Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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trat an die Spitze der Verwaltung. Es läßt sich nicht läugnen, daßdieselbe mit Geschicklichkeit und Geist geführt wurde, nur vielleicht nichtmit der nöthigen Besonnenheit und Erfahrung, deren Mangel sich nachdem kurzen Rausch der Freuden und glänzenden Erfolge kund giebt.Die Eröffnung der Bühne fand, wie sich dies schon der Neuheit wegenvermuthen ließ, unter dem außerordentlichsten Andrang statt. Eswaren auch wirklich vortreffliche Talente dafür gewonnen, die einendauernden Namen in der Kunstwclt bewahrt haben, als die KomikerSchmelka, Spitzeder, die angenehmen weiblichen Talente der Ge-schwister Sutorius, einesehr hübsche junge Liebhaberin, Dlle. Bauer,u. a. m. Auch debntirte man mit einem gewissen kecken Humor. DasTheater hatte, wie jedes neue Institut, sogleich dem Berliner Witz zumStichblatt dienen müssen. Seine Lage aus dem Aleranderplatz hatte eszur nächsten Nachbarin des verrufensten Hauses und Instituts der Stadtgemacht, des Arbeitshauses, das unter dem vulgären NamenderOchsenkopf" bekannt ist, weil das frühere Arbeitshaus in einemdem Schlächtergewcrk gehörigen Gebäude befindlich gewesen war, welcheseinen Ochsenkopf als Schild über der Thür trug. Von diesem Nach-barhause nun und dessen ominösem Namen glitt mancher Spott auf dasTheater hinüber. Die Verwaltung antwortete darauf durch ein Parolider Selbstverspottung, und gab als eines der ersten StückedieOchsenmenuett;" damit brach sie gewandt die Schärfe aller Spitzenab, die aus diesem Namen gegen dasselbe gerichtet wurden, so gut wieSchlegel in seinem Streit mit Kotzebue diesem den Bortheil ab-schnitt, den Reim Flegel auf ihn anzuwenden, indem er ihn selbstzuerst gebrauchte.

Da das Theater gewissermaßen jüdischen Ursprungs war, viele jüdischeBanquiers sich in der neuen Aktiengesellschaft und auch im leitende» Per-sonal befanden, so wurden auch der Spöttereien aus diesem Fundament herviele in Bewegung gesetzt. Wie wenig sie sich davor scheue, wie gleichgültigsie dagegen sei, zeigte die Verwaltung dadurch, daß sie selbst ein Stück,in dem das jüdische Element, und der Scherz, der damit getrieben wird,die Grundlage bildete, zur Aufführung brachte,die polnische Schen-ke," in der namentlich Schmelka den gemeinen Juden unvergleichlich cha-rakteristisch darstellte. Diese geschickten und kecken Manövres gingen haupt-sächlich von dem geistreichen, lebendigen Kunowski aus. Wäre er nureben so besonnen und sparsam gewesen! Allein sein Capua kam!Gerade die Zeit des höchsten Glanzes der Bühne war, wie die Zeit derglänzendsten und üppigsten Tage Hannibals, die Zeit des Verderbens!Sie knüpft sich an einen der berühmtesten, wenn nicht den berühmtestenNamen der theatralischen Welt unsers Jahrhunderts, an HenrietteSontag, der spätern Gräfin Rossi, welche jetzt wieder alsMadameSontag die Nachsommcrcrnte ihrer einst so überreichen Lorbeer» hält.Diese Sängerin, die das Theater auf die Spitze des Glanzes erhob,stürzte es auch. In Wien hatte sich die italienische Oper unter Bar-baja, als deren Sterne erster Größe die Fodor Mainvielle, Ru-bini, Lablache u. s. w. sich gezeigt hatten und wo Henriette Sontagdamals nur als Stern zweiter Größe glänzte, aufgelöst. Die jungeSängerin, ilo oder >9 Jahre alt, mit dem lieblichsten Körperreiz aus-gestattet, ging ihrem schon vorausgeeilten Rufe nach Norddcutschlandnach. Sie kam, sah, und siegte. Einzelne Direktoren der Königsstadt,die sie gesehen und gehört, waren von dem blendenden Licht angelockt,wie die flatternden Nachtschmetterlinge. Sie sahen und hörten nichtsmehr als sie; und da sie in ihre nächste Nähe, nach Leipzig kam, flat-terten sie dort hinüber, und in glückselig unglückseliger Stunde wurdeder Engagementscontract geschlossen, nachdem der Sängerin, als Zeichender Verehrung der einzelnen reichen Männer, türkische Shawls, Arm-bänder, Ohrgehänge von Diamanten und Aehnliches schon huldigenvzu Füßen gelegt war.

