Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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die Kapelle verschwunden, und an ihrer Stelle war ein Teich mit schönemund klarem Wasser zu sehen. Deutlich spiegeln sich in diesem die grünenalten Buchen und Eichen, deren Zweige über ihm herabhangen; der glatteSpiegel seiner Fluth wird aber weder durch Sturm noch durch Regen inBewegung gesetzt. Wenn man aber in der Kirche zu Lüvinghausen dieGlocken mächtig läntet, dann kreiset sich das Wasser im Teiche »nd wirftWellen, und es tönt tief im Grunde, als läute darin das versunkeneKapellglöckchen,

6, Der Amtmann Timp-Hot.

In alten Zeiten, als das Acgioii-Nonnenkloster noch bestand, wohnteauf der Aegidii-Straße ein Amtmann, der stolz und hoffärtig war, undimmer mit Küllchen und Pferden umhcrfuhr. Er trug einen grünseidenenRock, eine lange weiße Perücke und einen so großen Hut mit spitzenEcke», daß er davon den Name» Timp-Hot bekam. Er betrog alleLeute, auch das Kloster, und wurde sehr reich. Aber nach seinem Todebannte ihn der Teufel in die oberste Spitze des Aegidii-Thurmes undlegte ihm auf, für ewige Zeiten von hier herab auf den Chor und dannwieder zurück in die Spitze des Thurmes zu steigen. Jedes Jahr kam eraber nur um einen Hahnenschritt seinem Ziele näher. Er hatte noch nichtden Chor erreicht, als im Jahre 182l Thurm und Kirche einstürzten.Aber auch jetzt kann er noch keine Ruhe finden. Noch immer steigt undschwebt er an der früheren Stelle, geht auch zuweilen in der Nähe aufder Aegidii-Straße, durch die Lütkc-Stiege und auf der Königsstraßespazieren, immer aber wenigstens eine Eile über der Erde.

Nachdem wir die übersichtliche Darstellung der Geschichte der StadtMünster, bei welcher wir hauptsächlich vom genetischen und topischenStandpunkte ausgingen, vollendet haben, lassen wir zum Schlüsse unsererBeschreibung eineNebersichtder architektonischen, antiquarischenund übrigen Merkwürdigkeiten, sowie einige Worte über Feste,Sitten, Gebräuche, Vergnügungen und das übrige geselligeLeben der Bewohner folgen.*) Bor Allem verdienen die Kirchenzuerst unsere Aufmerksamkeit.

Die Domkirche,

Sie liegt auf dem Domplatze und erhebt sich an dessen nördlicherSeite in der Länge von ungefähr 360, in der Breite von t2ä Fußen.Zwei Thürme, die leider unvollendet geblieben und nicht ausgebaut sind,auch nur 180 Fuß in die Höhe reichen, befinden sich an der Westseite.Das Langhaus (oderSchiff") der Kirche schließt sich östlich an diesean und sendet nördlich und südlich zwei Neben räume (oderAbsei-ten") von gleicher Höhe ab, vor jeden der beiden Thürme eine», mit denenparallel weiter östlich beim Anfange des Chores zwei nach denselben Rich-tungen auslaufende Nebenchöre sich zeigen und von gleicher Höhe mitdem Chöre und auch mit dem Langhause sind, da Chor und Langhansgleiche Höhe haben. Das Langhaus mit dem Chöre kann man als denHauptbalke», die zwei Nebenchöre als den Querbalken, die zwei Abseitenals das Fußgcstell eines Kreuzes betrachten, und in der äußersten Gestaltdes Domes ein Kreuz (eigentlich ein Doppelkreuz), sowie in der symbo-lischen Vereinigung eines kleinen über dein Chöre befindlichen Thürmchensmit den beiden Hauptthürmen die h. Dreifaltigkeit dargestellt finden. Einschönes mit einein eisernen Geländer eingefaßtes Atrium eröffnet an derWestseite den Haupteingang. Die südwestlich an das Langhaus angebauteBorhalle, dasParadies" genannt, sowie die an der östlichen Seitedes Chores angebauten vier Kapellen sind im alren Baustyle aufgeführt

Diejenigen unserer geehrten Leser, welche sich in weiterem Umfange mit der Geschichte undTopographie Münsters und des Münsterlandes bekannt machen wollen, verweisen wir auf zwei(von uns bei dieser Beschreibung benutzte) Schriften, nämlich:Geschichte Münsters.Nach den Quellen bearbeitet von Nr. H. A. Erhard. Münster. F. Regens-berg. 1837." undTopographisch-historisch-statistische Beschreibung derStadt Münster. Ein Handbuch für Einheimische und Fremde. Münster,Cop pe nrath'sche Buch- und Kunsthandlung. 183k."

