Was DranÄenburger Thor.
Ist aus einer Zeit, wo sich Berlin nicht eben durch schöne architek-tonische Werke auszeichnete, aus der Regierung Friedrich Wilhelms IIher, ein in der That sehr schönes Bauwerk, in seiner Art eines derschönsten der Welt, indem, den Triumphbogen an der Barriere vonNeuillp zu Paris abgerechnet, wohl kein Thor, welches wirklich auchzugleich als Eingang der Stadt dient, vorhanden ist, das sich mit demBrandenburger messe» könnte. Und der Pariser Triumphbogen ist strenggenommen nicht einmal als ein Stadtthor zu betrachten, sondern mehrals eine selbstständige Verschönerung des Platzes an der Barriere, ähn-lich wie der Triumphbogen zu Mailand und andere. So dürfte denndem Brandenburger Thor der Ruhm, daß es das schönste Stadtthorin der Welt sei, schwerlich streitig gemacht werden. Allein auch vonseiner Bestimmung ganz abgesehen, so ist es auch rein für sich betrachtetein außerordentlich schönes Bauwerk. Der Bau begann im Jahre 1789,dauerte bis 1733, und wurde durch den Baurath Langhans, Vaterdes jetzt lebenden, nach dem Vorbilde des Eingangs zu den atheniensi-schen Propyläen, ausgeführt. Ein edleres hätte nicht gewählt werdenkönnen, und gereicht es dem Baumeister zur bescheidenen, aber wahrenEhre, daß er es vorzog, nach einem vorhandenen Kunstwerke zu arbeiten,statt eine eigene Erfindung zu versuchen, die, wenn auch gelungen, dochschwerlich die Höhe dieses rein griechischen Stils erreicht hätte. DasThor besteht aus einem von sechs cannelirten Säulen paaren getrage-nen Architrav; die Säulen sind in sich durch eine Scheidemauer, die dieeinzelne» Pforten begrenzt, verbunden. Das Thor hat somit fünfgroße Durchgänge, deren mittlerer, etwas breiterer, nur zur Passage fürdie königlichen Wagen bestimmt ist. Zwei der Seitendurchgänge sindden aus- und einfahrenden Wagen, zwei den Fußgängern ausschließ-lich bestimmt, die übrigens auch durch jeden andern, auch den mittlerenDurchgang ihren Weg nehmen dürfen. Auf dem Architrav befindet sichein berühmtes Kunstwerk, eine Quadriga von Gottfried Schadowmodellirt, und durch einen Kupferschmidt in Potsdam, Jury, in Kupfergetrieben, welche den Anblick des Bauwerks auf imposante Weise ver-schönert. Die Höhe des Thors (ausschließlich der Quadriga) beträgt8V Fuß. Jede der Säulen, bis zum Architrav hat 44 Fuß Höhe. DieBreite der Seitcnpforten beträgt >4, die der mittleren 18 Fuß. DiePropyläen haben, dies sei beiläufig bemerkt, eine geringere Dimension,so daß man sie als das kleinere Modell betrachten kann, wonach dasBrandenburger Thor im Großen ausgeführt ist. — Dem Hauptbauschließen sich noch zwei kleinere Flügelgebäude, ebenfalls durch Säulengetragen, und mit flach ansteigendem Giebeldach versehen, an. Sie sindin reinem griechischen Stil ausgeführt, und entsprechen dem Ganzendurchaus. Das eine derselben dient zum Zollgebäude, das andere zurWache. — Es ist aber nicht der Gesammtanblick des edlen Bausallein, wodurch derselbe imponirt, sondern auch das Einzelne der Aus-führung hat großes Interesse. Er ist mit mehrfältigen schönen Bild-hauerarbeiten aus Schadows Meisterhand verziert. Aus der vorder»Front der Attika ist ein Basrelief befindlich, welches einen Einzug derGöttin des Friedens darstellt. An den Scitenwänden der Durch-gänge sind die Arbeiten des Herkules abgebildet, an den Metopcnder Kampf des Centauren nnd Lapithen, endlich in den Nischen zubeiden Seiten des Thors die Bildsäulen des Mars und der Minerva.
