Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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Jahre IZll über Erfurt die Rcichsacht erging, welche indessen nicht voll-streckt wurde.

Merkwürdiger Weise ging das wissenschaftliche Leben währenddieser Unruhen und Wirren nicht unter; im Gegentheil blühte es ganzbesonders in der ersten Hälfte des >6. Jahrhunderts. Es glänzten umdiese Zeit an der Hochschule, die auch Luther von >59l bis >595(von >5958 lebte er unter dem Namen Augustin als Mönch imAugustincrkloster) als j>i« besuchte, Gelehrte ersten Ranges,

Erbau Hesse, Eurieius Cordus, Johann Lange, Joachim Ca-mer arius u. a.

Die Reformation fand frühzeitig Eingang und >523 wurde schonin 8 Kirchen evangelisch gepredigt. Beklagenswerth waren die rohenGewaltthätigkeiten, welche während des Bauernaufruhrs >525 von densich Einlaß erzwingenden Baucrnrotten an den Kirchen, Klöstern undWohnungen der katholischen Geistlichkeit verübt wurden.

Außerdem ist das Jahr >525 merkwürdig durch theilweise Durch-setzung von 28 Artikeln oder Verbesscrungsanträgcn (Nr. I,daß eineGemeine ihre Pfarrer zu ersetzen und entsetzen habe"; Nr. 8,daßallerlei Kaufmannschaft, Handlung frei sei einem jeglichen Bürger, der esvermag"; Nr. >2,Item, daß allerlei Sachen, so vor einen ErbarenRaht gelangt, welches entschcidung in dem Stadtbuche begriffen ist, sollentrichtet werden ohne allen Verzug in vierzehn Tagen uff antragenin eigener persohn der Bürger ff.") Seitens der Viertel und Handwerke;ferner durch Bildung 3 evangelischer Pfarrgemeinden und Anstellungbestimmter, mittelst der Kirchenzinsen besoldeter Prediger und durch Ein-richtung des evangelischen Gottesdienstes in durchaus deutscher Formund Sprache.

Die ersten evangelischen Pfarrer waren: Nikolaus Fabri in derAugustiner-, l»>. Kühlsamer in der S.Michaels-, Rödelstein (Ru-telius) in der Prediger-, Aegidius Mechler, zuvor Franziskaner- oderBarfüßermönch, in der Barfüßer-, Wichmann in der Regler-, i».Geltner, nach seinem Geburtsort genannt Bamberger, in der Kauf-männer-, Wedemann in der Andrea-, K, Justus MeniuS in derS. Thomä-Gemeinde.

In der Domkirche predigte Sonntags 9 Uhr (daher Neunprediger)der ehemalige Prior des Augustiner-Klosters und erste evangelische Se-nior ist', Lange. Ist. Konrad Klinge war im Jahre 1525 der ein-zige Meßpriester, welcher noch öffentlich katholischen Gottesdienst hieltund im großen Hospitale Messe las.

Vom 39jährigen Kriege blieb auch Erfurt nicht unberührt. Esmußte dem am 2>. Sept. 1631 durch das Andreasthor einziehenden und4 Tage in der Stadt verweilenden König Gustav Adolph die Schlüsselzu den Stadtthoren und der Cpriarburg überreichen und im Herbst >636,von Banner belagert und am >9. December beschossen, sich zur Oeffnungder Thore, Zahlung von 29,999 Thalern, Aufnahme eines schwedischenCommandanten und Einräumung der Cpriarburg für eine schwedischeBesatzung, welche im Jahre >648 wieder abzog, bequemen.

Was erhielt der Feldherr Banner sammt seinem Schweden-StabeIn der Daberstädtcr Schenke für eine Tafelgabe ^)?"

Als Klöße glühende Bomben, von Erfurt hergeschossen.Dem Obersten herzbrechend, der sie zu heiß genossen.

Die Tafel brach in Stücke mit grausigem Gekrach,

Der Feldherr blieb zum Glücke verschont von Ungemach;

Doch zeigt' er sich erkenntlich und gab ein solch DinerI» Erfurt, daß den Bürgern ganz übel ward und weh.

Daß dem Hochedlen Rathe die Eßlust so verging,

Daß er sich baß bedankte und an zu fasten fing.

Daß er hinaus ließ sagen:Schenk' uns nicht weiter ein.Das Stadtthor steht Dir offen, wir und die Burg sind

Dein.""

Umsonst strengte sich Erfurt an, bei den Unterhandlungen des wcst-phälischen Friedens die so sehr gewünschte Reichsfreiheit zu ge-

*) Am 19. December 1636.

winncn. Die beiden Abgeordneten, der Obrist-Rathsmcister Hallen-Horst und der Stadt-Spndicus Gcißler kamen ohne Erreichung ihresZweckes zurück.

