lS. März bis 9. November, wo in der Hauptstadt die Herrschast desGesetzes, durch die der aufgestachelten Straßenrotten suspendirt war,haben einen Tag schweren Verbrechens gegen die Ehre, tieferer Schmachund Entwürdigung nicht gesehen, als diesen, wo der Sturm des Pöbelsauf das Zeughaus statt fand. Oder vielmehr nicht der Sturm, sonderndas nur auf Unfug, Verwüstung und Raub gerichtete Eindringen einerRotte, der durch die maaßloseste Lüge eine gefahrlose Bahn gebrochen war.
Der Umsturz, die Untergrabung aller Rechte und aller Ehren, wolltedamals die gesetzliche Maske vornehmen. Ein Theil der Nationalver-sammlung, nicht nur in diesem Complott begriffen, sondern als Stifterund Führer desselben zu betrachten, hatte durch die herangetricbenenPöbelmassen ein Einschüchterungssystem in Gang gebracht, welches dieUnwürdigkeiten durch gesetzliche Beschlüsse sanktioniren sollte. Ministerund ehrenwerthe Deputirtc waren beim Verlassen der Sitzung gemiß-handelt worden, weil sie die Revolution, deren fortdauerndes Rechtder Bedräuung alles Bestehenden nicht anerkennen wollten. Im Ber-liner Schloß hatte man am 14. Juni Vormittags die eisernen Gitterin den Portalen, deren Einfügung eine unerläßliche Vorficht war, mitGewalt ausgehoben, und theils fortgeschleppt, theils ins Wasser gestürzt.Die an Zahl schwache Bürgerwehr, die in sich selbst keine Zuverlässigkeitfand, da ein großer Theil den Aufruhrstiftern anhing, hatte diesem Erceßnicht wehren können. Alle Wohldenkende der Stadt sahen schwere Stürmeheraufziehen, und waren in tiefster Besorgniß. Schon den ganzen Tagüber hatten sich in dem sogenannten Kastanienwäldchen, zwischen derdamaligen Deputirtenkammer (das Gebäude der Singakademie) und demZeughause gelegen, taufende jener düstern, unheilbrütenden Gestaltenversammelt, die späterhin unter der Bezeichnung „Bassermannscher Ge-stalten" von der demokratischen Parthei ins Lächerliche gezogen werdensollten, die jedoch dieser ehrenwerthe, aus Frankfurt herübergesandteDeputirte vollkommen der Wahrheit getreu geschildert hat. Hier wurdenvon frechen Volksführern in den Gruppen der schmutzigen Blousen undBranntweingcrötheten Gesichter, die empörendsten Reden gehalten.Man sah daß das Zeughaus, schon längst wegen seines Waffeninhalts,der Zielpunkt auf den die Rcvolutionsmänncr ihr Auge gerichtet hatten,auch jetzt der Gegenstand ihrer noch nicht ausgesprochenen Begehrnißsei. *) Die Dämmerung brach herein, und vermehrte das Schauerlicheder Scenen. Die Biirgerwehr hatte sich an verschiedenen Punkten auf-gestellt, doch war keine Einheit der Maaßregeln vorhanden, und diemeisten Trupps blieben ohne Befehl, und mußten nach der Einsicht dereinzelnen Kommandeure handeln. Der Kommandant von Berlin, Ge-neral Asch off, dem das Recht zur Einschreitung genommen war, hattedie Truppen versammelt, und meist aus der Stadt gezogen, um imGroßen operiren zu können, wenn es die Noth erforderte. Nur einigePosten waren besetzt. — Das Zeughaus war von einer Kompagnie des24. Regiments unter dem Hauptmann von Natzmer besetzt. Deiselbehatte allerdings die allgemeine Instruktion jeden Angriff auf daskönigliche Eigenthum zurückzuhalten; allein für den Tag selbst war dieseAbtheilung, abgeschnitten von den übrigen Truppen, ohne alle spezielleBefehle gelassen. Die verblendete, wahnfinnig zu nennende Aufregungin der Stadt, in den untersten Volksschichten, und leider auch in einemgroßen Theil der Bürger (vielleicht nur scheinbar, aus Furcht vor dergewalthabenden Masse) war so groß, daß bei einem Konflikt gar nichtabzusehen war, wohin er führen könnte. Gewiß hätte es dem ehren-werthen Führer, wieder ganzen kleinen Schaar, nicht an dem soldatischenHeldenmuth gefehlt, ihre Stellung bis auf den letzten Blutstropfen zuvertheidigen, wenn ihnen auf höhere Verantwortlichkeit dieser Befehl imAugenblick der Krisis zugegangen wäre. Allein der Führer hatte, —und jeder Billige, der sich in die Stimmung zurückversetzt, wird ihndeshalb nicht zu hart verurtheilcn — nicht die moralische Entschlossenheit,
*) Ecken seit den ersten Tagen des Aufruhrs wurden so viel als möglich die Gewehre ausdem Zeughaule fort nach Spandau, Magdeburg, und andern Orten geschafft. Dock bei
Stillen geschehen mußte, da die Volksinassen das Recht zu haben glaubten, auch dieseMaaßregeln zu hindern, konnte nur der geringste Theil fortgeschafft werden, und es warenam Tage des Einbruchs in das Arsenal noch hinlängliche Gewehre (auch Zündnadel-gewehre) vorräthig, um die gesammten waffenfähigen Bewohner Berlins damit zu versehen.
