Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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dem Magistrat, den Stadtverordneten und der Polizeiverwaltung zumGeschäftsraum.

Was für ein Trümmerhaufen erhebt beim Roland sich?"Das ist das alte Rath Haus, das keinem Sturme wich.Das Roland gegenüber Jahrhunderte gethront.

Das haben seine Söhne nicht länger mehr verschont.

Und als es war geschehen, als das Gebäu erlag,

Da ward es bang zu Herzen den Söhnen allgemach.

Die rasche That bereuten sie allesammt zur Stund,

Kein neues Rathhaus bauten sie auf den alten Grund.

Ludwig von Erfurt.

2. Das Regierungsgebäude, früher die Statthaltcrei ge-nannt. Es ist zweitheilig. Der ältere, den linken Flügel bildende Theilwar ursprünglich ein großes Bürgerhaus, zum stolzen Knecht genannt,und wurde 1698 zur Wohnung des Kurmainzischen Statthalters einge-richtet. Den neueren Theil baute Boyneburg 1715, nachdem er zudem Behuf einige anstoßende Häuser gekauft hatte. Die Verschönerungdes Gebäudes ließ sich späterhin vorzüglich Warsberg angelegen sein,der auck den gegenüber befindlichen Hirschgarten auf dem Grunde eini-ger erkauften und abgetragenen Häuser anlegte. Seit 1816 ist es derSitz der Königlich-Preußischen Regierung und zugleich die Amtswoh-nung ihres Präsidenten.

3. Der Packhof, ebenfalls ein Werk von Bopneburgs, der das-selbe 1705 begann, steht am Anger und bildet eine Ecke der Auguststra-ße. Der Hauptbau hat drei Stockwerke und einen Balkon. Das unteredient zum Packhof und zum Geschäftslokal des Haupt-Steueramts, dasmittlere zum Landwehr-Zeughause und das oberste zur Aufbewahrungder Königlichen Bibliothek.

4. Das Königliche Gymnasium, in der Schlösserstraße, ist insofern merkwürdig, als es einen Theil des ehemaligen StotternheimischenGebäudes ausmacht, welcher 1664 den Jesuiten zur Residenz überlassenwurde.

Außerdem sind anführungswerth: der Bahnhof, das Gebäude fürdie Real- und die Mädchen-Oberschule, das Jnquisitoriat, das Postge-bäude und die Commandantur am Anger, das am Ende der Neuwerk-. straße stehende Gebäude der General-Jnspection des Thüringischen Zoll-vereins, das städtische Arbeitshaus (früher das Hauptgebäude der Uni-versität oder große Collegium) bei der Michaelskirche; ferner unter denPrivatgebäuden: das der Freimaurerloge Carl zu den drei Adlerngehörige Turnier (im 14. Jahrhundert Wohnung des Landgrafen Al-bert von Thüringen und später nicht selten Herberge fürstlicher Perso-nen), die schon oben erwähnte hohe Lilie, der große Christoph in derNeustadt (früher ein sehr angesehener Gasthof), das Burghard'scheHaus in der Neustadt (früherder Rosenhayn" genannt und Besitzthumdes im tollen Jahre Hingerichteten unglücklichen Ober-Vierherrn Kellner,dessen Familienwappen noch im Hofe sichtbar ist), das Schauspielhausin der Futterstraßc und das 137Z gegründete, 1803 aufgehobene unddem Fabrikant Rothstein zur Einrichtung einer Fabrik überlassene, inder Nacht vom 13. zum 14. September 1845 abgebrannte und seitdemvon seinem gegenwärtigen Besitzer, Kaufmann Haage, in geschmackvol-lem modernen Costüm hergestellte und zu einer Restauration eingerich-tete Karthänser-Kloster sviüa» Karthaus), dessen großer Saal ab-wechselnd zum Local für Concerte, Bälle und Sitzungen des Schwurge-richts dient.

Außer den beiden bereits erwähnten Denkmälern innerhalb derStadt, der Ehrensäule und dem Roland,

Seht ihr vom Sturm verwittert den alten Roland steh'n?Die Fahne in der Rechten, die muß der Wind noch drch'n.

Denn nimmer blieb dem Alten der freie hohe Stand,

Hätt' er, den Wind zu zeigen, die Fahne nicht zur Hand."