Der Erfolg in Berlin war ein unbeschreiblicher. Das Engagement,wie hoch es war, schien gar nicht in Betracht zu kommen gegen dieVortheile, die es der Bühne gewährte. Jedesmal war das Hausüberfüllt, mit reger Thätigkeit, dies muß man loben, hatte die Direktionsogleich ihr Vaudeville, ihre anspruchlose Operette zur glänzenden Operemporgehoben und Talente engagirt, die wenigstens vollkommen werth

waren, den schönsten Goldrahmcn zu dem reizenden Bilde der vortrefflichen Sängerin abzugeben. Der Tenorist Jäger hatte eine überausschöne Stimme; Zschiesche war ein so tapferer, kräftiger Baß, daßer noch heut, nach 25 Jahren, unter den gcachtetsten Sängern derkönigliche» Oper in Berlin fungirt, und Spitzeder hob durch seinunvergleichliches komisches Talent, unterstützt von einer wohlklingendenBaßstimme die komische Oper wie ein Atlas fast allein auf seinen Schul-tern in die heiterste Höhe. Die königliche Oper selbst, obwohl damalsin ihrer glänzendsten Zeit durch die Namen Milder, Seidler, Schulz,Euricke, Bader, Stümer, Dcvrient, Blume, wurde verdunkelt!Genug die Direktoren triumphirlen und sagten stolz: jetzt zeigen wir,was eine geistreiche Verwaltung intellektueller Männer vermag, wie weitsie über eine matte königliche, in den gewöhnlichen Geleisen gehende, nurtodte Kunstprinzipien, nicht die lebendige, frische Strömung des Augen-blicks beachtende, emporragt! Ja, sie überragte dieselbe, aber nur kurzeZeit dann folgte der schmählichste Sturz gleichzeitig mit dem Abschlußder Rechnungen. Die Opernvorstellungen waren freilich jedesmalüberfüllt gewesen,die Italienerin in Algier" hatte man hnnvertmalgeben können; Henriette Sontag hatte sich dreifach bezahlt gemacht.Dafür aber war an allen Schauspiel- und Lnstspieltagen die tiefste Leereim Hause und die tiefste Ebbe in der Kasse eingetreten! Die zwei oderdrei Operntage konnten doch die vier Schauspicltagc, der Ferien derOper nicht zu gedenken, nicht übertragen; zwar hatte man die Preisefür die Oper etwas höher gestellt, allein bis zu der Industrie derneuen Zeit hatte man sich noch nicht erhoben, die Preise zu verdoppeln,zu verdreifachen. Man ahnte nicht, wie weit die leidenschaftliche Lustdes Publikums gehe. Die Kosten der Oper waren außerdem, d. h.außer der für die Wundersängerin selbst, nicht gering gewesen; sie füg-ten sich zu den Ausfällen im Schauspiel. Wie der Speer des Achillallein durch seine Splitter die Wunden heilen konnte, die er schlug, sohätte auch nur die Verderberin des Theaters seine Retterin sein können,allein sie, diese einzige Helferin, wurde treulos. Den in Berlin ge-wonnenen Weltruhm hatte sie in Paris durch ein überaus erfolgreichesGastspiel auf das höchste, vortheilhaftcste Postament gestellt! DieseWeltbühne behagte ihr besser und vermochte doch auch noch einen ganzanderen Goldregen in ihren Danaeschooß herabströmen zu lassen, als dieWinkelbühne des Tkü-uie ««-eon-lime, wie die arme königstädtischcgenannt wurde, genug, Henriette Sontag ging nach Paris, undhatte Recht; denn ein Kriegsschiff wird wohl im Hafen erbaut, aberdas hohe Meer ist der Schauplatz seines Berufs, unv ein Talent erstenRanges hatte das Recht und den Beruf, sich zu seines Gleichen zu ge-sellen und im Verein der höchsten Kräfte die höchste Stellung in derWelt einzunehmen.

Die prosaische Folge war ein völliger finanzieller Bankerutt desTheaters, und ein geistiger der Verwaltung, die, wie ein Komet, sokurze Zeit geglänzt hatte, um nun in der Nacht der Nebel und Fernezu verschwinden. Nicht ohne die bittere Rache der Lächerlichkeit und desSpottes mitzunehmen, die sich zu wahrhaft widerwärtigen Scenen ge-sellte; denn die gehässigsten Anfeindungen der einzelnen Comite-Mit-glieder und Aktionäre traten jetzt an's Licht; es erschienen Brochürenüber Brochüren, worin man einander die unwürdigsten Handlungenvorwarf. Es kam zu Tage, daß die glänzende Freigebigkeit einigerMäcene des Theaters in Leipzig, gegen Henriette Sontag, der Theater-kasse aufgebürdet werden sollten, als Ehrcnausgaben, genug derRuhm dieser Verwaltung stürzte zusammen, und sein Grabhügel wurdemit Schande und Spott bedeckt.

Die Verwaltung ging an den Eigenthümer der Concession zurück.Dieser leitete sie denn auch bis zu seinem Tode mit wechselndem Glück,so weit es die schon angegebenen Eigenschaften seiner Befähigung oderNichtbefähigung zuließen; und nach seinem Tode hat seine Gattin dasGeschäft mit nicht geringerer Umsicht in die Hand genommen. Einhöheres Kunstprinzip waltet dabei nicht ob, und kann nicht obwalten,da das Institut sich auf Geldgewinn richten muß; aber man muß be-kennen, daß unter diesen Umständen die Führung eine im Ganzen ge-schickte gewesen ist, und, worauf es hier allein abgesehen war, die