los unbewachter als irgend eine Privatwohnung, Jedem offen stand,wurden auch die Knaben der Straße nicht daran gehindert, sich in dessenHallen, Corridors und Säulengängen staunend und bewundernd zuergehen. Mit einigem Schauer stieg die Jugend nun wohl die dunkelnTreppen in die Kellcrräume nach der Wasserseite hinab, wo dasSchrcckensgewölbe der eisernen Jungfrau mit den Schwerter-Armen(vergl. den Text zu dem Bilde des Schlosses) befindlich sein sollte, oder,und dies war die höchste Lust, sie klimmte die hier genannte berühmteWendeltreppe hinauf, um sie windschnell wieder abwärts zu laufen.So lange der Lärmen dabei nicht etwa gar zu arg wurde, störte Nie-mand dies Knabenspiel, welches der Verfasser dieser Zeilen in seinerJugend oft selbst ausgeübt hat. Und wurde die Knabenschaar einmalein wenig zu laut oder zahlreich, so verscheuchte sie zwar das drohendeWort eines Dieners, Aufsehers oder einer Schildwacht, — aber nurauf Augenblicke. Wie verjagte Fliegen kehrte der muthwillige, aberarglose und treuherzige Schwärm, der dennoch nichts Höheres undVerehrtcres kannte, als den König, alsbald wieder. — Jetzt ist dasfreilich anders, — aber besser? Indeß ist es hier nicht der Ort, diesenFragezeichen Folge zu leisten und eine Antwort mit ausgeführten Mo-tiven darauf zu ertheilen.
Die für sich berühmte Wendeltreppe hat aber auch noch eine anderehistorische Merkwürdigkeit. Friedrich der Große soll in seinemhöheren Alter diesen Aufgang des Schlosses vorzugsweise geliebt haben,weil er ihm die beschwerlich gewordenen Treppenstufen ersparte. AmAusgang dieses Porticus also war es, wo er beim Ausfahrcn in denWagen, oder beim Ausreiten zu Pferde stieg. Das letztere wurde ihm,wie kühn er als Jüngling und Mann auch auf schnaubendem Roß seinerReiterei vorangesprengt und in Staub, Dampf und Blitz der Schlachtgeritten war, in den Schlußjahren des Lebens doch beschwerlich, under bedürfte der Hülfe, um sich in Bügel und Sattel zu heben. Docher wollte diese Abnahme der Kräfte nicht zeigen, und so wurde Sorgegetragen, daß beim Aufsitzen stets eine Corona der älteren und einge-weihten Offiziere und Diener ihn dicht und deckend umstand, währenddem Volk einige Schritte weiter der freicstc Spielraum gegönnt war,welches dann auch, sowie der König zu Roß saß und aus seiner Um-gebung hervorritt, den Allverehrten mit Liebe und Jauchzen umringteals freiwillige, schützende Schaar ihn durch die Straßen der Stadt be-gleitete. Vor den Säulen also, die wir hier zur Linken sehen, begannendiese Triumphzüge dergestalt im Schooße des Volks, daß der BerlinerStraßenbube, der sein Spiel auf der Wendeltreppe treiben durfte, auch,wie weltbekannt, die Erlaubniß hatte, sich an den Steigbügel seinesKönigs zu hängen, bis eine Drohung des berühmten Krückstocks demZuviel auch darin eine Grenze setzte. — Ein alter würdiger BewohnerBerlins hat uns oft mit bewegter Stimme und feuchtem Blick geschil-dert, wie er als Jüngling an der Stelle des Schloßhofes, die wir hiervor uns sehen, in athemloscr Spannung und Verehrung gelauscht habe,wenn die Veranstalten zeigten, daß der König herabkomme. „Es ge-schah," sagte er, „mit der trüben Ahnung, es werde das letztemal sein,daß ich ihn eines Vormittags, im Frühjahr des Jahres l78t>, dort zuRoß steigen und abreiten sah, um die Heerschau abzuhalten. Der Kö-nig sah sehr ernst aus; seine Züge hatten den Ausdruck des Leidens;doch grüßte er freundlich, wiewohl nur still winkend, das Haupt leisebewegend, rings umher, und ritt dann langsam durch das Schloßpor-tal nach dem Lustgarten hinaus. Die Erscheinung war von unbeschreib-licher Hoheit; ein tiefer Schmerz, den ich nur eine Ahnung nennenkann, durchdrang mich, und es schien, als ob die ganze versammelteMenge von gleichem Gefühl bewegt sei, denn auch sie blieb still, undder sonst so laute Jubelruf bei der Erscheinung des Gefeierten ertönte
nicht. Jeder empfand, daß die Stunde des langen'Abschieds nahe sei,und in manchem feuchten Auge spiegelte sich das Bild der Zukunft. —Es war im Mai! — Der l7. August erfüllte die Ahnungen und trübenBesorgnisse, die in jener Stunde mein Herz und das aller Umstehendenbewegten! — Es ist ein großes Gefühl, einen großen Mann überhauptzu sehen; es ist ein unbeschreibliches, ihn mit dem Gefühl zu sehen, daßes das letztemal sei, daß wir einem der Auftritte beiwohnen, dieseinen Abschied vom Leben, von der großen Bühne seiner großen Tha-ten bezeichnen."
