Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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da dieser ungefährdet in der Stadt blieb, und jene an demselben Tagedurch ein anderes Thor triumphirend von ihren AnHangern wieder in dieStadt gebracht wurden. Um dieselbe Zeit kamen zwei neue Abgesandteder Wiedertäufer aus den Niederlanden nach M., deren einer JohannBockelssohn aus Leyven war, gewöhnlich Johann von Leyden ge-nannt, der andere ein gewisser Gerhard tom Kloster. Der Erstere,der bald die Hauptrolle in dem wilden Drama der Wiedertäufer spielensollte, war damals noch ein junger Mann von 25 Jahren, von angeneh-mer und wohlgebildeter Gestalt, der von den Neligionsschwärmereie» seinerZeit um so leichter angesteckt werden mußte, als ihn eigene Neigungund die natürliche Richtung seines Geistes schon früh zu religiöse» Unter-suchungen und zum Forschen in der Bibel, mit deren Inhalt er ganz ver-traut war, getrieben hatten. Gingen seine Kenntnisse auch nicht über dasLesen und Schreiben seiner Muttersprache hinaus, so besaß er doch unge-meine Geisteskräfte, und da seine geistigen Anlagen durch die Gabe derBeredsamkeit und einiges Talent für Poesie, wie auch durch Schlauheit undVerstellungskunst, Ehrgeiz und Thatendurst, unterstützt wurden, so war erganz der geeignete Mann, um unter solchen Rcligionsschwärmcrn zumhöchsten Ansehen zu gelangen, Er war der Sohn eines Schulzen, NamensBockel im Haag, und von diesem mit einer aus dem Münsterlande dahingewanderten jungen Bäuerin, die er erst nachher zur Frau nahm, gezeugr.Ursprünglich zum Schueiverhandwerk bestimmt, hatte er dieses bald wiederaufgegeben, und sich in die Dienste von Kauflenten begeben, Reisen nachEngland, Flandern, Portugal und Lübeck gemacht, sich manche Erfahrungenerworben, dann sein Schncioerhandwcrk wieder aufgenommen, endlich nachvielfachem Umhertreiben zu Leyven eine Bier- und Weinschenke angelegt,und die Wittwe eines Schiffers geheirathet, die ihm zwei Kinder gebar.Kurz nachher folgte der Prophet Matthiessen selbst, »ach Hoffmanns inStraßburg crfolgter Gefangennehmung, diesen beiden Männern nach, underklärte nicht mehr Straßburg, sondern Münster für den Ort, welcher zurHauptstadt des neuen himmlischen Reiches bestimmt sei. Hier griffen nundie neuen Grundsätze mit reißender Schnelligkeit um sich. Schon nachwenigen Tagen zeigte sich dieses. Am 8. Februar I5Z4 rannte der Pre-diger Heinrich Rolle, jetzt eines der eifrigsten Häupter der Wiedertäufer,wie besessen, aber scheinbar von heiliger Begeisterung ergriffen, durch dieStadt, und rief, der Tag des Herr» sei nahe; darum sollten Alle Bußethun, die das Bundcszeichcn noch nicht empfangen hätten. Dasselbe Ge-schrei wiederholten Nachmittags Knippcrdvlling und Johann von Leyven,welche, mit entblößten Häuptern und gen Himmel gerichteten Blicken dieStraßen durchziehend, die Leute zur Buße ermähnten. Ihr Beispiel rißbald eine Menge Männer, vorzüglich aber Weiber, zu gleichem Unsinn hin.Einige schriee», der König des Himmels werde herniederfahren, und dasNeue Jerusalem aufrichten; andere, sie sähen die Herrlichkeit Gottesin den Wolken, Christum mit der Siegesfahne in der Rechten und Tau-sende von Engeln um ihn, die den Unbußfertigen Verderben droheten.Der gute Erfolg dieser Raserei machte die Anführer kühner; sie versam-melten gleich am folgenden Tage mehr als 500 bewaffnete Wiedertäufer,bemächtigten sich des Nathhanses, in welchem eine Menge von Waffenaufbewahrt wurde, besetzten die zwischen dem Markte und dem Domhofeliegende Michaelis-Kapelle, den Lamberti-Thurm und alle Häuser amMarkte, versperrten den Markt selbst aber mit Bänken und Beichtstühlenaus der Lamberti-Kirche. Der Stabtrath ließ aber schnell alle noch nichtzu den Wiedertäufern übergegangenen Bürger, einstweilen noch die Mehr-zahl, auf dem Ueberwasser-Kirchhof sich versammeln, bemächtigte sich derSchlüssel des kicbfrauen-Thores, um freien Ein- und Ansgang zu haben,ließ die Domthürme besetzen, alle Brücken über die Aa, mit Ausnahmeder zum Spicgelthurme führenden, abwerfen, und die Zugänge zum Dom-platze und Vispinghofe mit Kanonen besetzen. Einige Häupter der Wieder-täufer, z. B. die Prediger Vinnius und Stralen, gelang es gefangen zunehmen; Boten an den sich zu Nheine aufhaltenden Bischof, und an denDrosten des Amtes Wolbeck, Dietrich von Merveldt, forderte» beidezur schleunigsten Hülfe auf. In gespannter Erwartung und unter gegen-seitigen Beschimpfungen verging der Tag und die folgende Nacht. Amandern Tage wurde Knippcrdvlling, der sich zu weit vorgewagt, ergriffenund zu den übrigen Gefangenen in den Ucberwasser-Thurm gesperrt. In-