Die Plätze vor dem Thore, von beiden Seiten, sind außerordent-lich günstig für den Bau. Die Hauptfront desselben ist nach dem In-nern der Stadt angenommen, so daß auch die Quadriga mit derVorderseite dorthin gerichtet ist, was freilich den Nachtheil mit sich bringt,daß sie von außen her, wo doch eine lange herrliche Avenue (die Char-lottenburger Chaussee) auf das Thor zuführt, und dieses in schönsterPerspektive erscheinen läßt, sich sehr nnvortheilhaft darstellt. EineTrophäe, die nach beiden Seiten Front gemacht hätte, wäre wohl ge-ziemender gewesen, wie denn bei jedem freistehenden Thor, wie die-ses, eine Doppclfront angenommen werden muß. — Unmittelbarvor dem Thor im Innern der Stadt, befindet sich ein breiter, viereckiger
Platz, vormals auch seiner Form nach, das Quarre, jetzt jedoch Pa-riser Platz genannt. Er ist von den glänzendsten Gebäuden umgeben,die in neuester Zeit durch prächtige Privatleuten noch verschönert sind,und von ihm aus öffnet sich die breite Promenade der Linden, mit einerFahrstraße und einem Reitwege auf jeder Seite, die durch vier Reihenvon Bäumen abgegrenzt werden. Dieser Eingang in Berlin ist so im-posant, daß keine Stadt in der Welt einen schöneren aufzuweisen hat.Die den Platz einschließenden Häuser sind fast alle Palästen gleich zuerachten. Der schönste ist der des Grafen Redern, der die Ecke derLinden einnimmt nach einer Zeichnung Schinkels im altflorentinischenStil erbaut. Diesem gegenüber auf der andern Seire der Linden, dasfast eben so stattliche Privathaus eines der reichsten Banquiers vonBerlin, des Baron Beneke von Gröditzberg. Rechts vom Thorfür den Eintretenden befindet sich gleich an der Ecke ein historisch merk-würdiges Gebäude, das Palais des Fürsten Blücher; das Nebenhausist jetzt von seinem Nachfolger in Tapferkeit und Popularität, dem altenGencralWrangel bewohnt. Zunächst dem Thor, auf beiden Seiten des-selben, erheben sich stolze Paläste. Sie sind das Werk einer Privatspekula-tion, die sich dieser so günstigen Stelle bemächtigt hat, um Häuser mitwahrhaft fürstlicher Pracht aufzuführen. Der Maurermeister Sommerhat Berlin mit diesen Bauten verschönert. — Die übrigen Gebäude sindtheils Minister- theils Gesandschaftshütcls. Der ehemalige Juflizministereund berühmte Jurist Savigny, und der französische Gesandt,wohnen unter andern hier. — Die Gesammtheit dieser Bauten giebt,wie gesagt, den imposantesten Anblick, den nur der Eingang einer Stadtgewähren kann, und derselbe erweitert sich durch die herrliche Perspektiveder Linden, die, zwischen ähnlichen palastartigen Gebäuden sich hinzie-hend, am Ende das königliche Schloß zeigt, wodurch die Aussicht be-grenzt wird. —
Ganz in anderer Weise, doch nicht minder schön, gestaltet sich derAnblick auf der Außenseite des Thores. Hier stößt die breite wald-bcgrenzte Charlottenburger Chaussee (ungefähr wie die berühm-ten französischen Avenucn) auf dasselbe, und rechts und links öffnensich die Spaziergänge des Thiergartens, zwischen denen wiederum schöneBauwerke sich dem Auge, in einiger Entfernung darstellen. Auf dereinen Seite die grüne Pracht der Gärten, auf der andern die stolze desstädtischen Glanzes. —
An diese Aeußerlichkeiten knüpft sich aber für den BewohnerBerlins auch noch das Interesse der geschichtlichen Denkwürdigkeit. —
Sieben Jahre hindurch weilte der Blick hier mit Trauer; denndas Thor stand, einem Könige gleich der der Krone beraubt ist, vonseinem edelsten Schmuck entblößt da. Die Victoria auf ihrem Sieges-wagen war entführt! Napoleon, Preußens Sieger im Jahr 1806, derdurch dieses Thor seinen Einzug hielt, hatte sogleich seinen Blick aufjenes Triumphzeichen geworfen und gemeint, dasselbe schicke sich besserfür ihn, als für den besiegten Staat. Er ließ es mit den unzähligenandern aus der halben Welt zusammengeraubten Kunstschätzen nachParis bringen! — Doch der Tag der Vergeltung kam! Im Jahr I8l4wurde die Quadriga von unsern siegreichen Truppen zurückgeführt, wiederauf ihren alten Platz gestellt, und am 7. August desselben Jahres, wo dasgroße Sicgesfest für die Vollendung der Freiheitskämpse gefeiert wurde,wurde auch dieses Symbol des Sieges, die Victoria auf der TriumphpforteBerlins, wieder enthüllt, und stellte sich plötzlich dem Blicke des jauch-zenden Volkes dar. Dieser Tag war überhaupt der glänzendste, welchendas Brandenburger Thor geschaut hat. Der Platz außerhalb vor dem-selben war von Säulen im Halbrund eingefaßt worden; auf jeder der-selben stand eine Victoria (von Rauch) mit dem Lorbeerkranz in derHand; Blumengewinde verbanden die Säulenschafte. Die ganze Längeder Linden hinunter waren Candelaber aufgestellt, die am Tage Blumentrugen, durch Blumenguirlanden verbunden waren, Abends mit Feuer-becken prangten. Am Schluß dieser Triumphstraße, an der (damalsnoch vorhandenen) Opernbrücke, dicht beim alten Opernhause, waren