Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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an der liebreichsten Wartung nicht fehlen wird, wenn ihn das Loos derVerwundung trifft. Mit äußerster Spannung aber wurden in Ber-lin die großen Akte der Belagerung begleitet, und zumal, wenn, wasöfters geschah, die Nachricht sich verbreitete, daß ein Sturm beschlossensei. Bei nächtlichen Angriffen, deren Donner in der Hauptstadt gehörtwurden, wobei man die Granaten und Bomben von den Thürmen Ber-lins ihre feurige Bahn in den Lüsten beschreiben, die Flammen der ent-zündeten Gegenstände in der Festung auflodern sah, war halb Berlin,Männer und Frauen, auf den Füßen. Die Einen bestiegen die Thürmeund sahen dem Schauspiel von Weitem zu; die andern fuhren auf denTag und Nacht bereit stehenden Wage» nach Charlottenburg hinaus undströmten von dort auf den Kranz von Waldhöhcn, den das Harelthalbildet, und von dem man die ganze Festung und das ganze Belagerungs-terrain übersieht. Es war ein romantisches Schauspiel von diesenwaldbedecktcn Hügeln auf die Wachtfeuer in der Ebene, auf die dunkel hin-gestreckten Batterien hinabzuschauen, und den Blitz jedes einzelnen Schusses, !der die Gegend zunächst umher beleuchtete, wahrzunehmen. Eben sodie Bewegungen und Schüsse in der Festung. Zu dem Dröhnen desGeschützes fügte sich das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern derSignalhörner bei wirklichen oder Scheinangriffen, durch die man dieGarnison ermüdete. Den düstern und romantischen Scenen, welche !sowohl die finster» stürmischen, als die mondhellen Nächte jede in ihrerWeise erzeugten, gesellten fich auch lebendige vom Tag beleuchtete Ge-mälde, wo die Bewegungen deutlicher zu überschauen waren, und sogar 5manche komische Scenen. Denn wenn die Berliner Zuschauer auf den ^Anhöhen gelagert waren, gemüthlich ihr Frühstück verzehrten, zum Theilmit den Soldaten, die gerade dienstfrei fich unter fie mischten, so machteder Festungskommandeur auch zu Zeiten eine kleine Demonstration gegen "fie, und sandte einige Granaten oder Kugeln mit stärkerer Ladung und ?!höheren Elevationen bis in diese, allerdings nicht ganz aus der mög-lichen Region der Schüsse gelegenen Höhen. Wenn dann plötzlich eine ^Kugel über die Häupter der Gelagerten hinsauste, oder gar einige ^Baumzweige über ihnen zerschmetterte, oder eine Granate in der Nähe 'niederschlug: dann flogen freilich die bunten Gruppen, die dem Kriege >nicht allzunah ins Auge schauen wollten, wie eine Vogelschaar auf, indie ein Steinwurf gefallen ist, und Alles stürzte blind übereinander hin,zu einem sicherern Punkte. Daß dabei mancher Kamm aus schönem ^Haar, manches Halstuch von hübschem Halse auf dem Platze blieb,ja sogar mancher Schuh fich vom niedlichen Fuße löste, und in der Eilim Sande zurückgelassen wurde, erhöhte die komische Wirkung solchen Schau-spiels und belebte den Muth der, der Kugeln gewohnten Soldaten auch,wenngleich auf andere Weise, als die oben geschilderte ernste Theilnahme.

Endlich am 26. April kam der Tag, wo nach langer, man muß esanerkennen, tapferer Gegenwehr, die Festung übergeben wurde. Hatte» "schon zuvor Berlins Bewohner fich in Strömen dorthin ergossen, soverdoppelte fich jetzt diese Flut. Alles wollte die Spuren des Kampfes,den Schauplatz der Tapferkeit der Brüder, wie der französischen, immer

noch im höchsten Ansehn stehenden Krieger sehn. Man kletterte auf denWällen umher, durchstöberte die Kasematten, verweilte fich bei den de-montirten Geschützen, den zerrissenen Schießscharten, auf der Bresche.Genug, man genoß das Schlachtfeld, wie man zuvor die Schlacht ge-nossen hatte, als Schauspiel.