Durch manche mißliebige Kurmainzische Maßnahmen und Anord-nungen (z. B. eines Gebets in den evangelischen Kirchen für den katho-lischen Kurfürsten) erregt, brachen in den Jahren >654 bis >662 wieder-holt Unruhen, und iin letzten Jahre endlich ein grauenhafter Aufstandaus, wegen dessen die Stadt im Oktober >663 in die Reichsacht erklärtwurde. Der Kurfürst Johann Philipp, als Vollstrecker der Reichs-acht, ließ Erfurt durch eine >5,999 Mann starke Erecutions-Armec unterdem Befehl des französischen Generals de Pradcl vom >7. Septemberbis zum >5. October >664, an welchem die Stadt capitulirte, belagernund hielt bereits am 2l. October seinen Einzug als unumschränkterLandesherr.

Er bestätigte die Religionsfreiheit, traf Anstalten zur Tilgung derSchuldenlast, änderte durchweg die Verfassung, ernannte einen Statt-halter aus den Mainzer Domcapitularcn mit den ausgedehntesten Be-fugnissen und ordnete sämmtliche Behörden der Mainzer Instanz unter.Der Stadtrath blieb als Polizeibehörde. In dem auf dieses Jahr derReduction" oder gänzlichen Unterwerfung folgenden Jahre wurdeder Petersberg in eine Festung umgeschaffen, damit die Bürger leichterim Zaum gehalten werden könnten.

Von dieser Zeit ab bis zum Anfang des 7jährigcn Krieges sind indiesem stadtgeschichtlichen Umriß nur die Pestjahrc >678, >682 und >683und das Epoche machende Jahr des sogenanntenzweiten großenBrandes" (1736) hervorhebenswcrth. Der letztere kam am 2>. October,gerade an einem Sonntage, früh um 9 Uhr in dem in der Stunzengassegelegenen Gasthof zur Flasche zum Ausbruch und legte über 299 Häuserin Asche, befreite aber die Stadt zugleich von mehreren engen und wink-ligen Gassen und einer Menge häßlicher, durch Giebelfronten und über-ragende Oberstockwerke entstellten alten Baracken.

Der 7jährige Krieg, in welchem Erfurt kciucswegs von Erpressungenund Gewaltthätigkeiten verschont blieb, mehrte die Schuldenlast und denHaß der Parteien. Eine bessere Zeit trat wieder ei» unter dem letztenKurfürsten, dem trefflichen Friedrich Carl Joseph, der >778 längereZeit in Erfurt verweilte, und dessen bürgerfreundlichcm Statthalter undspäterem Coadjutor, dem unvergeßlichen D alb erg, an dessen wohlthätigeWirksamkeit noch eine Menge Spuren erinnern. Der Anfang des listenJahrhunderts brachte für Erfurt auch den Anfang einer neuen Herrschaft,indem am 21. August >892 wenige Wochen nach dem Ableben des Kur-fürsten der König von Preußen von Stadt und Gebiet Besitz nehmenließ, aus den Grund hin, daß ihm beide nebst dem Eichsfeld im Lüne-viller Frieden (9. Februar >391) als Entschädigung für seine verlorene»rheinischen Besitzungen mit in Aussicht gestellt worden waren.

Kaum hatte sich die Bürgerschaft an den scharf geregelten Gang derpreußischen Verwaltung zu gewöhnen angefangen, so ward ihr vomLenker der Geschicke die traurige Nothwendigkeit auferlegt, einem fremdenGewaltherrscher zu gehorchen. In Folge der für Preußen höchst un-glücklichen Schlacht bei Jena, am >4. October >896, mußte Erfurtbereits am >7. desselben Monats capituliren und sich einem französischenGouverneur unterwerfen. Die Organisirung neuer Behörden und An-stalten brachte auch neue Bedrückung und neue Fesseln. Zwar wurde derZustand der Schmach und des Elends äußerlich vergoldet durch denGlanz des von Napoleon im September >898 zu Erfurt gehaltenenMonarchen-Congresses, indessen folgte der kurzen Herrlichkeit einelange Reihe trüber, prüfungsschwerer Tage. Die Erpressungen, Drang-sale und persönlichen Mißhandlungen nahmen erst mit dem Abzüge derfranzösischen Besatzung eiu Ende. Bevor es jedoch dazu kam, hatte dieStadt unter dem Gouverneur d'Alton die Schrecknisse einer Blokadedurch das preußische Heer auszuhalten, welche vom 25. October >8>3 biszum 6. Januar >814 dauerte, und eines Bombardements, das am 6.November >2> Häuser zunächst dem Dome und Petcrsberg in rauchendeTrümmer und glimmende Aschenhaufen verwandelte. Auch das Peter-