der Verwerfung der Kindertaufe das zweite ein; es war voraus zu sehen,daß ihm wieder politische (Nahrungen sich anreihen, und somit die Unruhenendlos sein würden. Deßhalb erschrack der Stadtrath über diese NeuerungRothmanns nicht wenig, und warnte ihn; dasselbe geschah von Wittendergaus durch Melanchthon. Der berühmte Hcrrmann von dem Busche,Professor der Beredsamkeit und Geschichte zu Marburg und gcborner Mün-stern, kam auf Bitten des Stadtraths herüber, um persönlich auf Rothmannzu wirken. Eine Disputation über die Zulässigkeit und Nothwendigkeit derKindertaufe, welche am 7, und 8, August zwischen Busche und Nothmannund ihren beiderseitigen Anhängern stattfand, endete zum Nachtheile desErsteren, da seine Gegner auf vernünftige Gründe gar nicht eingingen,sondern die Sache verdrehten und ins Weite zogen, und wie Nasende alleso sehr überschrieen, daß Busche gleich am ersten Tage aus Mißmuth er-krankte, und deßhalb am zweiten Tage die Disputation bloß seineu Freun-den überlassen mußte. Der wilde Jubel Rothmauns und seiner Anhängerüber ihren vermeintlichen Sieg hielt aber den Stadtrath nicht ab, aufGrund der bestehenden Verträge das Predigen derartiger Lehren zu ver-bieten, und dem Rothmann durch einen Revers vom 3. Oktober das Ver-sprechen, die streitigen Lehren über die Taufe und das Abendmahl inseinen Predigten nicht weiter zu berühren, gegen die Bewilligung fernererFortsetzung seines Predigtamtes abzunöthigen. Dieser enthielt sich nunzwar des öffentlichen Vertrages seiner Lehren, suchte sie aber in derStille zu verbreiten, und machte sie endlich sogar durch den Druck bekannt.Der Stadtrath wagte aus Furcht vor Nothmanns Anhängern, die nochdurch viele aus den benachbarten Gegenden Westphalens und den Nieder-landen gekommene Ausländer verstärkt waren, nichts zu thun, sondernergriff den sonderbaren Ausweg, alle Kirchen zu schließen und das Predigenganz zu verbieten. Im Einverständniß mit dem Bischof und dem Dom-kapitel entwarf er hierauf den heimlichen Plan, den furchtbar gewordenenund überall z» unverdientem Rufe gekommenen Mann nebst seinen Anhän-gern aus der Stadt und dem Lande zu entfernen. Die am 5. Novemberversuchte Ausführung dieses Planes wurde aber durch einen allgemeinenVoiksaufruhr vorhindert; Nothmanns Parthei verstärkte sich nur, und nebenden triumphircnden Knipperdolling stellte sich jetzt zum allgemeinen Erstau-nen auch der Bürgermeister Herrmann Tylbeck als Anhänger Roth-mauns. Alles griff zu den Waffen; der Stadtrath »nd die ihm anhan-gende gemäßigte Parthei besetzten das Rathhaus, die Gegner den Lamberti-Kirchhof; allgemeines Blutvergießen schien unvermeidlich, bis der Syndikusv. d. Wyk am folgende» Tage einen Vergleich zu Stande brachte, nachwelchem den von der Augsburgischen Confession abgewichenen Predigerndas Predigen zwar untersagt, der fernere Aufenthalt in der Stadt abererlaubt, und überhaupt jedem freistehe» solle, sich zu dem Glauben zu be-kennen, den er für den besten halte. An Rothmanns Stelle wurve nunder gelehrte Prediger Dietrich Fabricius, welchen der Landgraf vonHessen auf Bitten des Stadtraths hergesandt hatte, zum Superintendentenund Pfarrer an der Lambcrti-Kirche ernannt, und unter seiner Leitungeine neue Kirchenordnung entworfen, die aber bald ihren Untergang fand'als die religiösen und politischen Währungen in der Stadt M. kurz nachherin ihr drittes Stadium traten, und die unselige Schwärmerei derWiedertäufer begann, die nachher der ganzen Bewegung den Namengegeben hat.