Von diesem geschichtlichen Seitenblick thun wir noch einen örtlichen,aus dem uns vorliegenden Blättchcn. Er richtet sich, seltsamerweise,auf eine Stelle des Bildchens, die nicht vorhanden ist; nämlich ganzan dasjenige Ende des Flügels, in dessen Mitte sich der Eingang zurWendeltreppe befindet, welches aus unserer Zeichnung im Vordergrundeverschwindet. Hier ist nämlich die Pforte, durch welche man zurKunst kammer hinaufsteigt, der einzigen Sammlung, die sich gegen-wärtig (1850) noch im Schlosse befindet, mit Ausnahme der Bilder-gallerie, die einen Theil des Schlosses selbst bildet. Im viertenStockwerk, wo wir die kleinen Fenster sehen, sind die Räume, in denendiese höchst merkwürdigen Kunstschätze aufbewahrt werden. Sie stehenunter der Oberaufsicht eines eben so gelehrten als die wohlwollenstenGesinnungen mit den freundlichsten Formen verbindenden Direktors,Herrn von Ledebur, der, früher Offizier in der Garde, als eineseltene Ausnahme in der militärischen Laufbahn, sich antiquarischen undhistorischen Studien, besonders vaterländischen, mit eben so großemEifer als Erfolg gewidmet hat und dessen geistige Kräfte man daherviel angemessener und vorthcilhafter in dieser Stellung, als im Mili-tärdienst, verwenden konnte. Die Sammlung ist sehr reichhaltig, ob-wohl sie Vieles, was ihr vormals zugehörte, an andere spezielleSammlungen abgegeben hat. Der große Kurfürst war es, welcherdieses Kabinet aus bis dahin zerstreut bewahrten Münzen, Bildwerken,historischen Curiositätcn, Waffen, technischen Arbeiten, Naturalien u. s. w.zusammenstellte. Im Laus der Jahre kam Vieles dazu, was theils seinerNatur nach dahin gehörte, theils weil es nicht eben anders zu rubrizi-ren war, dahin abgeführt wurde. Die Kunstkammer gab daher imVerfolg der Zeit diese Gegenstände an die verschiedenen andern Kabi-nette, als Münz-, Antiken-, Naturalienkabinette u. s. f., ab, und behieltnur das, was ihr ganz eigenthümlich zustand. Dahin gehören die mehrkünstlichen als künstlerischen Arbeiten, historische Curiositätcn (z.B. eineangeblich mit der Haut des Hussitenführers Ziska überzogene Trom-mel); merkwürdige Geräthe, Waffen u. s. w. von fremden Völkern(Waffen, die nicht durch besondere Umstände mehr für die Kunstkammergeeignet waren, sind ebenfalls an das Zeughaus abgegangen); überausschöne Arbeiten in Schildplatt, Elfenbein, Silber, Gold und Juwelenund Aehnliches. — Man darf sich aber dennoch nicht eine bloße todteAnhäufung von Seltsamkeiten unter dieser Sammlung vorstellen, son-dern unter der Leitung des genannten Direktors, so wie schon unterder seiner Vorgänger, hat stets ein wissenschaftlicher und historischerSinn sowohl bei der Aufstellung, als bei der Aufnahme der Gegen-stände, gewaltet, und selbst deren künstlerischem Werth ist vor dem,welchen die bloße Mühe der Ausführung verleiht, oder der sich nur anSeltsamkeiten knüpft, stets der Vorzug eingeräumt worden.
Möge denn die Betrachtung unseres Bildchens auch zur Betrachtungdieser Sammlung veranlassen, wiewohl wir annehmen müssen, daß dieBesucher sie binnen Kurzem nicht mehr in der hier angegebenen Deut-lichkeit, sondern in den prachtvollen Räumen des neuen Museumsaufzusuchen haben werden, wohin sie, sobald diese zur Aufnahme fähigsind, übergesiedelt werden soll.