vier einzelne, weit über lebensgroße Bilder, die vier Evangelisten,vom Professor Schadow in Düsseldorf. Diesen zunächst in denFenstern des hohen Chors welche die Mitte des Zehnecks einnehmen,befinden sich in jedem Fenster zwei, gleichfalls über lebensgroße Engel-gestalten in Glasmalerei.
Das die Hauptverzierungen der einfachen, mäßig großen Kirche,deren Räumlichkeit aber bei der vollen Bewahrung des Ehrwürdigen,doch zugleich jenes behaglichen Eindrucks nicht entbehrt, der namentlichvem protestantischen, vorzüglich auf die Predigt, also auf die klare Ver-ständlichkeit der Rede begründeten Gottesdienst zusagt. Diese Kirche istauch eine der geeignetsten Berlins für die Kirchenmusik, und mitwenigen Mitteln wird hier eine Wirkung in dieser Beziehung gewonnen,wozu in größeren Räumen, wie die Dom- und Garnisonkirche, schonmassenhafte Kräfte gehören, wie sie selbst oie Hauptstadt nur aufbringt,wenn große Anstrengungen nach allen Seiten gemacht werden, um einenhinlänglich zahlreichen Chor, Orchester, und den Raum durch die Stärkeihrer Stimmen süllende Solisten zu erhalten. In der Werdcrschen,so wie in einigen neuerbauten Kirchen (St. Jacobi, St. Mathäi u.s. w.) genügt eine kleine Anzahl von Sängern, (die bei den vielen Ge-sangvereinen Berlins sehr leicht zu haben ist,) ein geringes Orchester,oder auch die bloße Orgel, um selbst größere Tonwerke mit vollerWirksamkeit auszuführen. Dagegen find die eben genannten großenKirchen fast immer durch ihre zu ausgedehnte Räumlichkeit schädlich,selbst wenn alle die Mittel beisamnien sind, deren Anwendung zulässigist. Ist die Kirche wenig besucht, so erzeugt sich verwirrender Wieder-hall, und ist sie gefüllt, so schwächt sich der Ton in den entfernterenTheilen des Gebäudes zu sehr ab, und feinere Einzelnheiten der Soliverschwinden. So hat die Werdersche Kirche zuerst einen günstigenEinfluß auf die Gestaltung unserer Kirchenmusiken geübt, und deren jetztso große Vervielfältigung mit bewirkt. — Jedenfalls verdanken wir inihr dem Geiste Schinkels ein sehenswerthes architektonisches Werk, dasjedem Besucher einen lebendigen Eindruck hinterlassen wird. —
Werfen wir nun noch einen flüchtigen Blick aus ihre nächsten Um-gebungen. Sie hat, wie schon bemerkt, keine günstige Stellung, da siezwischen enge Gassen eingeschlossen ist. Doch mit der schönen Fapadedes Eingangs ist dies nicht der Fall, sondern diese wendet sich einemfreien, nicht sehr großen, aber doch hinlänglich geräumigen Platz zu,um eine schöne Ansicht des Baues zu gewähren. Er hatte früher denetwas derben Namen, der Kälbermarkt; jetzt heißt er der Werder-sche Markt, auch wohl der Platz an der Münze. Denn der Kirchegegenüber, an der andern Seite des Platzes, befindet sich das Münz-gebäude, auch zuweilen noch die neue Münze genannt, zum Unter-schiede von der alten, seit langen Jahren eingegangenen Münze vonder noch heut, die, ganz an einem andern Ende der Stadt befindlicheMünzstraße, ihren Namen hat, und welches jetzt zu Bildhauer-Werkstätten und Gießereien verwendet wird, wo unter andern auch dieReiterstatue Friedrich des Großen von Rauch gegossen und ciselirt ist.Die neue Münze ist ein wohlgefälliges Gebäude. Es ist vom KönigeFriedrich Wilhelm U, im Jahr Nllll auf der Stelle erbaut, wo ehemalsdas Werdersche Rathhaus stand. Der Baurath Genz sVater des be-rühmten österreichischen Publicisten) hat es ausgeführt; es ist mit Bas-reliefs von Schadow geschmückt. Eine Beschreibung seiner technischen,außerordentlich vervollkommneten Einrichtungen würde von großem In-teresse sein, hier jedoch zu viel Raum wegnehmen. Der Besuch desGebäudes der Münzstätten ist nicht schwer zu erlangen, und wird Jedemeine anziehende Belehrung gewähren. —