Ludwig von Erfurt.

befindet sich ein drittes außerhalb derselben, am Fuße der Cyriarburg,das Sibyllenthürmchen, über dessen Ursprung es verschiedene, abergleich unzuverlässige Sagen gibt.*)

Die vorzüglichsten Gasthäuser sind: das zum Kaiser, das vonCornelius Silber neben dem Bahnhof (schräg über das zur ThüringerEisenbahn, eben so neu, aber weit kleiner), zum weißen Roß, zumKönig von Preußen, zum Kronprinz, zum Ritter, zum Preußischen Hof,zum Schlehendorn, zum Thüringer Hos u. a.

Gartenwirthschaften: ») innerhalb dcr Stadt in Vo-gels- und Werners Garten, bei dem Ball- und Schauspielhause, beiMey und Freund; 1>) außerhalb der Stadt auf der sogenanntenMilchinsel, am Steiger bei Brand (Steigerhaus mit einer Reihe be-quem eingerichteter kleiner Sommerhäuser) und Wilhelm Silber (Sil-berhütte, ein ganz neues, höchst elegantes Etablissement), und bei demSchießhause.

Felsenkeller waren bisher drei vorhanden: dcr Planer'sche,östlich von der Stadt am Ringelberge, mit der schönsten Aussicht aufdie Stadt, besonders auf den Dom und den Petersberg, und südlichvon dcr Stadt, mit dieser durch die Arnstädter- und Schießhaus-Chaus-see verbunden, dicht beisammen an dem Waldsaume des Steigers derJohn'sche und der Schlegel'sche, welcher letztere bisher die stärksteAnziehungskrast bewährt hat.

Kennst du den Felsen im Steigerrevier,

Aus dem, statt Wasser, quillt Lagerbier?

Der Fels ist ein Pförtner der Erfurter Schweiz,

Hat eine Halle und ein Haus und Aussicht voll Reiz,

Bänke und Tische, in Reihen gestelltUnter Bäume» und blauem Himmelszelt,

Sänger im grünen Hag,

Ueberall Zechgelag,

Ueberall SeidclgeklirrUnd brausendes Stimmengewirr.

1851 dürste leicht ein vierter hinzukommen an der Steiger-Ecke,Hochheim schräg über. Das Bier ist freilich in Erfurt ungleich besser undbeliebter als das in den Pumpbrunnen befindliche, von der Gera herdurch Kieslager durchsinternde, kalkhaltige, im Sommer oft unreine undmodrige Schichtwasser. Das reinste und beste Brunnenwasser liefert derSpringbrunnen am Friedrich-Wilhelmsplatze. Die Erfurter könntenübrigens ein vorzügliches Quellwasser zum Trinkwasscr haben, wennsie das Dreienbrunnenwasser durch die Stadt leiteten und in Spring-brunnen vertheilten. Das Wasser der Gera wird durch Kanäle fast inalle Straßen geleitet. Was den Dreienbrunnen betrifft, so bezichtsich dieser Name angeblich auf den Ziegler'schen, den Henkersbrunncnund einen dritten nicht mehr nachzuweisenden und bezeichnet eine zwi-schen Hochheim, Steiger und Cyriarburg gelegene, sich bis an dasPförtchen**) erstreckende zweifache Reihe von Gemüsegärten, in denensich von Brunnenkreß- und Gießklingcn umzogen zahlreiche mit Blumen-kohl, Wirsing, Sellerie u. a. Gemüsen bepflanzte Hochbeete oder Jähneerheben. Die Jähne habe» 16 bis 20, die mit Brunnenkresse >8is^»>-!'!»»> besetzten Wassergräben Il> bis 12, die Gießgräben

etwa 2 Fuß Breite. Es werden allein im Dreienbrunncn durch diedort vorhandenen und zum Theil seit >683 gefaßten Quellen über >60Brunnenkreßklingen und gegen 200 Gießklingen mit Waffer versorgt.Ueberhaupt findet Gemüsebau und Kunstgärtnerei in Erfurt die sorg-samste Pflege. Ein eigenthümliches, den Fremden in der Regel be-fremdliches, aber den Einheimischen sehr wohlschmeckendes Erzeugniß

«) Z. B. dir »o» Eonstantln Bey er in der »Thüringischen xaterlanddknnde" nnlgeihcilteund in den Zeitbildern der Gesainmtgeschichte Erfurts von W. Schutz versisicirte.

**) Von der Stadt her gelangt man zu dem Pförtchen vom Neuwerk aus über einen bedeck-ten Steg auf einem anmuthigen, sich durch die Gärten des Hirschbrühls hinschlängeladen Fußpfade. dem Dalbergswege.