Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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großen Festen geöffnetes Lokal vorhanden, welches sich in weitläuftigenGemächern, Corridvren, Sälen, u. s. w. durch das ganze Haus, bisauf die entgegengesetzte Seite zieht, und wenn der Saal zum Ball be-nutzt wird, den Raum für 121500 Speisende, an Tafeln, darbietet.Ja, bei ganz außerordentlichen Festlichkeiten wird auch das Schauspiel-haus selbst mit diesen Räumen in Verbindung gebracht, und dadurchein wahrhaft feenhaftes Lokal hergestellt, in welchem behagliche Eleganzder Geselligkeit mit den wunderbaren Anordnungen, Beleuchtungen, De-corirungen, die eine Bühne gestattet, Hand in Hand gehen. Der Ballet-meister Taglion i hatte hier eines Abends ein Fest gegeben, an dem 3000Personen Theil nahmen, und bei welchem Conzert, Schauspiel, Solo-tanz auf der Bühne, Ball des Publikums und große Maskerade gleich-zeitig die Elemente der Unterhaltung bildeten.

In der That nahm dieser Vergnügungsraum einen fast zu großenTheil des Hauses ein, so daß nach der Erbauung desselben ein Bonmotin Umlauf war, welches doch ein Körnlein Wahrheit enthielt. Es hieß:der König habe zum Vergnügen der Berliner ein eigenes prachtvollesGebäude errichten lassen, in welchem der berühmte Architekt Schinkelsogar ein kleines Theater angebracht habe.

Indeß, wenn auch die Bühne nicht groß ist, so ist sie doch größerals die meisten der Schauspielkunst ausschließlich gewidmeten Räumein allen Städten Deutschlands, mit Ausnahme des Burgtheaters inWien. Der Schauspielkunst dürften übrigens größere Räume ehernachthcilig als vortheilhaft sein. Das Wesentliche ist also doch demZufälligen niemals nachgesetzt worden.

Werfen wir noch einen Blick auf einzelne Theile des Hauses. Wieman im Conzcrtsaal die Büsten berühmter deutscher Componisten, diesich nicht mehr unter den Lebenden befinden, aufgestellt hat, so in denVvrsälcn desselben die berühmten darstellenden Künstler des BerlinerTheaters. Unter diesen nennen wir Fleck, sden große» BorgängerJfflands) P. A. Wolfs den geistvollen, eine edle Feinheit der Kunstrcpräsentirender Schüler Göthes, Ludwig Devrient, vielleicht dergrößte Schauspieler der letzten Jahrzehenve, und die unvergleichlichenFrauen, Friederike Bethmann und Margarethe Schickh. Jfflandist in ganzer Figur in voller Lebensgröße, sitzend, dargestellt; dieFigur ist von Tieck. Sie nimmt ein eigenes Piedestal, den Büsten derobengenannteu gegenüber, ein. Er war zwar, wie ausgezeichnet ergewesen, nicht der größte, der hier genannten, sondern möchte seineStelle sowohl nach Fleck als nach Devrient einnehmen; allein er hatder Bühne am längsten angehört, war ihr Oberhaupt und Führerin der schwierigsten Zeit, und jedenfalls einer der hochbedeutendstenDarsteller, die Deutschland jemals besessen. So muß man ihm dennauf diesen Vorrang in der Art wie sein Andenken im Schauspielhauseaufbewahrt wird, wohl ein billiges Recht zugestehen.

Noch einen Blick, ehe wir von diesem Bauwerk, das eine so hohegeistige als architektonisch künstlerische Bedeutung für Berlin hat, schei-den, wollen wir auf einige den äußern Schmuck desselben vollendendeEinzelnheiten richten.

Das Gebiet der vorspringenden Säulenfront ist durch drei Bild-säule» von Tieck, Melpvmene, Polyhymnia und Thalia, geziert.Das Giebelfeld selbst nimmt eine große allegorische Gruppe, ebenfallsvon Tieck, ein, und ähnliche Bildwerke schmücken die Seitengiebel. Aufder Höhe des Mittelbaues, gleichfalls die Giebelspitze zierend, befindetsich ein Apoll auf seinem von vier Greifen gezogenen Wagen, nachSchinkcls eigenen Zeichnungen in Kupfer getrieben; auf derselben Dach-linie, jedoch nach der entgegengesetzten Front sieht man den beflügeltenPegasus, gleichfalls in Erz, nach einem Modell von Tieck. Durch dieGruppen auf den beiden Seitenwänden der Freitreppe, ist, wie schonoben bemerkt, die reiche Ausschmückung des ganzen Baues mit Bild-werken edelster Art vollendet.

Endlich die I nsch rift des Kunsttempels. Sie ist von Hirtu. lautet:lnieckei'ic»« lsiiilelmus III. Ikestium v> Oäeuin, inevnüU, eonsuiula,mgjoie <ucktu lestiluit, KllLtDXXI.

