Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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Münstersche Burger in den benachbarten kleinen Städten gefangennehmenlassen. Die Stadt ihrerseits hatte sich in wehrhaften Stand gesetzt, dieBürger bewaffnet. Soldtruppen angeworben, Streifziige in die Umgegendgemacht und sowohl Lebensmittel als auch Gefangene von den Leuten desBischofs eingebracht; aber viele Bürger, unter ihnen meistentheils Patrieier,hatten bei der täglich drohender auftretenden Gefahr die Stadt verlassen.So waren die Verhältnisse zwischen dem Bischof und der Stadt sehr ge-trübt, als v. d. Wyk ankam. Ein kühner Streich der Münsterer dientedazu, diese Spannung ncch zu vergrößern. Einige Tage vor dem Weih-nachtsfeste hatte sich nämlich der Bischof von Lllbbeke im Stifte Minden,wo er sich zuletzt aufgehalten, nach Telgte begeben, wo sich die Mitgliederdes Domkapitels, der Ritterschaft und andere angeschene Männer bei ihmzusammenfanden. Von hier aus wurden neue Verhandlungen mit der Stadtangeknüpft, aber wieder erfolglos, weil der Bischof die Entfernung der neuenPrediger und die Wiederherstellung der alten Kirchenordnung als Grund-lage jedes Vergleiches ankündigte. Rath und Bürgerschaft wurden endlichder Schreiberei müde. Am Weihnachtsfeste Abends wurde der auf Beant-wortung eines eingereichten bischöflichen Schreibens wartende Bote zurück-gehalten, die Thore verschlossen und der Bürgerschaft von den Volksvor-stehern und Giidemeistern der Befehl ertheilt, um Mitternacht auf demMarktplatze mit ihren Waffe» zu erscheinen. Keiner blieb aus; man wählteköl) der Tapfersten, und verstärkte sie mit 3l1l) Mann Soldtruppen undeinigen Reitern. So gerüstet beschloß man, die Stadt Telgte zu überfallen,und den Bischof mit allen ihn umgebenden Herren gefangen zu nehmen.Am 2g. früh drei Uhr brach die kühne Schaar in aller Stille auf. VonTelgte aus war man wegen Ausbleibens des Boten besorgt gewesen, hattesich aber wieder beruhigt, als einige gegen Mitternacht ausgeschickie Kund-schafter nichts Gefährliches entdeckt, auch zur Sicherheit die Wersebrücketheilweise zerstört hatten. Diese Brücke stellten die Münstercr durch mitge-nommene Bretter und Balken schnell wieder her, gelangten unbemerkt bisvor Telgte, sprengten die Thore mit Brecheisen und verbreiteten sich raschüber die ganze Stadt. Sie überfielen die Herren in ihren Betten, rissensie heraus und machten sie zu Gefangenen; nur der Bischof, welcher amTage vorher nach seinem Lieblingsaufenthalte Jburg im Osnabrückischenabgereiset war, entging ihnen ganz zufällig; eben so drei von den Herren,nämlich der Domprvbst von Morrien, der Domscholaster vonSchmising und der Domherr von Plettenberg, die im ersten Tu-multe baarfuß und im Hemde über die gefrorne Eins entwischt waren.Die Gefangenen wurden einige Stunden später, nachdem die Münsterertüchtig geraubt und geplündert und große Beute gemacht hatten, nach M.gebracht, dort von dem Volke mit Geschrei und Hohn empfangen, undtheils in anständigen Herbergen, theils in Gefängnissen, nach einigen Tagenaber alle in anständigen Häuser» untergebracht. Allgemeine Mißbilligungdes Bischofs und der benachbarten Fürsten folgte diesein Streiche der Mün-sterer, welche ihn bald zu bereuen anfingen; auch der vortreffliche v. d.Wyk mißbilligte ihn mit Entschiedenheit. Nachdem es den Feinden desFriedens noch einmal gelungen war, am 5. Januar 1533 einen großenHaufen Volks zu einem freilich nur theilweise gelungenen Zcrstörnngsver-suche gegen das Stift Mauriß aufzuregen, gewann die friedlich gesinnteParthei im Rathe und der Bürgerschaft für einige Zeit die Ueberhand, undda, außer dem Landgrafen von Hessen, auch der Kurfürst von Köln unddie Herzoge von Kleve und Sachsen-Lauenburg sich ins Mittel legten, sokam schon am 14. Februar 1533 zwischen dem Bischof und der Stadt einfür beide Theile sehr annehmlicher Vergleich zu Stande, in welchem vonSeite des Bischofs der Stadt vollkommene Religions- und Gewissensfreiheitnebst dem Rechte, die l> Pfarrkirchen der Stadt mit evangelischen Predigernzu besetzen, dagegen dem Bischof von der Stadt das Versprechen gegebenwurde, das Domkapitel, die Collegiatstifter und Klöster ungestört bei derkatholischen Religionsübung zu lassen, und unbedingte Toleranz gegen alleKatholiken zu üben. Zn weltlichen Dingen versprach die Stadt, dem Bi-schof als ihrem Landesherrn Gehorsam zu leisten, jeden Unruhstifter zurStrafe zu z ehe», dem Bischof, Domkapitel und anderen Personen geistlichenund weltlichen Standes ihre von Alters hergebrachten Zinsen, Renten undPachte gutwillig zu entrichten, die Versorgung der abgesetzten oder durchdie Unruhen brovlvs gewordenen katholischen Geistlichen zu übernehmen, und

