Die breit
e Straße.
Dieselbe hat ihren Namen mit vollem Recht, tenn von den imGanzen sehr breiten Straßen Berlins ist sie die breiteste, mit Ausnahmeder Linden, die aber eigentlich als eine Doppelstraße zu betrachtenfind, in deren Mitte eine mit Bäumen besetzte Doppclchaussüe, welchewieder eine breite Fußpromenade einschließt, hinläuft. — Die hier vor-liegende Straße ist nicht in ihrer ganzen Länge gleich breit, doch imMittel etwa >00 Fuß, während die durchschnittliche Breite unserer schö-neren Straßen 60 Fuß beträgt. Gerade dem Portal Nr. 2 des Schlosses(des größeren der beiden auf den Schloßplatz stoßenden) gegenüberöffnet sich die breite Straße vom Schloßplatz ab und läuft in einerLänge von 700 Schritten, mit einer ganz leichten Krümmung, die jedochnicht so groß ist, daß man sie nicht ganz hinabsehen könnte, bis zurGertraudenstraße, wo sie durch ein ansehnliches Quergebäude ab-geschlossen ist (welches einst der berühmte Feldmarschall Derflingerfür sich erbauen ließ), so daß ihre Verlängerung in andere Straßenerst durch eine Seitenwendung in die genannte Gertraudenstraße ver-mittelt wird. Querstraßen hat die breite Straße eigentlich gar nicht.Nur von der einen Seite, der rechten vom Schloß her, bilden eineder engsten Gassen Berlins (die Neu mannsgasse) und eine schmaleStraße (die Schar nstraße) Verbindungen mit der ihr parallel lau-fenden Brüderstraße, welche sich jedoch nicht nach der andern Seitefortsetzen, weil hinter dieser Häuserreihe (auf dem Bilde rechts) dieSpree sich hinzieht. Erst in neuester Zeit (September 1^50) ist mittelsteines Durchganges durch ein Haus der breiten Straße, eine neue präch-tige Straße nach der andern Seite eröffnet worden, die, auf Brückenund Wölbungen über die Spree geführt, eine Communikation mit demjenseitigen Ufer derselben bildet. — Von beiden Endpunkten her gewährtdie breite Straße eine stattliche architektonische Perspektive, die von demeinen auf unserm Bilde angenommenen Standpunkte mit dem Schloßschließt, von der entgegengesetzten Seite durch das schon erwähnte, jetztin einem neuen glänzenden Stil aufgeführte Privatgebäude abgeschlossenwird, in welchem sich eine der berühmtesten Conditoreien Berlins befin-det (die d'Heureuse'sche), die den Besuchern in eleganten Lokalitäteneine reiche Auswahl von deutschen, französischen und englischen Jour-nalen darbietet.
Das Auge des Beschauers ist in unserm Bilde so gestellt, daß esdie Straße, etwa von ihrer Mitte her, »ach dem Schloß abwärts sieht.Es ist dies auch entschieden der schönere Theil derselben. Wirerblickenzur Rechten ein Gebäude mit vier altcrthümlichcn Dachgiebeln, die dieFront verzieren. Es ist dies eines der Gebäude des königlichenMarstalls; die Häuser rechts und links gehören ebenfalls dazu. Daszur Rechten ist nach einem Brande erst im Jahr >80Z erbaut, gehörtalso den neueren Bauwerken Berlins an, und bekundet dies auch durchden Stil. Die andern beiden sind schon unter der Regierung desgroßen Kurfürsten errichtet worden (>665—1670 von dem Baumei-ster Schmids) und waren von Anfang an zu dem Gebrauch bestimmt,dem sie noch jetzt dienen, nämlich zu den Stallungen der königlichenPferde. — Seltsamerweise haben die Musen eine Zeitlang ihrenWohnsitz mit diesen getheilt, denn die ersten Theatervorstellungen, diein Berlin Seitens des Hofes veranstaltet worden find, haben in Sälender Marstallsgebäude, die später jedoch ganz umgebaut find, stattgehabt.
