Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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Das Gebäude, dessen schwarzes, finsteres Acußere (wir sehen esaber, wie gesagt, auf unserm Bilde nicht) aus sein Inneres schließenläßt, ist der nächste Nachbar des heitern Theaters, doch von der andern,uns durch die Wendung der Ecke entzogenen Front desselben. Es ist einGefängniß, zum Theil für Strafwürdige, zum Theil für Unglück-liche; denn es ist der Aufbewahrungsort Derer, die keine Heimath,keine Wohnstätte haben. Daß dazu Viele, die größte Mehrzahl Derergehören, die aus Hang zum Vagabundiren in diese Lage versetzt sind,bedarf nicht des Wortes; doch nicht selten findet man auch Unglücklichedarunter, die aus reiner Armuth, weil sie wirklich keine Mittel haben,eine Wohnung, und wäre sie die elendeste, zu miethen, dort ihre Zu-flucht suchen müssen. Wehe dem, welchem das Schicksal diese als ein-zige Zufluchtsstätte aufbewahrt! Das größte Unglück für diese ist

aber das, daß sie hier in die Gemeinschaft mit der anwiderndstcn Hefeder Hauptstadt kommen. Nickt einmal mit solchen Verbrechern, die einegewisse Kühnheit, Unternehmungsgeist, List, Beharrlichkeit voraussetzenlassen, sondern mit denen, die nur in der Sphäre des Widerlichen, desEkels sich bewegen: von männlicher Seite Umhertreiber, Bettler ausTrägheit, Säufer; von weiblicher der Auswurf des Geschlechts!

Das Gebäude bezeichnet somit eine faule Stelle unseres Gesell-schaftszustandes. Es ist eine Stätte, wo die Zucht nicht den Verbreckerbessert, sondern wo das Laster häufig erst recht geimpft und genährtwird! Möchte uns bald die Abbildung einer neuen Baulichkeit,diesem Unglück der Gesellschaft gewidmet, Stoff zu erfreulicheren Betrach-tungen liesern, als die, mit welchen wir den Commentar des uns vor-liegenden Bildchens hierdurch schließen!

Das König!

Wir sehen ein bescheidenes Gebäude vor uns, das kaum das An-sehen eines eleganten Privathauses übersteigt. Und dock ist es einKönigspalast, war länger als vierzig Jahre die Wohnung des imJahre lSlll zu seinen Vätern hinübergegangcnen Königs FriedrichWilhelm III., dem sein Volk den Beinamen des Gereckten gegebenhat. Er hätte noch mehr, wenigstens mit gleichem Recht, den des Ein-fachen verdient; denn einfach war sein Sinn; für sich selbst, für seinepersönlichen Verhältnisse durchaus schlicht, bescheiden, zu bescheiden, oftzurückgezogen. Dennoch wußte es der königlichen Pflicht des Glan-zes, der äußeren Vertretung stets würdig zu genügen, und seine indi-viduelle Neigung war der Erfüllung dieser Forderungen der Verhält-nisse niemals hinderlich. Doch wo er sich von diesen scheiden konnte,folgte er dem innern Dränge gern, und so richtete er auch seine Pri-vatwohnung würdig, aber einfach ein, und in dieser wieder war seinArbeits- und Schlafzimmer das einfachste; letzteres enthielt nur ein ein-faches eisernes Feldbett, und wenige eben so einfache Tische und Stühle.Das Arbeitszimmer ist sorgfältiger geschmückt, doch ebenfalls sehr ein-fach, und diese Zierden find zugleich fast alle mit theuren Erinnerungenverbunden. So das Bild der am >9. Juli l^lg verstorbenen KöniginLuise, das der König stets vor Augen haben wollte, und andere mitähnlichen Rückerinnerungen und Beziehungen verknüpfte Kunstwerke.

Das Palais ist keines der ganz neueren Gebäude Berlins. Esw ard schon unter dem großen Kurfürsten für den Marschall v. Schom-berg erbaut, ward später als Gouvernementshaus von Berlin benutztund dann zum kronprinzlichen Pallast bestimmt. Als Kronprinzhatte es auch der verewigte König schon bezogen, behielt aber die Woh-nung, die ihm mehr zusagte, als eine in dem prachtvollen weitläuftigenSchloß, auch als König unverändert bei.

