Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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Werfen wir nun noch zum Schluß einen vergleichenden Ueberblickauf die Fortschritte, welche die Erweckung der geistigen Kräfte Berlinsnach dieser Richtung gemacht hat, so müssen wir hier noch mehr als inandern Richtungen anerkennen, daß die Stadt sich, wie im vorigenJahrhundert von der Hauptstadt einer Provinz zu der eines Reichs,jetzt von der eines einzelnen Landes zu einer Weltstadt umgestaltet.Sie ist freilich erst im Beginn dieser Epoche; sie hat nur die Keimedazu entfaltet, noch nicht die volle blühende Krone. Allein wäre dieerschütternde Katastrophe von >848 nicht eingetreten, welche einenstarken Rückfall und Rückschritt erzeugte und den stürmenden Drangdes Vorwärts in seinem Fluge auf eine lange, jetzt noch ganz unbe-rechenbare Zeit hinaus, hemmt, so würde schon jetzt dieser weltstädtischeCharakter sich in entschiedener Unverkennbarkeit ausgeprägt haben. DenGrundstein zu dieser neuen Phase des prachtvollen Ausbaues hat dasletzte Jahrzehnt durch die Eisenbahnbauten gelegt. Berlin hat damitdie ersten Schritte zur Großhandelsstadt gethan, sich durch zwei bisan die See reichende Arme gewissermaßen zur Seestadt gemacht. DieBahnen sind offen, allein es bedarf immer einiger Jahre, bevor dieHandelsströmungen sich in diese neuen Wege ergießen. Ohne das Jahr1843 wäre dies unstreitig schon jetzt der Fall, zumal mit der Ostsee;für die Nordsee nach Hamburg hin müssen auch erst noch die Schrankender Zollverhältnisse gebrochen werden, um so großer Strömung freienLauf darzubieten.

In wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung hatte der Königin seinem großartigen Sinn für beide Richtungen seit 1840 ebenfalls die

Wege angebahnt, die zu diesem letzte» größten Ziel städtischer Entwick-lung führen. Die Revolutionskatastrophc hat auch hier auf ferne Jahrehinaus den Wuchs und Anbau unterbrochen. Doch ist so viel geschehen,daß wir auch von dieser Seite die erste Stufe als zurückgelegt betrach-ten können. So möge uns denn nur freudige Hoffnung erfüllen. Nochein Jahrzehnt ohne verderbliche Erschütterungen, in freien, unter derSonne des Friedens, im Licht der leidcnschaftloscn Vernunft sich gestal-tender Entwickelungen, und die Wunden des Jahres 1848 sind geheilt,und wir stehen auf den Gipfeln, die uns schon die jüngst verwichenenJahre nahe zeigten.

Mit diesem Blick in eine nicht zu ferne Zukunft beschließen wir dieSchau, die wir von unserm Standpunkte aus auf die vor uns ausge-breitete Stadt unternommen. Sie konnte, wie jedes Panorama, jedesGesammtbild nur die Hauptumrisse zeigen, doch im Verfolg des Werkes,das bestimmt ist, in bildliche» Darstellungen eine Reihe bcmerkenswer-ther Einzelnheiten aus der reichen Fülle, welche die Hauptstadt zurAuswahl darbietet, zu geben, wird sich der Anlaß finden, noch manchencharakteristischen Zug aufzufassen, ihn näher auszuführe», und so nebendem, was die Bauwerke, Prospekte, landschaftlichen Gemälde Erklären-des, Geschichtliches als nächster, äußerer Commcntar begleiten muß, auchmanches lebendigere Wort sagen lassen, das uns näher und wärmermit dem Geist in Verbindung führt, der diese äußeren Gestaltungen be-lebt, der fie schuf und immer fortschaffend und fortbildend in ihnenwaltet und wirkt.

Ansicht des Schlosses von der Kurfürst end rücke.