Die Grundsätze dieser unheilvollen Sekte datiren aus den ersten Zeitendes Christenthums, und sind vielleicht aus dumpfe» Nachklängen des Heioen-thums, vielleicht auch aus einer verkehrten Auffassung des einfachenund gemeinsamen Lebens der ersten Christengemeinden entstanden. Sietauchten von Zeit zu Zeit empor, und gewannen im Mittelalter schon festerenBestand, besonders in Italien, wie disses im 12. Jahrhundert die Unter-nehmungen des Arnold von Brescia in Rom, »nv im 15. Jahrhun-dert die des Hieronymus Savonarola in Florenz beweisen. Ausder unbefangensten Betrachtung geht hervor, daß sie mehr politischer alsreligiöser Natur waren, und die Religion nur zum Vorwande gebrauchten,als damals die Kirche neben der geistlichen Gewalt auch die weltliche Machtbesaß, die sie kraft jener behauptete, gegen welche man also mir vonjener ausgehend käinpfen konnte. Das Wesen der eigentlichen Wieder-täufer kommt darauf hinaus, daß alle bestehende geistliche und weltliche
Obrigkeit, ungerecht sei und umgestürzt werden müsse, um einem auf ihrenTrümmern zu errichtende» Reiche der Gläubigen Platz zu machen, welchesalle geistliche und weltliche Macht in sich vereinigen solle. Die Angehörigendieses Reiches würden in demselben in vollkommener Freiheit, als wahreKinder Gottes, leben; Gott, oder wie man gewöhnlich sagte, der Vater,würdein diesem Reiche allein regieren, und seine Befehle durch unmittel-bare Offenbarungen, oder durch die sog. innere Stimme, kundthun. Das bisherige Christenthum mit allen seinen Gebräuchen und An-stalten sei eine trügerische Erfindung der Priester, vornehmlich der Päbste;die Bibel sei und bleibe nur Nebensache; alle bisher geschlossenen Ehe-bttndnisse, alle bisherigen Taufen seien deßhalb ungiltig und nichtig; alleMitglieder des neuen Gottesreiches müßten vielmehr durch eine neueTaufe (daher der Name Wiedertäufer) dazu eingeweiht werden.Zugleich wurde allen Gläubigen die Aussicht auf den Besitz aller Gü-ter der Welt, und eine damit verbundene vollkommene Gütergemein-schaft in Aussicht gestellt. Die Gläubigen sollten sich von der Welt ganzabsondern, und nur vom Geiste Gottes regiert, die Ilugläubigen aber, diesich ihnen nicht unterwerfen wollten, ausgerottet werden. Es ist klar, wiesehr solche Grundsätze jeder positiven Religion, jeder vernünftigen Ordnungund jeder Sittlichkeit Hohn sprachen, und wie gefährlich insbesondere dieHinweisung auf die Gütergemeinschaft auf träge und entsittlichte Menscheneinwirkte, wie auch, daß diese Sekte im Hintergrunde politische Bestre-bungen hatte. Knüpfte sich auch bei einigen Wiedertäufern au obigeGrundsätze der s. g. Chiliasmus oder die Meinung von einem künf-tigen Wiedererscheinen Christi und der Errichtung eines tausendjährigenFriedensreiches an. so blieben doch die meiste» bei jenen stehen, und mankann daher die Wiedertänferei, wenn man nur von der als bloße Formdabei vorgekommenen neuen Taufe absieht, sehr gut mit dem jede positiveReligion läugnenden und Gütergemeinschaft erstrebenden Communismusunserer Zeit vergleichen. Es ist ferner einleuchtend, wie sehr diese Wiedcr-täuferlehren von den Grundsätzen Luthers, selbst Zwingli's abwichen, dahervon Protestanten sowohl als Katholiken entschieden gemißbilligt wurden,und mit der bloßen Verwerfung der Kindertaufc. die ihnen freilich denWeg bahnte, nicht verwechselt werden dürfen. Thomas Münzer war inDeutschland derjenige, in weichem dieser im >5, Jahrhundert aus Italienherübergekommene Empörungsgeist gegen kirchliche und staatliche Unterord-nung gleichsam personifizirt erscheint. Nach dem unglücklichen Ende desdurch ihn beförderten Bauernkrieges wirkten seine Schüler in verschiedenenStädten in seinem Geiste fort, unter ihnen besonders der Kürschner Mel-chior Hoffmann aus Schwaben, der diese Grundsätze am Oberrhein,in Schweden, in den Niederlanden, in Schleswig und Ostfriesland erst imStillen ausbreitete und zu einem festen System ausbildete, dann aber offendamit auftrat, und z. B. zu Emden die Wiedertaufe an 3(10 Personenauf einmal verrichtete. Gegen seine Anhänger in den Niederlanden erhobsich indessen eine große Verfolgung; viele flüchteten nach Münster als einerfreisinnigen Stadt, und dies bewog das Haupt der niederländischen Wieder-täufer, Johann Matthiessen, einen Bäcker zu Hartem, im November1533 zwei seiner Gehülfen nach M. zu schicken, um dort eine Wiedertäufer-Gemeinde zu errichte». Hier reichten ihnen der treulose und eitle Noth-mann nebst Knipperdolling und Leuten ähnlicher Sorte bereitwillig dieHand, obgleich jener noch ein Jahr vorher die Wicdertänferlehre eifrigstbcstritten hatte. Er nahm nun in seinem äußeren Auftreten ein ernsthaftesund heiliges Wesen an, schlich still und schweigsam einher, ermähnte zurBuße, und redete dabei viel von dem nahen Ende der gegenwärtigen Welt-ordnung, der Vertilgung der Gottlosen und der alleinigen Herrschaft derFrommen in einem sorgenfreien Gottesreiche, Nach diesen Vorbereitungentrat er, ungeachtet ihm das Predigen verboten war, am >4, Dezember1533 auf dem Servatii-Kirchhcss, und acht Tage später sogar in der Kircheals eifriger Prediger der neuen Lehre auf, und im Jahre 1534 hatte dieWiedertäufern trotz der Gegenbemühungen des vortrefflichen Fabricius undanderer ihrer Kirche treu gebliebener Prediger und Lehrer bereits so iiber-hand genommen, daß der bestürzte Stadtrath, der sich an Rothmann selbstnicht wagte, dessen Gehülfen Stralen, Kloprcis und Vinnius am24, Januar durch die Stadtdiener zum Thore hinausbringen ließ, undNothmann förmlich in die Acht erklärte, welches beides freilich nichts half.