Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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An der Fischerbrücke in Derlin.

Der malerische Theil der Städte ist nicht immer der schönere inder Wirklichkeit. Wer von dem vor uns liegenden Bildchen, das somannigfache, interessante Formen von Häusern, Giebeln, Brücke»,Pfahlwerk zu glücklicher Perspektive in einander baut, und so dem Augeeinen ansprechenden Ueberblick darbietet, den Schluß ziehen wollte, daßer hier einen der schöneren oder imponirenden Stadttheile Berlins vorsich hätte, der würde sich gewaltig irren. Aber dennoch ist es ein in-teressanter, ein charakteristischer, und regt zu mancherlei Betrachtungenan, die aber ohne Nachtheil ein eben so burleskes Gewand tragen dür-fen, als diese seltsamen Baulichkeiten, an die sie sich knüpfen. DieFischerbrücke, obwohl erst lödll unter dem großen Kurfürsten angelegt,gehört doch dem ältesten Theil der Stadt an. Wahrscheinlich haben hiermit die ersten Fischerhütten jener wendischen Urbewohncr gestanden, dieden Keim bildeten, aus welchem die heutige Stadt Berlin wuchs. DieFischerbrücke wird mittelst eines schmalen Durchgangs durch eingleichzeitig erbautes kleines Portal überwölbt, mit dem Mühlen-damm verbunden, der seinerseits wieder, wie auch schon der Nameandeutet, aus einem über die Hauptströmung der Spree geführtenDamm besteht, auf dessen einer Seite die alten städtischen Mühlen (jetztin einen prächtigen Neubau verwandelt, von dem dieses Werk gleich-falls eine Ansicht bringt, die uns Anlaß giebt, das Wort darüber zunehmen) sich befinden, auf der andern eine Reihe älterer, schmaler,kleiner Häuser, deren Hinterfront nach dem Wasser herausgeht. Essind diejenigen, die wir hier den Hintergrund des Bildes, in der Mittedesselben, einnehmen sehen. Ihre Vorderfront bildet mit der der gegen-über stehenden Reihe und den genannten Mühlen eine enge Straße,ebenfalls der Mühlendamm genannt, die aber von beiden Seiten Colo-nadcn enthält, in denen sich Läden an Läden befinden. Noch heut bildetdieser enge, schlechte, häßliche Theil der Stadt mit einen der verkehr-und gewerbereichsten. Vor dreißig Jahren und länger war er entschie-de» der Centralpunkt des Handels, zumal in allen Schnittwaaren; fastsämmtliche ältere, größere Geschäfte Berlins waren dort etablirt. Jetzthat sich der Handelsschauplatz geändert, zieht mehr und mehr nach derFriedrichsstadt hinüber; nichtsdestoweniger bleibt der Verkehr hier, imMittelpunkt der Stadt, ein sehr lebhafter, wenn auch nnr für Geschäftemittlerer Gattung; der kleinere Bürger, der mehr für den Nutzen alsfür den Glanz braucht, findet »och heut hier einen Centralpunkt fürseine Bedürfnisse.

Die Fischerbrücke hat das Eigenthümliche, daß sie, wie jener Gas-cogner dem Baumeister zu thun abrieth, nicht über die Breite, sondernüber die Länge des Flusses gebaut ist, wenigstens zum Theil. Siebesteht nämlich theilweise in einer durch Ucberbrückung hergestellten Ver-breiterung des Ufers, das man dadurch zur Straße gewonnen hat unddas sich auch als Straße fortsetzt. Zur Linken im Bilde erblicke» wirdiesen Theil; man sieht, daß er dem Ufer, dem Lause des Stromsfolgt; die starke Holzverschalung trägt ihn, doch sind auch noch eiserneRoste zur soliden Construktio» angewendet, und viele der hier abgebil-deten Häuser stehen über dem Wasser auf Pfählen.

Der Theil der Stadt, auf welchem sich die Fischerbrücke befindet,gehört zu der Insel, die durch die Theilung und Wiedervereinigungder Spree entsteht, und die, früher das Herz des alten Cölns, jetztdas Herz, den Mittelpunkt der Gesammtstadt bildet; zugleich einen ihrerschönsten Theile, denn das Schloß, die Museen, der Lustgarten, diebreite Straße, das Cöllnischc Rathhaus u. s. w. befinden sich auf ihr.Die Fischerbrücke aber darf sich nicht rühmen, diesen schönste^ Theileben zu verschönern; allein die dort erbauten Häuser sind durch ihreLage am Wasser begünstigt und tragen einen eigenthümlichen Charakter.

Fast alle Häuser der Gegend sind veraltet und kümmerlich in derBauart; die meisten der jetzt stehenden Gebäude rühren wohl aus demEnde des I7ten und Anfang des l8. Jahrhunderts her; sie sind größ-tenteils nur von Fachwcrk construirt, ein Beweis, daß auch infrüheren Zeiten hier nicht der reichere Theil der Besitzer wohnte, son-

dern derjenige, welcher seinem ursprünglichen Hauptgewerbc, der Fische-rei, treu geblieben war, eine Haupt-Industrie der Naturstaaten undAnsiedelungen, die bei den vollkommener organisirten zu sehr unter-geordneter Beschäftigung wird.