Nach der Generalkarte, die wir von Berlin, seiner äußeren Gestalt,seinen Umgebungen und dem geistigen Charakter der Hauptstadt gegeben,ist es wohl angemessen, daß wir die Betrachtungen des Einzelnen beidem innersten Kern, gewissermaßen bei der Hauptstadt der Hauptstadt,bei dem Schloß, anfangen. Es ist nicht richtig, von demselben alsvon einem Gebäude zu sprechen. Dasselbe ist ein Compler von meh-reren großen und großartigen Gebäuden, welche von verschiedenenMeistern aus verschiedenen Jahrhunderten herrühren, später aber durchdie Hand eines ganz außerordentlichen Mannes, der unter den Deut-schen vielleicht dem Michael Angelo am nächsten zu vergleichen ist,durch Schlüter, zu einem Ganzen vereinigt wurden, welches trotzder Verschiedenheiten seiner Bestandtheile doch als ein solches imponirt.Dieser Complerus von Gebäuden bildet das jetzige Schloß, und stelltungefähr ein Viereck dar, doch von ungleichen Seiten und an einerderselben durch eine vorspringende Folge kleinerer Gebäude (Schloß-apotheke u. s. w.) über die Viereckelinie hinaus vergrößert. Da dieMasse jedoch so groß ist, daß sie von keiner Seite ganz zu übersehenwäre, die Fronten sich nach verschiedenen Straßen und Plätzen wenden,so thut diese Unregelmäßigkeit der architektonischen Wirkung keinen Ein-trag, sondern verschönert dieselbe eher, weil sich Gesetz und Freiheitdarin auf eine schöne Weise verbunden zeigen, und der blos regel-mäßige, symmetrische Körper gewissermaßen in einen organischen ver-wandelt ist, die Architektur zugleich einen malerischen Charakter an-genommen hat.

Es giebt wenig Städte, wo das fürstliche Schloß sich als ein ein-ziges großes Gebäude darstellte; in München, Dresden, Wien u. s. w.bildet sich dasselbe ebenfalls aus verschiedenen Theilen; doch in keinerderselben ist damit so gleichzeitig ein imposantes architektonisches Ganzehergestellt, als in Berlin.

Im Allgemeinen dürfen wir das Schloß als ein großes Oblongum,dessen älteste Seite an der Spree gelegen ist, und dessen Haupt-front sich dem Schloßplatz zuwendet, betrachten. Der hier gewählteStandpunkt zeigt uns diese beiden Seiten jede in etwas perspektivischer

Verkürzung. Der ältere nach der Spree gelegene Theil hat die male-rischste Architektur; er zeigt verschiedene kleine runde und eckige Thürme,durch Zwischenbauten verbunden, im Stil der alte» Ritterburgen. DerAnblick des Ganzen ist sehr eigenthümlich. Die andern Fronten habeneinen viel regelmäßigeren Charakter, sind für sich prachtvoller, habenauch große selbftständige architektonische Schönheiten, bieten aber demZeichner nicht einen so dankbaren Gegenstand dar. Diese drei Frontenhaben zwar einen mehr verwandten Stil, doch sind sie nicht so über-einstimmend, wie dies bei einem regelmäßigen Bau, nach einem vonvorn herein entworfenen Plane hätte der Fall sein müssen. Indessensind sie einander doch so ähnlich, daß man beim ersten Ueberblick nichtleicht wahrnimmt, wie sie ihre Entstehung verschiedenen Zeiten, Meisternund Grundrissen zu danken haben.

Der älteste Schloßbau wurde im Jahre 1442 durch Kurfürst Frie-drich II, begonnen, der von den Einwohnern den Platz an der Spreedazu gekauft hatte und die Burg ganz im Sinne der damaligen Zeitaufrichtete, um eine strenge Herrschaft über die oft widerspenstigenStädte Berlin und Cöln auszuüben. Der Bau umfaßte den Theil ander Spree und währte neun Jahre. Doch rührt, was wir heut sehen,nicht mehr davon her, indem nach etwa hundert Jahren (1538) diesealte Burg größtentheils niedergerissen, und durch den KurfürstenJoachim II. in der Weise wieder aufgebaut wurde, wie wir sie jetztvor uns sehen. Im Jahre 157898 wurden dem alten Bau durchden Kurfürsten Johann Georg mehrere Gebäude hinzugefügt, welcheebenfalls noch den alterthümlichen Charakter tragen, und deren eines,ein Quergebäude, welches die beiden großen Haupthöfe des Schlossestrennt, noch ganz so dasteht, wie es angelegt worden. Sein Nach-folger Joachim Friedrich verlängerte den Flügel an der Spree, oderließ vielmehr einige selbstständige Gebäude an denselben anbauen,die ebenfalls noch heut stehen und den unregelmäßigen, vom Viereckausspringenden Theil bilden, der sich zwischen der alten Burg und demDom am Wasser hinzieht. Das siebzehnte Jahrhundert erwarb demSchloß manche Anbauten und Veränderungen; im Ganzen aber war es