und schänden nicht das übrige Gebäude. Dasselbe gilt von dem nord-wärts an das Langhaus angebauten Umgang, (einem bedeckten und ge-räumigen an der inneren Seite mit Bogenfenstern versehenen Gebäude,der mit dem Langhause ein Rechteck bildet, bedeutend niedriger als diesesist, und den sog. Vikarie» - Kirchhof einschließt,) sowie ebenfallsvon den an seine Ostseite angebauten Kapellen. Der Umgang hat zweiEingänge in den Dom, einen das Paradies und ein vierter befindet sichan der Südostseitc, in der Nähe der Uhr; im Ganzen hat also die Dom-kirche künf Eingänge. Feierliche Aufzüge und Prozessionen gehen fast immernur durch den Haupt-Eingang der Westseite. Obgleich nicht zu läugncnist, daß der Anblick der Domkirche von Außen wie von Innen einen ma-jestätischen Eindruck verursacht, so ist doch der Vorwurf, daß sie in einzelnenTheilen etwas ungeschlacht und unförmlich sei, nicht ohne Grund. Auchverräth ihr Baustyl im Aeußeren wie im Inneren den Geschmack verschie-dener Zeitalter, welcher Umstand allein schon ein allmähliches nicht voneinem Bischof oder Unternehmer herrührendes Entstehen andeutet. ImGanzen zeigt sich der Uebcrgang von der vordeutschen oder byzan-tinischen zur deutschen oder sog. gothischen Bauart. Das Lang-haus mit den Ostseiten, wie auch die Thürme, sind ganz im vordcutschcn,dagegen das Portal und Atrium zwischen den beiden Thürmen nebst demdarüber befindlichen Frontispis, ferner das Paradies und das Frontispisan der Südseite des südlichen Nebenchores ganz im deutschen Style erbaut,also späteren Ursprungs als jene. Zwei zur Verbindung mit den Ncbcn-chören dienende Abseiten, die sich an beiden Seiten des Langhauses imInnern der Kirche befinden und nur die halbe Höhe des Langhauses haben,nähern sich ebenfalls dem deutschen Baustyl. Der Umgang und die ange-bauten Kapellen sind zwar in einem alterthümlichen aber verzerrte» undschlechten Style erbaut, in welchem die erhabene deutsche Baukunst nur»achgeäfft erscheint. Außerdem sind manche Statuen und Verzierungen in»nd außer dem Dom im sog. neu-italienischen Baustyle ausgeführt,der sich seit der Mitte des lg. Jahrhunderts über Deutschland auszubreitenanfing, und wenigüens große Vorzüge vor dem ihm bald folgenden fran-zösischen Baustyle hat. Das Paradies hat vielleicht seinen Namen vondem über dem Haupt-Eingange desselben hinter einem Gitter angebrachtenBilde, Adam und Eva im Paradiese vorstellend, welches aber nicht so altals jener Name sein kann. Zu bemerken sind ferner die auswärts hierbefindlichen ebenfalls nicht sehr alten Standbilder des h. Georg und desh. Michael, und die hervorstehenden im alten Geschmacke erbauten Later-nen-Behälter. Inwendig rings an den Wänden stehen viele Standbilderder Apostel und Heiligen, die theilweise in den Zeiten der Wiedertäuferverstümmelt, übrigens in halb erhabener Arbeit und ganz im ältesten Ge-schmacke ausgeführt sind. Sie scheinen theilwcise in der Zeit der ältestendeutschen Baukunst, die schon vor der byzantinischen erst mit den Kreuzzügenverbreiteten bestand, und bis in's l l. Jahrhundert hineinreicht, entstandenzu sein; der plumpe und unentwickelte Geschmack deutet dieses wenigstensan. Eine der Bildsäulen ist die des Bischofs Dietrich III. von Jsenburg,welche zum Andenken der durch ihn geschehenen Grundsteinlegung desDomes gesetzt ist. Er hält einen Stein in der Hand, und einen Zettelmit bezüglicher Inschrift. Früher hielt das geistliche Gericht im Paradieseseine Sitzungen, und über der Halle befand sich im dortigen geräumigenSaale die Dom-Bibliothek. Das imposante Frontispis an der Süd-seite des südlichen Nebenchores (oder des Johannis-Chores) ist mit glück-licher Nachbildung des deutschen Geschmackes im Ist. Jahrhundert erbaut.Auf der kühn emporstrebenden Spitze steht ein Christusbild aus Bronze,welches elf Centner wiegt. Sehr schön gehalten sind die gothischen Strebe-pfeiler, und die oben angebrachten Bildwerke sind ebenfalls nicht ohneWerth; nur das viereckige Fachwcrk verunstaltet ein wenig das Ganze.Der Umgang hatte früher mehre sehr sehenswerthe Bildhauer-Arbeiten,die in neuerer Zeit bei vorgenommener Reparatur leider entfernt sind.Bemerkenswerth sind zahlreiche Grab-Inschriften, n. a. gleich rechts vonder Thür, die an der Westseite vom Umgang hineinführt, die des DomherrnRudolph von Lange. Der weiße Kalkanstrich paßt übrigens sehr schlechtzu dein alterthümlichen Gebäude. Die ostwärts angebauten Kapellen, diein ihrer ictzigen Gestalt schwerlich über das >6. Jahrhundert hinausreichen,