Wir würden sie nicht hersetzen, wenn sie nicht der Gegenstand vielfäl-tiger Besprechung unter den geistvollsten und gelehrtesten Köpfen Berlins

gewesen wäre. Sie wollte Niemandem recht gefallen; am wenigstenaber dem so scharf satprischen Philologen Friedrich August Wolf.Es wird von ihm erzählt, daß er sie scherzhafterweise in einem seinerCollegia durchnahm und neue gramatikalische und andere Fehler gegendie ächte Latinität darin nachwies. Den wohl nicht ohne sarkastischeSophistik geführten Beweis schloß er mit den Worten:Genug, meineHerren, der Hirt welcher diese Inschrift verfaßt hat, muß ein Schaafgewesen sein."

Der beiden Thürme, die gleich Wachtthürmen auf beiden Seitendes Schauspielhauses stehen, hatten wir schon am Eingang flüchtig ge-dacht. Es ist wenig davon zu sagen. Sie wurden um die beiden schonvorhandenen, von der Zeit des Königs Friedrich Wilhelm I. herrühren-den sehr unscheinbaren, Kirchen einigermaßen zu heben, in den Jahren1780 1785 auf Friedrich des Großen Befehl, durch die BaumeisterGontard und Unger erbaut. Es war im Plan, sie um ein ganzesStockwerk höher zu machen. Doch sei es, daß Fehler in der Ausführungstatt gefunden hatten, sei es, daß die Berechnung der Fundamente un-richtig war, doch am 28. Juli 178l, Morgens vor 4 Uhr, stürzte plötz-lich der schon mehr als zwei Drittheile vollendete, sogenannte deutscheThurm (denn die eine Kirche gehört der französischen Colonie, dieandere einer deutschen Gemeinde) mit furchtbarem Krachen ein, zumGlück, ohne daß irgend ein Mensch dabei ums Leben kam. Deshalbwagte man es nun nicht, die Thürme so auszubauen, wie es projektirtwar, sondern ließ ein Stockwerk fort, wodurch sie allerdings ein etwasuntersetztes Ansehn erhalten haben. Es war daher eine glückliche, zweiZiele mit einem Wurf treffende Carrikatur, eine überaus hagere, lange

Frau aus den höheren Ständen, Frau v. L abzubilden, wie

sie in etwas gebückter Stellung, mit eingebogenen Knieen die an demThurm befindliche Uhr aufzog. Der zu kurze Thurm und die zu langeFrau wurden dabei gleich anschaulich.

Die Architektur in beiden Thürmen ist nicht schön zu nennen, ob-wohl sie nach Vorbildern römischer Kirchen ausgeführt sein sollen. In-deß haben sie doch ein imponirendes Ansehn, und tragen namentlich vieldazu bei, dem Bilde der Stadt im Ganzen, aus der Ferne, ein charak-teristisches Merkmal zu geben. Die beiden Zwillingsthürme machen sichüberall geltend. Im Mondschein, wo sie nur als Massen erscheinen,bringen sie, als schwere Gegensätze des so leicht aufsteigenden Schau-spielhauses, einen sehr guten Eindruck hervor.

Der Platz auf dem sie stehen, ist einer der belebtesten Berlins.Hier werden Mittwochs und Sonnabends die beide» größten Wochen-märkte, für Erzeugnisse des Bodens und sonstiger Nahrungsmittel ge-halten, zu denen aus allen Dörfern der Umgegend die Landleute herein-kommen. Alsdann ist der Platz in seiner ganzen Ausdehnung um beideKirchen, die eine Länge von 450 Schritten und eine Breite von 200umfaßt, dicht mit Verkäufern bedeckt, die ihre Erzeugnisse feil bieten.Ungeheure Massen von Gemüsen aller Art, Früchte, Geflügel, Wild,eingeschlachtetes Fleisch, hiesige und Seefische, Eier, Mehl, Butter undso fort, bieten sich dem Auge dar. Auch ein sehr reicher Blumenmarkt,der Verkauf von Kränzen und Sträußern, von zierlichen Gartengeräth-sckaften verbindet sich damit. Das bunteste Leben, erzeugt durch Tau-sende von Gestalten aus dem Volk und den höheren Ständen, wogtdurch diese Marktgassen, während auf einem andern Theile des Platzes,die undurchdringliche Wagenburg aufgefahren ist, in der die Landleuteihr Getraidc, Heu, Stroh, und ähnliche nur zur Fuhre herbeizuschaffen-den Produkte feil halten.

Wer sich einen Ucberblick von dem nächsten materiellen Bedarf undVerkehr Berlins verschaffen will, der muß diese Märkte besuchen.

So bringt uns dieselbe Oertlichkeit das Leben in seinen höchstenund feinsten geistigen, und in seinen derbsten leiblichen Bezie-hungen zur Anschauung. Hier die Kirche, die Kunst, dort die Vor-rathkammer für Keller und Heerd!

Das ist des Menschen Natur; er wird ihr nicht entfliehen, er solles nicht. Denn ihm taugt, wie der Dichter sagt einzig Tag undNacht! -