechtseine so besondere Höflichkeit und ein so seltenes, leutseliges Betragen, daßman sich billig wundert, wie mitten in dem ungeschliffenen Westfalen sofeine Sitten haben entstehen können."
Die Abstammung der Bewohner Münsters von dem altsächsischcnVo lkss tamm läßt sich noch recht gut erkennen. Die Sprache ist noch einreiner und unverfälschter sächsischer Dialekt, zwar mehr auf dem Lande, alsin der Stadt, wo sich viele hochdeutsche Wertformen und Redeweisen all-mählich cingeschlichen haben. Mit besonderer Liebe hält der Münsterländerseine angestammte Volkssprache fest und spricht sie gern. Wegen derSchwierigkeit, harte und scharfe Laute auszusprechen, wird ihm das richtigeAussprcchen der Schriftsprache selten gelinge», und in der Fremde verräthdeßwegen der Münsterländer, so wie die meisten Westfalen, auf der Stelleseine Herkunft. Bei ihm zeigt sich im Ganzen Vorliebe für das Alteund Herkömmliche, Beibehaltung alter Sitten und Gebräuche, und bereit-willige Unterwürfigkeit unter die Gebote der katholischen Kirche und ihrerGeistlichkeit; auch wollen Fremde an ihm Verschlossenheit und Znrückhaltungbemerkt haben. — Wenn sich auch die vorherrschend blonden Haare undblauen Augen als Kennzeichen altdeutscher Abstammung erhalten haben, soist dagegen eine eigentliche Nationaltracht nicht mehr zu finden, manmüßte denn eine eigenthümliche Art von Mützen und Hauben bei den Frauenund Mädchen auf dem Lande für eine solche gelten lassen. — Das Lebender Bewohner und der gegenseitige Verkehr ist zwar nach Ständen etwasgegliedert, doch im Allgemeinen heiter, freundlich und angenehm. Alles,was das Leben erheitert, ist hier zu finden; die Umgebungen der Stadt,so wie die Promenaden und der Schloßgarten, laden zu Spaziergänge»zwischen freundlichen Gärten und Anlagen ein. Zahlreiche Kaffee-, Bier-Weinhäuser vor allen Thoren bieten Erfrischung, und an den meisten schö-nen Sommertagen ertönt an wenigstens einer Stelle liebliche Harmonie-Musik. Der Sinn für Musik und Gesang ist sehr verbreitet; zahlreichekleinere und ein größerer durch viele Theilnehmer unterstützter musikali-scher Verein, mehre Vereine für Männergesang, unter ihnen die sehrausgezeichnete Liedertafel, sowie die vortrefflichen Musikkorps des 1Z.Infanterie - und des 11. Husaren-Regiments, ferner das städtische Musik-korps, die Domkapelle u. s. w. bieten die schönsten Genüsse. Für Pflegeder Wissenschaft, Kunst und der literarischen Unterhaltung sind diebereits erwähnten öffentlichen Lehranstalten, an ihrer Spitze die Aka-demie mit der Paulinischen Bibliothek von 46,660 Bänden und mitmanchen Seltenheiten, das Provinzial- sowie das städtische Archiv; fernerdie verschiedenen Vereine, u. a. das Museum für vaterländischeAlterthümer im Lokale des Kunstvereins, ferner zwei (wie obenerwähnt) Leihbibliotheken und Lesevereine, eine kürzlich errichteteZeitungshalle, so wie die zahlreich aufliegenden Journale und Zeit-schriften in den Klubs, z. B. dem Löwen klub, dem Civilklub, auchdie Bibliotheken der einzelnen Behörden, im vollsten Umfange wirksam.Die gesellige Unterhaltung wird durch zahlreiche Wirthshäuser, Re-staurationen, Gasthöfe u. f. w., durch die Bälle und sonstigen Lustbarkeiten,welche die Klubs, manche Privatgesellschaften und einzelne Straßen »ndStadtviertel (bekannt unter deni Namen „Peter"), ferner das Bürger-Schützcnkorps, die kürzlich errichtete Bürgerwehr veranstalten; auchdie sog. „großen Schützen," durch dreimalige Jahrmärkte, überhauptdurch viele Gelegenheiten zur Befriedigung der Sprech- und Gescllschaftslusthinreichend befördert. In der Regel ist auch im Winter für einige Monate dasSchauspielhaus eröffnet; entweder die fürstl. Lippc-Detmolt'sche, oder irgendeine andere achtungswerthe Gesellschaft gab bis jetzt darin Vorstellungen;nur selten blieb die Stadt einen ganzen Winter ohne solche. Als Uebel-stände müssen wir den Mangel einer guten Straßenbeleuchtung,und auch einer guten Bade-An stall rügen, da das seichte Aa-Flüßchengroßentheils die Schuld trägt, wenn die zwei vorhandenen Badc-Anstalten,