Münster.

auch für die katholischen Arme» ein Angemessenes aus den katholischenKirchengütern auszuwerfen, wogegen der Bischof wieder freies Geleit, Rechtund Schutz, Aufhebung des Arrestes sowie der bei seinen eigenen Gerichtenoder bei dem Reichskammergerichte wegen der Neligionshändel anhängiggemachten Prozesse zusagte. Auch bewilligte die Stadt allen Ausgewan-derten die Zurückgabe ihrer Güter. Sämmtliche Gefangene sollten beider-seits freigegeben, und alle übrigen Ansprüche der Stadt durch den Bischof,den Grafen Arnold von Bentheim, und eine Deputation des Adels, derRitterschaft und der Städte, schiedsrichterlich untersucht und auf dem WegeRechtens befriedigt werden. Durch eine neue Rathswahl kam die städtischeVerwaltung hierauf in die Hände zuverlässiger Männer. Die Verwaltungdes evangelischen Kirchen-, Schul- und Armenwesens wurde durch denStadtrath geregelt, Johann Glandorp als Rektor der neuen evangelischenSchule vorgesetzt, ein Bündniß mit den Protestanten in Alen, Warendorf,Coesfelb und anderen Städte» des Bisthums angebahnt, der Wiederein-setzung des bischöflichen Offizialats - Gerichts kein Hinderniß in den Weggelegt, und der Bischof, als er zur Entgegennahme der Huldigung am4. Mai 1533 seinen feierlichen Einzug in die Stadt hielt und dort dreiTage verweilte, von der ganzen Bürg rschaft glänzend empfangen undgeehrt. So schien die Ruhe wieder hergestellt und zwischen beiden Con-fessionen ein friedliches Vernehmen für immer gesichert zu sein. Aber geradederjenige Mann, welcher die evangelische Lehre am meisten befördert hatte,wurde ihr jetzt untreu, band niit einer Sekte heilloser Schwärmer an, undbrachte aus den unlautersten Motiven namenloses Elend über seine Vater-stadt und Mitbürger. Bernhard Rothmann zierte seine großen Anlagennicht durch einen redlichen Charakter, wie schon der edle Melanchthon, alser ihn zu Wittenberg kennen gelernt, geäußert hatte. Seine fortwährende»Aufhetzungen des Pöbels, seine rohe Heftigkeit und Verläumdungssucht,sein schneller Nebergang von einer Ansicht und einer Parthei zur andern,überhaupt sein ganzes Auftreten lassen ihn als einen Mann erscheinen,der nur sich und die Befriedigung seiner Eitelkeit, keineswegs aber einenlobcnswerthen Zweck im Auge hate, der vielmehr ein immer größeres Auf-sehen machen wollte, um sich selbst als Reformator, oder vielmehr alsSektenstifter zu erhebe». An die Spitze der evangelischen Gemeinde gestelltund zum Superintendenten ernannt, verheiralhet und allen Geistlichen dasHeirathen empfehlend, hielt er sich keineswegs in den Schranken der Augs-burgischen Confession, suchte neue Unruhe» und Unzufriedenheiten mit demletzten Vertrage zu erregen, und machte namentlich die Lehre vom heiligenAbendmahl zum Gegenstande seiner profansten Spöttereien. Nicht nurerhob er sich gegen Luther's Lehre vom Abendmahl, sondern er suchte nichteinmal eine andere von Karlstadt oder Zwingli entlehnte symbolische Be-deutung desselben an die Stelle jener zu setzen. Er nahm vielmehr ge-wöhnliches Weißbrod (sog.Stuten", woher sein NameStuten-Bernd"), brockte dieses in eine Schüssel, goß Wein darüber und theiltedieses den Communikanten anfangs aus ließ sie dann aber selbst zugreifen,und indem er die Worte des Heilands bei der Einsetzung des heiligenSakraments dabei aussprach, begleitete er sie mit den rohesten Witzeleien.Dasselbe unternahm er mit dem ungesäuerten Brode in Form von Oblaten,warf diese zuweilen bei Austheilung des Sakraments auf die Erde, tratsie mit Füßen und stieß gotteslästerliche Reden aus. Wichtiger wurde seinTreiben, als er, noch in demselben Jahre 1533, mit der Verwerfungder Kindertaufe hervortrat, welche sowohl von der katholischen alsvon der evangelischen Lehre immer gebilligt war, aber gleichwohl seit deneisten Zeiten des Christenthums ihre Gegner gehabt hatte. Schon vorRothmann hatte der neu eingesetzte evangelische Prediger an der Aegidii-Kirche, Heinrich Rolle aus Hartem, durch einige Andeutungen aufder Kanzel den Weg dazu gebahnt. Rothmanns Amtsgehülfe an der Lam-bcrti-Kirche, Heinrich Stapreda aus Mörs, ging weiter, und erklärtedie Kindertaufe geradezu für sündlich; ihm folgten bald noch einige evange-lische Prediger und neu angekommene Fremde; nur der Rektor Glandorpund einige andcre tüchtige Gelehrte blieben bei der früheren Ansicht. Jenewaren ohne Zweifel von Rothmann im Stillen angeregt, und erst nachihnen betrat er mit gewohnter Naschheit und Heftigkeit die schon geebneteBahn. Wenn das erste Stadium der Religionsunruhen in M. jetzt durchdie Aufnahme des Protestantismus zurückgelegt war, so trat nunmehr mit

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