Jetzt dienen diese weitläuftigcn Baulichkeiten, welche sich mit langenHintergebäuden sämmtlich bis zur Spree erstrecken, zu den Stallungenfür die königlichen Pferde, zur Aufbewahrung der königlichen Wagenund zur Wohnung der höheren und niedere» dabei beschäftigten Beam-ten, und in den Vorderräumen zu Bureaus verschiedener Dikasterien,
die jedoch in jüngster Zeit mancherlei Veränderungen erfahren haben.Endlich befindet sich das Hof-Marstallamt hier. — Liebhaber von Pfer-den finden in den langen, prächtigen Ställen, die die Höfe umgeben,einige Hundert der schönsten Wagen- und Reitpferde, vorzüglich ausden Gestüten zu Tra lehnen (in Preußen) und Neustadt a. d. Dosse,etwa 12 Meilen von Berlin; doch auch viele englische, mecklenburgischeund andere. Zum Theil werden diese Pferde zum Reitunterricht benutzt,den die königlichen Stallmeister in zwei geräumigen Reitbahnen ertheilen.Das letzte Haus der Straße nach der dem Schloß entgegengesetztenSeite ist das sogenannte cöllnische Rathhaus, das ehemals, alsBerlin und Cöln noch getrennte Städte waren, den Sitz der städti-schen Verwaltung dieser letzteren Stadt bildete. Jetzt wird es gleich-zeitig mit dem Berlinischen Rathhause von der, der ganzen Stadtgemeinsamen städtischen Behörde zu den Sitzungen benutzt. Unmittelbarin baulichem Zusammenhange damit, doch nach der kleinen Seitenstraße(die Schar nstraße) gelegen, steht ein städtisches Gymnasium, dascölnische genannt.
Andere öffenrliche Gebäude enthält die breite Straße nicht; doch einegroße Zahl sehr stattlicher Privathäuser, meist aus alter Zeit stammend,daher weniger behaglich und bequem im Bau, als solide in der Con-struktion, und mit umfassenden Räumlichkeiten. Im Mittelpunkt derStadt gelegen, bildet sie auch eine der lebhaftesten Gegenden für denHandel und ist reich an Läden allerlei Art, besonders Buchläden (frühernoch mehr als jetzt), Scidenwaarenhandlungen, Pußläden und großenMagazinen für die reichsten Modewaaren, die die Damenkleidung, Mö-blirung der Zimmer u. s. w. betreffen, worunter namentlich dasRogge'sche (vormals Siegmund'sche) Magazin an der Ecke derStraße und des Schloßplatzes (links auf dem Bilde), als eines derersten, das Berlin besitzt, zu nennen ist. In der Mitte der Straße,gerade den Marställcn gegenüber, befindet sich auch das Gebäude, inwelchem die Druckerei, Redaktion und Erpedition der Bosnischen Zei-tung, des ältesten und gelesensten Blattes von Berlin (es wurde schonl72l gegründet), zu treffen ist. — Die Straße im Ganzen, wiewohlsie eigentlich elegante, neuere Architektur nicht aufzuweisen hat, gehörtdoch zu den schönsten und sehenswerthesten Berlins und bildet durch dieGesammtheit ihrer Baulichkeit ihre Breite, Helle, Reinlichkeit und dieschönen Prospekte nach beiden Seiten, einen der besucbenswerthestenTheile der Stadt.
In neuester Zeit hat sie auch eine, obwohl tranrige, geschicht-liche Merkwürdigkeit erhalten. Sie war einer der Hauptheerde, aufwelchen der Kampf des 18. März 1848 entbrannte. Der Ort des Ursprungsdesselben, der Schloßplatz, liegt, wie wir sehen, gerade am Ein-gang der Straße. Jetzt ist der mystische Schleier von jenen Begeben-heiten, die damals in finstere Gcwölke der arglistigen Lüge eingehülltwaren, völlig geschwunden. Niemand glaubt mehr an eine von Seitendes Königs geübte Bcrrätherei, durch deren Vorspiegelung an jenemTage die Massen in Wuth versetzt wurden; Niemand glaubt, daß diebeiden gefallenen Schüsse, wenn auch nur von einzelnen Voreiligen, aufdas Volk gerichtet gewesen waren; selbst die demokratische Parthei würdees heut nicht mehr wagen, solche Behauptungen aufzustellen, da sie sichim Lauf der Zeit als die entschiedensten und mit arglistiger Heimtückeverbreiteten Lügen hingestellt haben.
Es dünkte uns nicht unangemessen, beim Anblick des Schauplatzes,welchen unser Bildchen darstellt, dieser geschichtlichen Thatsache zuerwähnen.
Berlin.