Strömungen der Neigung und Lust des Publikums, die nicht Jederrichtig aufzufinden und zu beurtheilen weiß, im Allgemeinen gut getrof-fen wurden. Die Bühne hat freilich auch tiefere Sphären nicht ver-schmäht. Sie hat Taschenspieler, Equilibristen, hat bloßen Darstellungenfür's Auge gedient; das Verdienst aber bleibt ihr, daß sie eine Reihevon Jahren hindurch im drastisch Komischen sehr viel Gutes und Glück-liches gebracht und dem Publikum Berlins die Bekanntschaft mit sehrausgezeichneten Talenten verschafft hat. Das Institut ist kein bilden-des, wie die Bühne sein sollte, aber ein erheiterndes für die Hauptstadtgeworden. Namentlich hat es sich mit Glück den Darstellungen aus !dem Volksleben gewidmet, und in Nachahmung des Leopoldstädti-sch cn Theaters in Wien, welches das dortige Leben des Kleinbürgers,Handwerkers, Färbers, Gamins u. s. w. so glücklich zu dramatischenErzeugnissen zu benutzen verstand, das Berliner Volksleben auf derBühne dargestellt, und oft eben so treu als mit Witz und Humor abge-spiegelt. Es verdient in dieser Beziehung der Name eines Mannesgenannt zu werden, der als Schauspieler wie als gewandter Theater-schriftsteller sich großes Verdienst in dieser letztgenannten Gattung er-worben hat, Angely, dessen „Fest der Handwerker" z. B. alsein ächtes Berliner Lebensbild nicht nur in der Stadt selbst, dem esden Ursprung verdankt, unzähllige Aufführungen erlebte, sondern auchauf allen Theatern Deutschlands mit lebhaftestem Beifall gesehen wor-den ist. Als Darsteller drolliger Berliner Volksfiguren stand derSchauspieler Rösicke sehr glücklich neben Angelp, bis der noch heutso berühmte als beliebte Komiker Bcckmann ihn ablös'te. Angelyverließ die Bühne, gründete ein recht gut verwaltetes Gasthaus inBerlin und starb einige Jahre darauf. — Auch der als dramatischerSchriftsteller und Vorleser so vortheilhaft bekannte Karl v. Holtenhat sich in der Gattung des Volksstücks, die er eben für dieses Thea-ter bearbeitete, welchem er auch eine Zeitlang als Dirigent vorgestan-den, große Verdienste erworben. Die so berühmt gewordene Figur ^„der Eckensteher Nante" hat ihren Ursprung in einem DramaHoltey's „Ein Trauerspiel, in Berlin," ein Sittengemälde, welchesviele Berliner Gestalten, unter denen die „Nante's" eine Nebenfigurwar, darstellte. Beck mann erhob sie, durch das plastische Leben,welches er ihr gab, zur Hauptfigur, und stellte sie nachher auf einenganz selbstständigen Boden.
Doch auch eine künstlerische Richtung von höherer Bedeutunghat das königstädter Theater, das sei ebenfalls noch zu seinem Ruhmegesagt, gepflegt; eine Richtung, in der, wenn auch keine höhere Erhe-bung, kein Künstlerthum im reinsten Sinne des Worts vorwaltet, sichdoch ein verfeinerter Lurus des Geschmacks repräsentirt findet. Es istdie italienische Oper. Die Bühne hat den Ruhm, uns seit einemJahrzehend alljährlich mit einer guten, theilweise vorzüglichenOper dieser Gattung zu versorgen. Eine Pasta konnte hier, wennauch im Abendsonnenglanze ihres Ruhms, doch immer noch in herrlicherStrahlung desselben als Norma, Tancredi, und in andern ihrerberühmtesten Rollen austreten. Sängerinnen wie eine Fodor, undjüngst die mit wundervoller Stimme begabte Signora Fiorentini,deren Name bald durch die ganze musikalische Welt klinge» wird, wiesie denn soeben auch schon in London Triumphe gefeiert hat; die lieblicheCastellan, ferner Sänger wie Tamburini aus Paris, Gardoni,der seit Jahren in Paris glänzt, Labocetta und viele Andere hat unsdiese Bühne zugeführt.
Dafür verdient sie Anerkennung; und wir mußten ihrer hier ge-denken, denn sie bildet ein nicht unerhebliches Moment in der Kunstge-schichte Berlins, einen wesentlichen Bestandtheil seines künstlerischen Lebens.