Der einfache Geschmack des Ganzen hindert nicht, daß doch einegroße Sorgfalt der Einrichtung, die aber viel, mehr auf das ächtSchöne, als auf blendende Pracht hinausgeht, beobachtet ist. Einmalhat das Gebäude eine treffliche Lage; es steht fast ganz isolirt; derFront gegenüber befindet sich das würdige, imponirende Zeughaus, sodaß Niemand den Fenstern des Königs gegenüber wohnte; mit denSeitenflügeln reicht es in zwei Straßen hinein und wird beinahe durcheine dritte in der Hinterfront abgeschlossen, so daß es, mit Ausnahmeweniger anstoßenden Häuser, ein Viertel völlig für sich bildet und an-sehnlichen Hofraum hat. Eine schöne Treppenhalle, mit Skulptur-arbeiten geschmückt, empfängt den Eintretenden. Im untern Geschoßrechts und links befinden sich Zimmer für die höhere Umgebung desKönigs und früher auch der Königin. So wohnte daselbst die Ober-hofmeisterin Gräsin Voß; später die Adjudanten des Königs. In deroberen Etage waren die Zimmer des Königs und der Königin. Dasbesondere Wohn- und Schlafzimmer der letzteren ist ganz in dem Zu-

Berlin.

i ch e Palais.

stände erhalten, wie es bei ihrem Tode war. Die Gemächer sind nichtsehr groß und hoch, aber haben doch ein schönes Verhältniß. DasCorps de Logis ist ebenfalls nickt groß, aber dock so räumig, daß derverstorbene König stets seine Gesellschaften und Feste dort gab, mit Aus-nahme ganz einzelner Prachtfeste, zu welchen auch das gebildete Publi-kum der Stadt Zutritt hatte, wo die Zahl der Gäste in die Tausendestieg, und mithin die weitläuftigen Prachträume des großen Schlossesnothwendig wurden. Indessen hatten Gesellschaften von einigen hundertPersonen vollkommen Raum in dem Palais. Gewöhnlich waren die-selben mit kleinen Theatervorstellungen verknüpft, denn es befindet sichin dem Seitenflügel des Gebäudes ein sehr geschmackvoll eingerichtetesTheater. In der Regel waren es französische Lustspiele und kleineBallette, die hier aufgeführt wurden, da der König die letzteren beson-ders liebte. Allein auch die für so kleine» Raum geeigneten deutschenSchauspiele und Opern wurden hier, stets in der ausgewähltesten Be-setzung, gegeben. Es galt für eine hohe Auszeichnung sowohl für dieKünstler, zu solchen Vorstellungen gezogen zu werden, als auch für dieEingeladenen, wenn sie an diesem engeren Kreise des geselligen Lebens,welches der König führte, Theil nehmen durften. Es wurde hier beiden Soupers meist an vielen kleinen Tischchen gespeist, und an diesenordnete der Zufall die Plätze, so daß der König nicht selten mit sechsbis sieben Personen vertraulich speiste, die, wenn auch ihrem Standenach zur Hosgesellschaft gehörig, doch, was den Rang anlangt, weitvon dem Recht entfernt waren, sich in nächster Nähe Sr. Majestät zubefinden, z. B. jüngere Offiziere. Es sollte aber Alles hier so wenigals möglich durch steifes Ceremonie! gezwängt sein, dasselbe aber durchdesto feinere wirkliche Bildung und Sitte ersetzt werden. Und dielenCharakter trugen die Gesellschaften.

Der König liebte es auch sehr, sich mit den Künstlern und Künst-lerinnen zu unterhalten, wie denn seine Neigung für das Theater über-haupt sehr groß war. Diese, wenn sie in jenen kleinen Gesellschaftenkünstlerisch beschäftigt gewesen waren, speisetcn jedock an besonderenTafeln. Der König kam aber häufig zu ihnen, und unterhielt sichlange, doch in seiner abgebrochenen Weise, in kurzen Phrasen, insge-mein blos mit dem Infinitiv construirt, mit ihnen; z. B.: »Heut sehrgut gespielt haben" u. s. w.

Doch die Neigung des Königs, mit den innerlich und äußerlichbegabten Künstlerinnen länger und freier zu verkehren, fand in andererWeise reichhaltige Befriedigung. In dem an das königliche Palaisstoßenden, erst im Jahr 1810 durch einen Bogengang verbundenen Ne-bengebäude (ursprünglich das Palais des Prinzen Louis, oder das so-genannte Prinzessinncnpalais) befanden sich die Zimmer des königlichenKämmerers Timm, der das ganze Vertrauen des Königs besaß. Die-ser lud die Künstler nnd Künstlerinnen der Oper, des Schauspiels und

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