Uebcrhaupt bietet Spandau den Bewohnern Berlins auch noch jetzt,und fortdauernd mancherlei Reize dar. Einmal waren, in früherer Zeit,denn jetzt find selbst unsere Handwerker durch den vermischenden Verkehrzu andern Genüssen geführt, Spandauer Bier und Spandauer Z im mi-bretzeln berühmte Produkte für den Gaumen, und letztere wurden inallen Straßen Berlins den ganzen Tag zum Verkauf ausgerufen. Dannaber hat Spandau noch fünf Festtage für die untere Bürgerklasse Ber-lins, davon vormals jeder Bürger wenigstens einen im Jahre mitfeiernmußte; es waren die Spandauer Märkte, zugleich mit Pferdemärktcnverbunden. Dorthin wurde in vollem Jubel gefahren und noch inhöherem zurückgekehrt. In der That waren diese Märkte, und find esvon den Landbewohnern der Umgegend noch jetzt, sehr besucht, und dasfröhliche dort herrschende Treiben gab ein heiteres Volksbild in TeniersStil. Der churmarkische Bauer fährt noch jetzt regelmäßig im vollstenStaat und Ornat zum Spandauer Markt, und macht dort seine Ein-käufe fürs Jahr an Stoffen, Geräthen u. s. w. und handelt seine Pferdeaus und ein,

Allein Spandau ist zugleich ein Ort des Schreckens, und derName hat einen Übeln Klang für alle die nicht ganz reinen Gewissensfind. Denn es ist dort eins der Hauptzuchthäuser befindlich und dieFestung bewahrt viele hundert Gefangene verschiedener Gattung, vonder höchsten Klasse der Staatsgefangenen abwärts bis zum Baugcfange-nen in schwerem Eisen. Schon in Friedrichs des Großen, ja in seinesVaters Munde, war das WortNach Spandau" ein Donnerschlagfür den den es traf, und noch heut zeigt man unter anderm in derFestung das schauerliche, jedem Tageslicht verschlossene Gewölbe, wo derKammerdiener Friedrichs des Großen, der ihn auf österreichische Ver-anlassung zu vergiften unternommen hatte, doch die That, ihm zu Füßenstürzend, reuig bekannte, drei und zwanzig Jahre geschmachtet hat!Nach Spandau wanderte das ganze Kammergerichtspersonal, welchesficb weigerte den Prozeß gegen den Müller Arnold, der Friedrich demGroßen zwar verdienten, aber doch ungerechten Ruhm erworben, zurcformiren!

Nach Spandau! also ist eine Losung der Freude, und eine desSchreckens!

Daß übrigens die Festung seit fünf Jahren, durch die Erbauungder Berlin-Hamburger-Eisenbahn mittelst dieser zu eine Art VorstadtBerlins geworden ist, die man, obwohl zwei Meilen entfernt in einerViertelstunde erreicht, glauben wir noch schließlich anführen zu müssen,als letztes Siegel des allgemeinen Fortschrittes, der fich auch diesemFleckchen der Erde aufgedrückt hat.

Die St. Jakobi Kirche in Spandau.

Dieselbe führt auch denName» der Pfarrkirche, oder Marktkirche.Sie ist ei» ansehnliches Gebäude, und der Thurm derselben «aus dessenSchicksal wir später kommen werden) so hoch, daß er weit in der Ge-gend fichtbar ist, und man auf der weiten Fläche westlich von Berlin,Spandau fast überall mit seinem Thurm am Horizont erblickt. DasAlter der Kirche ist nicht genau anzugeben. Einige nehmen, von einemfrüher in der Mauer der Kirche befindlichen Stein, der die JahreszahlI2lt> trug, dieses Jahr als das der Erbauung an. Jedenfalls ist dasEnde des >2. oder der Anfang des 13. Jahrhunderts der Anfang ihrerEntstehung. Mithin ist die Kirche so alt, oder älter als die ältestenBerlins. Sie ist im gothischen Stil erbaut, und ruht auf zwölf starken

Berlin.

Pfeilern, die durch Fenster mit Spitzbogen getrennt werden. Im Jahre1467 wurde ein neuer Thurm auf die Kirche gesetzt, den ein Baumeisterans Magdeburg Rath stach oder Roth stock, ausführte. Derselbesoll von außerordentlicher Höhe, ja der höchste in der ganzen MarkBrandenburg gewesen sein. Dies wäre inzwischen auch nicht sehr vielgesagt, da die Mark außerordentlich hohe Thürme wenigstens gegen-wärtig nicht hat. Allein die Ueberlieferungen welche uns über einigespätere Messungen gemacht find, würden einen in der That außerordent-lich großen Maaßstab für die Höhe des Thurms annehmen lassen müssen.Im Jahr 1537 nämlich schlug der Blitz ein, und dadurch brannte dieSpitze herab, welche 1546 wieder neu errichtet wurde. Damals ver-

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