Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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8. Die Kirche und das vormalige Stiftin der Vorstadt St- Man ritz-

Drei Thürme, deren einer, der Glockenthurm, westlich liegt, die beidenandere» beim Anfange des Chores südlich und nördlich angebaut sind, ge-ben diesem Gebäude ein ganz eigenthümliches Ansehen. Die beiden Seiten-thürme scheinen viel späteren Ursprungs als die übrigen Theile zu sein;der Glockenthurm, wenigstens sein unterer Theil- erinnert an die vordeutscheBauart und mag noch von den ersten Zeiten der Gründung herstammen;er sowohl als die Kirche haben mehrmals durch Brand gelitten. Der Chorist im deutschen Baustpl gehalten und weiset auf das 15. Jahrhundert zu-rück. Südwärts stand früher, an die Kirche gelehnt, eine Halle oder dersogenannte Kreuzgang, der aber in der neueren Zeit abgebrochen ist. Dieübrigen zum Stift gehörigen Gebäude, die ebenfalls an der Südseite lagen,find theils noch vorhanden und zu verschiedenen Zwecken benutzt, theils erstin der neuesten Zeit abgebrochen. Die Seitenwände der Kirche sindschadhaft geworden und ihr Ausweichen durch neu angebaute Strebepfeilergehindert. Auf deui Chöre befindet sich, in der Seitenwand eingemauert,das Epitaphium des Gründers der Kirche, Bischofs Friedrich I-, welcherauf demselben in liegender Stellung mit Harnisch und Chorkappe undkreuzweise über einander geschlagenen Beinen ausgehauen ist. Früher standes mitten im Kirchengange, wurde aber im Jahre l785, weil es die Aus-sicht und den Aufgang auf den Chor hinderte, weggenommen, und aufdie eigentliche Grabstätte statt seiner ein Stein mit metallener Inschriftgelegt. Es stammt aus dem Jahre 1576; das frühere und ältere ist durchdie Wiedertäufer zerstört. Das Altarblatt des Hochaltars, Christumam Kreuze vorstellend, wie ihm durch einen Kriegöknecht Essig gereicht wird,ist ans der niederländischen Schule und erinnert an die Manier des be-rühmten Van Dyck. Ein kleines über demselben befindliches Gemälde,die Himmelfahrt Christi vorstellend, scheint aus derselben Schule zustammen. In der sehr alten westlich angebauten Halle steht das Monu-ment des Vollenders der Kirche, des Bischofs Erpho; das Bild desselben,mit Bischofsstab, Chorkappe und Harnisch, liegt, in Stein ausgehauen, aufeiner erhabenen Tumbe. Die Zerstörung eines früheren und älteren Epi-taphiums, welches hier stand, ist ebenfalls durch die Wiedertäufer geschehen;das jetzige ist aus dem Jahre 1626 und mehrmals seither reparirt.Der Umfang der alten Immunität ist noch jetzt durch den einschließendenGraben und einige noch erhaltene Thorpfeiler zu erkennen; die Wohnungender Kanoniken sind jetzt sämmtlich in anderen Händen.

Die übrige» Kirchen der Stadt, die dem Gottesdienste noch geöffnetfind, bieten wenig Merkwürdiges. Die Aegidii- sfrüher Kapuziner-)Kirche, zwischen der Aegidii- und Königsstraße im südlichen Theile derStadt liegend, hat ein recht schönes aber durch naheliegende Gebäude fastganz verdecktes Frontispis und eine kunstvoll aus Holz gearbeitete Kanzel,an deren Fuße zwei Statuen Christum und den h. Franziskus vorstellen,welcher vor jenen, ehrfurchtsvoll hinknieeno die Lehren für die Einrichtungseines Ordens hinnimmt. In Ermangelung eines eigentlichen Thurmessind die Glocken unter dem Dache auf einen, sogenannte» Glockenstuhleangebracht. Die Servatii-Kirche, am östlichen Ende der Stadt inder Nähe der Clemenskirche liegend, ist klein und unansehnlich, hat aberein sehr wohlklingendes Geläute. Auswärts befinden sich noch die Spureneines Predigtstuhles, von welchem herab an Festtagen bei guter Witterungdem Volke gepredigt wurde; auch die Wiedertäufer haben ihn zu ihrenZwecken benutzt. Die vormalige Jesuiten- (jetzige St. Petri-)Kirche, in welcher der Gottesdienst für das Gymnasium und diekatholische Militär-Gemeinde gehalten wird, hat nichts Sehens-werthes; sie liegt westlich vom Domplatze, durch andere Gebäude verdeckt,dem Gymnasialgebäude gegenüber. Dem letzteren, mit ansehnliche» Schu-len und Hörsälcn nebst der Aula für das Gymnasium und die Akade-mie, den, anstoßenden ehemaligen Jesuiten-Kloster nebst Garten,dem naturhistorischen Museum, der Paulinischen Bibliothek,den Lokalen für die chemischen und physischen Apparate, demastronomischen Observatorium, wäre eine bessere Lage zu wün-schen.