dessen kam eine Schaar bewaffneter Bauern, die der Droste von Merveldtdurch die Sturmglocken hatte zusammenrufen lassen, auch mehre Domherrnmit ihren bewaffneten Dienstleuten zur Hülfe herbei; auch hieß es, derBischof rücke vom Nheine mit seinen Soldaten an. Anstatt jetzt durchKraft und Gewalt die Sektirer zu vernichten, ging der Stadtrath aufAnrathcn des verrätherischen schon längst den Wieder äufcrn geneigtenBürgermeisters Tylbeck einen Vergleich ein, ungeachtet der dringendenGegenvorstellungen des Predigers Fabricius, nach welchem Jedem freistehensollte, zu glauben, was er wolle; nur sollte Jeder der Obrigkeit gehorchen.Die beiderseitigen Gefangenen wurden freigegeben. Ueber diesen Vergleich,zu welchem u. a. auch das listige Vorgeben der Wiedertäufer beigetragenhatte, es sei für die ganze Stadt gefährlich, den Bischof mit so zahlreichemKriegsvolk einzulassen, vergossen der Droste v. Merveldt und die anwesendenDomherren Thränen, und verließen sofort wieder die Stadt; der Bischofkehrte ebenfalls auf halbem Wege mit seinen Truppen wieder um. DerVergleich, der den Keim der Auflösung in sich trug, konnte nicht langebestehen. Gleich am Nachmittage des l>. Februar, nachdem die bewaffne-ten Wiedertäufer den Markt kaum verlassen, nahm eine Menge Weiberdenselben ein, rannte mit fliegenden Haaren und aufgelösten Kleidern hinund her, und wüthete gleich Furien, Einige warfen sich auf den Bodenund streckten die Arme wagerecht aus, so daß sie ei» Kreuz bildeten; an-dere warfen sich auf den Rücken, starrten den Himmel an und riefen zumhimmlischen Vater; andere rafften sich mit rasenden Sprüngen von derErde empor, als wollten sie fliegen; wieder andere klatschten in die Hände,knirschten mit den Zähnen und zerschlugen die Brust; einige lachten wildauf, andere vergossen Thränen. Dazwischen vernahm man ein tolles Ge-schrei, Gebete, Flüche und Aufforderung zur Buße. Von Schrecken ergriffenwanderte ein großer Theil der rechtlichen und wohlhabenden Einwohnerin den nächsten Tagen aus; der Bürgermeister Tylbek aber ließ sich mitseiner ganzen Familie wieder taufen, und sein Beispiel zog viele anderenach. Anstatt der Ausgewanderte» zogen die Wiedertäufer aus Osnabrück,Warendorf, Dülmen, Coesfeld, Soest, Hamm, Wesel und anderen Orteneine Menge Fremder herüber, die theils mit Weib, Kind und Verwandten,theils auch allein kainen und jene verließen, Au b Adelige und gewesenePfarrer, z. B. Bernhard Krechting, ließen sich mitunter fortreißen.Allen Unordnungen wurde envlich die Krone aufgesetzt, als bei der am24. Februar vorgenommenen neuen Rathswahl die Wiedertäufer die Wahlzweier ihrer Häupter, nämlich die des Knipperdolling und eines gewissenKippenbrock, zu Bürgermeistern, und die Verdrängung aller Nicht-Wiedertäufer aus deni Rathe durchsetzten. Rasch wurde jetzt ein Beschlußerlassen, nach welchem alle nicht der neuen Lehre beitrctenden Bürger ver-trieben werden sollten. Wirklich wurde schon am 26, Februar dieser bar-barische Beschluß unter tobendem Geschrei und empörenden Grausamkeiten,indem man die Ungläubigen alles des Ihrigen, oft selbst der Kleider be-raubte, bei einer schneidenden Kälte und scharfem Winde vollzogen, wobeiauch der Weiber und Kinder nicht geschont wurde. Nothmann stand unter-dessen auf dem Nathhause bereit, allen, die sich meldeten, die Wiedertaufczu ertheilen; welche sich nicht meldeten, wurden hinausgestoßen. Der Ge-schichtschreiber Kcrssenbroik, der als Knabe diese Auswanderung mitmachte,schildert in seinem Werke die herzzerreißende Scene. Alle ihrer Conkessiontreu gebliebenen evangelischen Prediger mußten sich ebenfalls, zum Theilverkleidet und unter großer Lebensgefahr, entfernen. Eine Naserei folgtejetzt auf die andere. Schon am Nachmittag des 24. Februar wurden alleKirchen und Klöster der Stadt, besonders der Dom, ausgeplündert, diekostbarsten Urkunden und Bücher, u. a. die Bibliothek des Domherrn Ru-dolph v. Lange, und hölzerne Bilder, verbrannt, die Crucifire mit Füßengetreten, steinerne Bilder und Statuen von ihren Postamenten geworfenund zerstört, Taufbecken und Reliquien-Behälter zerschlage», die schönenGlasmalereien in den Fenstern durch Steinwürfe vernichtet. Dasselbe ge-schah mit noch größerer Wuth an der Kirche und den Kranken-Wohnungenzu St. Mauritz, weil die Wiedertäufer im Falle eines Angriffes die Feindeeiner sicheren Stellung berauben wollten. Die ausgeplünderten Wohnun-gen und die Kirchen wurden deßwegen noch dazu in Brand gesteckt, sodaß fast nur die nackten Wände übrig blieben; auch Hecken und Zäunewurden niedergerissen, und alles dort zu einer wüsten Ebene gemacht.