die Verantwortung seiner Thaten auf sich zu nehmen. Freilich wardie Lage der Dinge die, daß, hätte er diesen Muth eines außerordent-lichen Geistes gehabt, der da sagt: »Ich will meiner Ueberzeugungtreu bleiben, unbekümmert um jede Deutung und Folge," so wäre schonin jenem Augenblick vielleicht die Rettung der Hauptstadt und des Staatsvollendet worden, die erst fünf Monate später im November eintrat.Allein in der That gehörte dazu ein außerordentlicher Entschluß,der sich auch außerhalb jeder Instruktion zu stellen den Muthgehabt hätte. Denn der Befehlshaber im Zeughause wurde, abgeschnit-ten von jeder Verbindung mit der Stadt, durch die maaßlosesten Lügenund den schändlichsten Betrug über die Lage der Dinge getäuscht. DieBanden umschwärmten seit acht Stunden das Gebäude; die Bürgerwehr,obgleich in Schaaren aufgetreten, verjagte die Tumultuanten nicht; eswaren einige Schüsse gefallen, die statt ein faktisches Resultat zu ge-währen, einen Kampf vorzubereiten, nur die Aufregung auf die höchsteSpitze getrieben hatten, so daß das Volk (wenn man diesen edeln Aus-druck so entwürdigen will) sogar das Haus des Bürgerwehrführcrs ge-stürmt und geplündert hatte, der das Feuer kommandirt haben sollte,denn später ergab sich's, daß die gerechte Volksjustiz, die ohne Untersuchungund Verhör verfährt, durch eineNamensverwechslung getäuscht,das Haus eines ganz Unbeth eiligten zerstört hatte!!
Das Bataillon der bewaffneten Handwerker und eine Schaar be-waffneter Studenten bildeten noch — obwohl in sehr zweifelhafterWeise, — die Bedeckung des Zeughauses im unteren Theil, währenddas Militair den oberen besetzt hielt. Mit dem Führer wurde jetzt,durch die (wie man nachher erfuhr) Häupter der äußersten Demokratieunterhandelt. Ihnen hatte sich auch — eine Unwürdigkeit ohne Gleichen,ein verrätherischer preußischer Offizier gesellt, den die unglückselige,ehrgeizige Hoffnung trieb, durch die Revolution zu einer Stellung derMacht und des Ansehens gehoben zu werden, auf die er sonst nimmer-mehr Anwartschaft gehabt haben würde. Diese Verräther des Vater-landes waren es, die, durch die arglistigste Lüge, den ehrenhasten Führerder Besatzung umstrickten, und in seiner Pflicht irre machten. Sie sag-ten ihm: Das Volk hat überall gesiegt; die Truppen sind theils ausder Stadt geschlagen, theils zum Volk übergegangen; (da gar keineBefehle eintrafen, konnte der Getäuschte an diese Lüge glauben) inPotsdam sei der Aufstand gleichzeitig neu ausgebrochen, und der voll-ständigste Sieg des Volkes errungen, — der König geflüchtet, die Prin-zen theils gefangen, theils geflüchtet. Die kleine Schaar im Zeughausesei die einzige, die letzte, die sich dem herrlichen Sieg der Ration nochwidersetze! Wenn sie den Widerstand fortsetze, werde sie nur eine Hand-lung des Wahnsinns begehen; sie werde ein fürchterliches Blutbad her-vorrufen ohne Zweck, ohne Nützlichkeit des Erfolgs. Auf ihr Hauptfalle die Verantwortung für das Blut der hingemordeten Bürger, undauf den Führer die für alle hier nutzlos geopferten Krieger, die Söhnedes Vaterlandes, Bürger seien, wie jene draußen." — Wer will austretenund sagen, er würde in solcher Stunde, bei solcher Verantwortung, dieman auf ihn wälzte, nicht wankend geworden sein? Und ein Offizier,ein Kamerad, der demselben Gesetz der Ehre gehörte, versicherte dieWahrheit aller dieser Angaben! Auf diesem ruht die schwerste Ver-antwortung! Diesem glaubte der unglückliche Führer, denn ein solcherAbfall von der Ehre, von dem Heiligthum der Wahrheit, ging über alleFähigkeit seiner Vorstellungen. Dazu kam, daß ihm keiner derjenigen,die in höherer Stellung verantwortlich waren, ein Zeichen seines Wil-lens, einen Befehl, eine neue Weisung gab! Weder ließ sich aus denMaaßregeln ahnen, daß der Befehlshaber der Bürgerwehr das Zeughaussicher stellen wollte, noch ging aus den militärischen (aus der schon an-geführten Ursach) hervor, daß man von dort aus, entschlossen sei diesesHeiligthum, dieses Palladium des Heeres, nicht in die Hand der wüthen-den Massen fallen zu lassen. So von allen Seiten gedrängt, arglistigumgarnt, mit Bitten und Beschwörungen mehr als mit Drohungen be-stürmt, anscheinend verlassen von allen denen welchen eine Führung imGroßen anvertraut war, die seinen Rückhalt und Stützpunkt bilden soll-ten, völlig isolirt, gewissermaßen ohne haltbaren Boden unter seinenFüßen, giebt er endlich nach, um noch größeres Unheil zu verhüten,nicht taufende von nutzlosen Opfern in den offenen Schlund des Ver-