Münster.

Unter den übrigen Gebäuden verdienen das Rath Haus und daskönigliche Schloß eine besondere Beschreibung.

Das Nathhaus.

Neber das Alter dieses im deutschen Style errichteten Gebäudes fehlenalle Nachrichten; der Baustyl erinnert an die erste Hälfte des. Jahrh.Die hohe und imposante Fronte ruht aus runden Säule» und bildet inihrem unteren Theile einen Bogengang, aus welchem zwei Thüre» indas Innere führen. Sie ist mit den Bildsäulen des h. Ludgerus und an-derer Heiligen, weiter hinauf mit anderen Bildhauer-Arbeiten geziert, undträgt auf dem Gipfel die Bildsäulen geflügelter Engel von Marmor. Un-ter dem Bogengange befinden sich in einer Vertiefung der Wand hintereinem Gitter die Zangen, mit welchen die Häupter der Wiedertäufer vorihrer Hinrichtung gezwickt find, sowie die eisernen Werkzeuge eines im Jahre1686 Hingerichteten Falschmünzers. Die größte Merkwürdigkeit desRathhauses ist der FriedenSsaal, in welchem im Jahre 1648 der west-fälische Friede katholischer Seits geschlossen wurde. Er liegt im HinterenTheile des Gebäudes, ist ungefähr 66 Fuß lang und 25 breit, hat wenigLicht und ei» düsteres Aussehen. Nur die östliche Wand hat Fenster, undin diesen befinde» sich die vortrefflichsten Glasmalereien, in welchensich unter anderen die Bildnisse der vier Wiedertäufer-Häupter Johann v.Leyden, Knipperdolling, Krechting und Rothmann zeige». An der südlichenWand befindet sich ein sehr alter, jetzt zugemauerter Kamin, mit demWappen der Stadt Münster. Ein kunstvoll gearbeiteies Getäfel bedecktdie westliche nnd nördliche Wand; das Schnitzwerk in der letzteren ist be-sonders sehenswerth. Die Sitzbänke nebst den Polstern, ans welchendie Friedensgesandtcn damals saßen, der Tisch, an welchem die präfi-direnden Gesandten mit den Sekretären die Verhandlungen niederschrieben,sowie das Crucifir, vor welchem die Eide abgelegt werden, find eben-falls noch vorhanden. An den Wänden hangen die Portraits sämmt-licher zugegen gewesenen Gesandten, auch Philipps IV., Königs vonSpanien, Ferdinands III., Kaisers von Deutschland, des damals nochunmündigen Königs Ludwigs XIV., Königs von Frankreich, sowie desdamaligen Stadt-Kommandanten. Oben an der alten und merk-würdigen hölzernen Decke ist eine Inschrift- Xmlim»,- er »Kein par»,wahrscheinlich als Symbol der Gerechtigkeit bei den Nathsverhandlungen.Auch eine Anzahl alter Rüstungen und Waffen, ferner die Bett-stelle Johanns v. Leyden, und der gestickte Pantoffel der ElisabethWandscherer, einer seiner Frauen, deßgleichen ein altes eisernesHalsband, sind vorhanden. An das letztere knüpft sich folgende Sage.Im Jahre 1547 waren die Herren Lambert v. Oer und Gerhardv. Haaren in heftigen Streit mit einander gerathen. Als einst an einemSonntage der v. Oer zur Messe nach Lüdinghausen fuhr, fiel ihn derv. Haaren aus einem Hinterhalte auf der Landstraße an und warf ihmdieses eiserne inwendig mit starken Spitzen versehene Halsband um denHals. Es war in Nürnberg gemacht »nv von so künstlicher Arbeit, daßes, obgleich ohne Schloß, sich von jelbst festschloß und nicht wieder geöffnetwerden konnte. Fürchterlich drückten die Stacheln das Fleisch, und derv. Oer litt unerträgliche Schmerzen. Alle Schmiede und Schlosser derUmgegend vermochten nicht, das Band abzunehmen. Endlich fand sich einSchmied in Münster, wohnend auf der Hörsterstraße, Namens ThielSchwoll, der ein kühnes Wagestück zu machen beschloß. Der v. Oermußte seinen Hals auf den Amboß legen; der Schmied ergriff seinenHammer, und führte mit den Worten:Im Namen des Vaters, und desSohnes, und des heiligen Geistes," drei gewaltige Schläge auf das Hals-band. Nnd siehe, mit dem letzte» Schlage sprang es auf, ohne daß derv. Oer im Geringsten beschädigt wurde.

Das königliche Schloß.

Dieses große und ansehnliche Gebäude liegt im Westen der Stadt,jenseit des schönen und geräumigen Neuen-Platzes, und hat ein freund-liches Ansehen, ist übrigens im neueren französirten und keineswegs ineinem reinen Geschmacke erbaut. Der Mittelpunkt fällt durch größereEleganz und Zierrathen in die Augen; auf dem Dache ragt ein Thurmmit Uhr und Uhrglocken hervor, und einer über einer Kugel schwebenden

VI.