Nachdem wir so den Geist citirt, der in diesen Gebäuden wohnt,mögen wir uns auch in einigen Umrissen den Körper vor Augen stellen,in denen er seinen Sitz hat, das Gebäude selbst. Seine Front nachaußen zeigt nur die eines gewöhnlichen, aber stattlichen Privathauses.In der That ist es auch nur ein solches, das nebst zwei anliegendenGrundstücken durch den Aktienverein, der das Theater gründete, ange-kauft war. Das Theatcrgebäude selbst befindet sich in dem Hofraumdieses Gebäudes, wo es mit großem Geschick in die vorhandene Räum-
lichkeit gewissermaßen eingepaßt ist. Ein zur Zeit des Baues noch sehrjunger Architekt, aber damals schon durch Talent und Umficht berühmt,der spätere Hofbaumeister Ottmer aus Braunschweig, hat den Bauentworfen und geleitet. Derselbe baute später in Berlin noch das Ge-bäude der Singakademie, ein ebenfalls sehr gelungenes Werk, undführte nachmals in seiner Heimath Braunschweig den Bau des so über-aus geschmack- und prachtvollen Schlosses, zu dem er auch den Planentworfen hatte, aus. — Man hätte also wohl nicht leicht eine glück-lichere Hand zur Ausführung des Theaterbaues finden können. In derThat find dem Gebäude alle wesentlichen und alle accefsorischen Forde-rungen durchaus entsprechend. Es hat ein sehr glückliches Maaß derRäumlichkeit überhaupt, so daß die edelsten Kunstwerke mit Würde darinzur Darstellung gebracht werden können, und doch den leichteren derRaum nicht zu groß ist; Ganzes und Detail läßt sich auf gleiche Weisevvrthcilhaft darin entfalten. Das Theatcrgebäude ist lSll Fuß lang,Nb Fuß breit, und bis zur Giebelspitze 9l) Fuß hoch. Es ist im In-nern sehr freundlich, ja nach den neuesten Auffrischungen elegant de-corirt; von allen Plätzen sieht und hört man gut. Der Zuschauerraumfaßt l5W Persoucn; er hat drei Reihen Logen und ein Amphitheater.Die königlichen Logen befinden sich im Proscenium, auf der linken Seite;gegenüber ist die Loge der Direktion, die Fremdenloge u. s. w. End-lich fehlt es dem Gebäude nicht an jenen behaglichen Nebeneinrichtun-gen, die sich mehr und mehr mit dem Theater idcntificiren und ohnedie es jetzt kaum noch gedacht werden kann. Es hat eine wohleingerich-tete Conditorei sfrüher auch eine Restauration), und die Corridors undVorhallen sind so wohlgestaltet, daß sie die Stellen von Foyers, derenes im eigentlichen Sinne nicht giebt, vertreten. —
Dies wäre also zur Anknüpfung von Betrachtungen entschieden derHauptpunkt auf dem vorliegenden Bildchen, wiewohl er in diesem selbstsehr verschwindet.
Ja Einiges, was uns wenigstens zu einem andeutenden WortGelegenheit bieten kann, ist kaum, oder gar nicht auf demselbensichtbar. Zu dem ersteren gehört der Aleranderplatz selbst, einerder größten Plätze Berlins, von dem wir jedoch nur einen Theil er-blicken, da er sich in seiner Hauptausdehnung zwischen dem König-städter Theater und dem im Mittelpunkt unseres Bildchens stehendenGebäude mit dem Frontispiz rechts hinzieht. Der zweite, nicht fichtbare,besser vielleicht auch nicht zu nennende Gegenstand, ist das Arbeits-haus, im Volk der Ochscnkopf genannt, der nächste Nachbar unsereskönigstädtischen Theaters, zur Rechten desselben, von dessen komischenBeziehungen zu diesem wir schon oben gesprochen.
Der Aleranderplatz, »m ein Wort über diesen zu sagen, hateine unregelmäßige Gestalt, er bildet im Hauptraum ein Rhomboid,dem sich durch das Zusammenstoßen mehrerer Straßen unv Grenzräumenoch ein weites, ganz unregelmäßiges Terrain anschließt, welches zwareigentlich nicht den Namen Aleranderplatz führt, sondern nach verschie-dene» Straßen verschiedene Namen hat, das aber doch im gewöhnlichenLeben mit unter dem Alerandcrplatz verstanden wird. — Manchem wirdvon dorther besonders eine Erinnerung angenehm sein. In dem großeneleganten Hause, dem königstädtischcn Theater gegenüber, eigentlich inder Aleranderstraße liegend, war die Wohnung Henriette Son-tags in der Zeit ihres strahlendsten Ruhms. Manche Serenade ist, vonTausenden aus der Volksmenge in dichter Corona umringt, dort erklungen,— und auch mancher Seufzer einsamer Spaziergänger in stiller Mond-scheinnacht, die den Blick sehnsuchtsvoll zu den Fenstern hinaufrichtetcn,die Luna mit ihren schönen Strahlen versilberte, hinter denen aber einnoch viel reizenderes Gestirn sich barg! — 'semch pussaii! Die schöneSängerin wurde zur schönen Gräfin Rosfi, die schöne Gräfin Rossi zurMadame Sontag, die freilich, wenn auch noch immer eine gefeierteKünstlerin, doch nicht mehr den Reiz, die Anmuth haben kann, denHenriette Sontag fünf und zwanzig Jahre früher übte.
Sollen wir nach einem so anziehenden, erfreulichen Gegenstande,von einem so düstern, die traurigsten Empfindungen weckenden, sprechen,wie das Arbeitshaus?
Wenigstens nur in kürzester Kürze.