Von Fischern ist auch jetzt die Gegend hauptsächlich bewohnt; siesind im Besitz der hier liegenden Grundstücke, und da einige durch großePachtungen ihr Gewerbe auch zu einem nicht unbedeutenden Handels-geschäft ausgedehnt haben, so trifft man auch sehr wohlhabendeMänner unter ihnen. Die große Zahl von hölzernen eigenthümlichenBauwerken, Gerüsten ähnlich, welche wir rechts im Bilde erblicken,giebt Kunde von der hier herrschenden Gewerbthätigkeit; es sind dieFischkasten. Inzwischen ist der Stadttheil auch von mancherlei andernGcwerbtreibenden bewohnt, die des Wassers zu ihrem Geschäft bedürfen,wie z. B. Färber. So herrscht ein kleines, aber immer reges Lebenhier, welches ein ganz abgesondertes Colorit und Gepräge hat. Werden Charakter des Straßenverkehrs in der großen Stadt in einer hierganz eigenthümlichen Schattirung betrachten will, dem wird die Fischer-brücke ächte Genre-Bilder aus dem Volksleben darbieten. Hier treibensich müßige Knaben umher, welche das Freigeschäft des Angelns amUfer ausüben, dessen Ertrag allerdings nicht allzu lohnend ist. Aberoft sitzt eine ganze Gruppe um einen solchen Angler, und ein Jubelerhebt sich, wenn er, der um den Besitz einer Angelruthe nebst Zubehörsehr beneidet wird und eine große Rolle spielt, einen kleinen zappelndenFisch an der Schnur heraufzieht, gewöhnlich von der Art, die der Ber-liner Jklei (auch Uekclei, wohl richtiger geschrieben) oder Steckcrling(richtiger Stöckerling, von der stockartigen Natur des ganz ungenieß-baren kleinen, kaum zwei Zoll langen Fisches) nennt, und von denennur der erste, der Uckelei, allenfalls genossen werden kann und zuweilenden Topf ärmerer Leute füllt, obgleich er weder ein sehr schmackhaftes,noch sehr nahrhaftes Gericht bildet. Das Wasser scheint eine großeAnziehungskraft für den Müssiggang zu haben; es ist eine nicht allzuanstrengende Beschäftigung, es vorbeifließen zu sehen, und die Gegen-stände, die es treibt, zu betrachten. Daher trifft man hier auch, zumalan sonnigen Vor- und Nachmittage», außer dem Anglercongreß eineArt Börse von allerlei Leuten, Erwachsenen und Kindern, Mädchenund Knaben, deren Hauptgeschäft in dem clolce ll»- nie»!? besteht. Sielehnen sich in malerischen Stellungen aller Art an oder über das Ge-länder, erfreuen sich des Sonnenscheins und betrachten ernsthaft undscharf aufmerksam die Stückchen Holz, Borke, Torf oder allenfalls diefaulen Aepfel und Achnlichcs, was der Strom von den Schiffladungen,die er trägt, als Zoll erhoben hat und als sein freies Eigenthum vor-überschwemmt. Es ist natürlich hierbei von Wichtigkeit, zu calculiren,ob ein von ferne herantreibendcs Stück Holz, oder ein Strohwisch,rechts oder links am nächsten Pfahl vorbeisegcln wird. Dergleichenkann die Aufmerksamkeit lange beschäftigen und giebt auch wohl zu in-teressanten Disputationen Anlaß, die, in lebhafter Rede geführt, mit-unter homerische Formen annehmen, sich nämlich in einen Strom höchsteigenthümlicher und dichterischer Schimpfworte ergießen, der ungleichlebhafter fließt, als die still vorüberziehende Spree.

Dieses lebhafte Publikum erfreut sich auf dieser Stelle auch einer,man möchte nicht behaupten angenehmen, aber doch ziemlich sichernAussicht auf seine Zukunft; denn es braucht nur die Blicke überden Strom, nach den Gebäuden rechts in unserm Bilde zu richten, undsieht dort, mit fast untrüglicher Gewißheit, den Port vor sich, in denein Theil desselben gewiß früher oder später einmal einläuft, nämlichdie Stadt-Voigtci, das Hauptgefängniß Berlins. DaßMancher die Irrfahrten dahin erst durch die Meerenge, die klippen-vollen Dardanellen der Arbeitshäuser oder verwandter Insti-tute nimmt, thut der Sicherheit, mit der jenes Endziel erreicht! wird, wenig Eintrag. Der weibliche Theil dieser Müßigkeitsvereinebereitet sich darauf auch wohl durch solche Privat-Jndustrie und Eta-blissements vor, die wir nicht mit Namen bezeichnen mögen, die aber