Noch ein Privatbau befindet sich an dem Werderschen Platz,den wir hier, obwohl wir seiner schon in der charakteristischen Skizzeder Stadt im Allgemeinen gedacht, nicht unberührt lassen können. Esist das große, so überaus prächtig eingerichtete Magazin der GebrüderGerson, das in Waaren des Lurus und der Mode, vorzüglich aber inStoffen, Putz, Teppiche», und andern eleganten Gegenständen haupt-sächlich für Damen, das bei Weitem nmfassendste ist, welches Berlin dar-bietet, und welches durch die drei Etagen des Hauses läuft. Es ist erst seitdem Jahr 1848 eröffnet und hat also die erschütternde Periode der Re-volution, welche während des Baues statt fand, durch die aufopferndsteBeharrlichkeit überdauert. Bon dem Umfang der Thätigkeit dieses Ma-gazins, und der Ausdehnung der Geschäfte, kann man sich einen Begriffmachen, wenn man weiß, daß etliche und achtzig Personen beim Ver-kauf, der Buchführung und Austragung der Waaren, angestellt find. DasEtablissement zählt allein 14 Hausknechte, «> Buchhalter, gegen zwanzigverkaufende und eben so viel arbeitende junge Mädchen. Er kanneigentlich ein Aggregat von Kaufläden, die sämmtlich in ein Gehäusegeschackrelt sind, genannt weroen. Man steigt auf eleganten Treppenim Innern des Hauptraums, sein mit Glas überdeckter Hof) zu veneinzelnen Läden, die wie Theaterlogen eingerichtet sind, hinauf. Auseinem gewissen Standpunkte sind alle zugleich zu übersehen. Hierschaut man ein Teppichmagazin, dort eine Putzhandlung, hier Seiden-stoffe, dort nur verarbeitete Kleidungsstücke, u. s. w. In allen Waarenfindet man hier das Neueste, Glänzendste, und die reichste Auswahl;in Modesachen ahmt das Magazin nicht blos neueste pariser Modellenach, sondern geht selbst erfindend voran, und seine Modelle wer-den in Paris und London nachgeahmt. Ein eignes, Tag und Abendnur von Lampenlicht erhelltes Cabinet mit Spiegeln, dient den Damen,die am Tage ausgewählten Stoffe, auch in ihrer Wirkung bei Abendzu prüfen. Von den jungen Mädchen, verschiedenartig in der Größeund Figur, in der Farbe des Haares, sind immer einige bereit, sich mitden farbigen Mänteln, Shawls, Kopfputz u. s. w. selbst zu drappiren,damit der Käufer oder die Käuferin auch die Wirkung eines Kleidungs-stücks an einer Person ähnlicher Größe, Haarfarbe u. s. w. wie die, fürwelche es bestimmt ist, beurtheilen kann. — Abends ist das Etablissementvon über hundert Gasflammen in geschmackvollen Ampeln und Glas-kugeln glänzend beleuchtet. In Stoffen führt es jede Waare, von dergewöhnlichsten Gattung bis zur theuersten, so daß auch der Bauer undHandwerker hier kaufen kann, und, wie es bei solchen Geschäften imGroßen allein möglich ist, hier sogar wohlfeiler zum Zwecke kommt, alsin den kleinen Läden. Auch rühmt man es allgemein, daß jedem Käu-fer, auch dem geringsten hier die aufmerksamste und freundlichste Be-handlung zu Theil wird, und die für alle Gegenstände fest gestelltenPreise, lassen jede Besorgung durch dritte eben so sicher ausführen, alsman sie selbst bewerkstelligt. Sechs Brüder sind es, die dieses un-gemein große Geschäft (das freilich auch viele andere bisher regsam be-triebene verschlingt) gemeinsam unternommen haben.
So befindet sich denn dicht »eben dem unvergänglichen Reich desJenseit, das vergängliche oder glänzende Reich des Irdischen, in zweier-lei Weise an dem Platz, aus den uns unser Bildchen geführt hat, ver-treten, durch die Stätte wo der tausendarmtge Beweger der Menschen-geschicke das Gold für den lebendigen Strom des Lebens bereitet wird,und durch die, wo die allbeherrschenve Göttin der Mode ihren schim-mernden Tempel aufgeschlagen hat. — Der Versucher dicht in der Näh?des Herrn! —
Berlin.
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