Gange: namentlich in den letzteren durch die überaus zahlreichen Ma-schinenbauanstalten, die, der vielen an verschiedenen Punkten zerstreutennicht zu gedenken, vor einem Thore, dem Oranienburger, dieWohnungen der Arbeiter eingerechnet, ein ganzes Stadtviertel fast fürsich einnehmen. — Die größte unter denselben ist die berühmte Borsig-sche, welche an Ausdehnung der Gebäude swenn auch nicht an beschäf-tigten Arbeitern) die berühmtesten englischen Etablissements, z. B. dasStephenson'sche, noch übertrifft. Sie beschäftigte vor 1848 gegen300» Arbeiter, mußte sich in Folge dieses Unheilsjahres allerdings sehrbeschränken, hebt sich aber jetzt wieder allgemach zu dem alten Glanzempor. Schon im Jahre 1847 feierte diese Anstalt durch ein glänzendesFest die Anfertigung der WVsten Lokomotive, während sie sieben Jahrefrüher die erste gewesen war, die in Norddcutschland überhaupt Loko-motiven baute. — Seit ganz Kurzem hat derselbe sehr verdienstvolleBesitzer und Techniker noch ein zweites großartiges Etablissement in demeine halbe Stunde von Berlin entfernten Moabit angelegt, ein großesWalzwerk zur Anfertigung und Umarbeitung von Schienen, welchesgleichfalls das erste in unserer Gegend auf fünfzig Meilen Entfernungist. — Beiläufig sei es erwähnt, daß sich mit diesem Walzwerk aucheine ländliche Besitzung verbindet, die durch Geschmack der Anlagen,namentlich durch die überaus schöne und mit den sinnreichsten Vorkeh-rungen zur Heizung, zum Schutz gegen Ungcwitter u. s. w. versehenenTreibhäuser, Tausende von Besuchern anzieht, da selbst die königlichenGärten hier und in Potsdam in dieser Beziehung nichts Aehnlichesdarbieten.
Hat nun gleich Berlin in so ungeheurer Ausdehnung kein zweitesEtablissement (aber auch nur England, Belgien in den Cockerill'schenAnstalten, und Frankreich haben einige wenige ähnliche), so sind dochnoch andere äußerst nenncnswerth. Ich citire z. B. nur die Dannen-bergcr'sche und die Goldschmidt'scbe Kattunsabrik, welche beide diehalbe Welt mit feinen bedruckten Kattunen versorgen. Die erste, voneinem Manne angelegt, der ein eben so trefflicher Techniker, als vonder redlichsten und ehrenhaftesten Gesinnung ist, liefert alle 2 Minutenein Stück von 60 Ellen, mithin bei nur zehnstündiger täglicher Thätig-keit an jedem Tage 300 Stück oder >8000 Ellen, was zur reichlichstenBekleidung von >5 bis 1800 Personen ausreicht. Diese eine Fabrik lie-fert also jährlich den Stoff zu 600,000 vollständigen Kleidern.
Daß solche Fabrik-Institute nur in innigster Verbindung mit einemausgebreiteten Handel bestehen können, leuchtet ein. Es werden inBerlin Geschäfte im Großen und im Detail in außerordentlicher Aus-dehnung gemacht in Produkten (wie Tabak, Zucker, von welchem letz-teren es ungeheure Fabriken giebt), Stoffen und verarbeiteten Gegen-ständen. Was die letzteren anlangt, so ist, wie in jeder großen Stadt,der Lurnshandel außerordentlich groß in allen Waaren, Fabrikationenund Arbeiten der Eleganz. Magazine, welche durch die schönste Anord-nung imponircn und die reichste Auswahl gestatten, sind in Mengevorhanden. Das prächtigste und größte dieser Art, ein Magazin fürAlles, was die Toilette der Damen, mit Inbegriff der Posamentier-arbeit, oder die Ausschmückung der Zimmer durch reiche Stoffe, Tep-piche u. s. w. anlangt, das selbst von keinem in Paris durch glänzendeEinrichtung und Vollständigkeit übertreffen wird, ist vor zwei Jahrengegründet worden. Der Kaufmann Gerson hat dasselbe durch denAusbau eines ganzen Hauses hergestellt; die Halle reicht vom Erdgeschoßbis unter das Dach durch drei große Etagen; sie erhält ihr Licht außerdurch große Spiegelfcnster auch noch von oben, und jedem Bedürfnißan das Material wie an die zuvorkommendste Bedienung wird auf dasglänzendste entgegengekommen. Abends bei Beleuchtung gleicht diesesMagazin einem Zauberpallast, der mit orientalischem Lurus ausgestattet ist.
Daß es zahlreiche ähnliche, wenn auch nicht so ausgedehnte, giebt,und noch zahlreichere, die sich auf ganz andere Gegenstände werfen, alsBronzen, Porzellan, Glas, Marmor- und Alabasterarbeiten u. s. w.,darf kaum erinnert werden. Der Handel Berlins in diesen Gegenstän-den ist aber ein außerordentlich ausgebreiteter und reicher, der Hundert-tausende ernährt. Er versorgt im Detail alle Bewohner nicht nur derStadt, sondern auch die des umliegenden Landes, die wohlhabenderen
Gutsbesitzer u. s. w., und im Großen die Städte der Provinz mitihren Filialhandlungen. Auch seine Messen hat dieser Handel, wie-wohl sie nicht als solche bezeichnet sind. Aber in zwei Perioden desJahres steigert sich der Verkehr ähnlich dem des Meßverkehrs, nur daßer auf die örtlichen Etablissements beschränkt bleibt, nicht Waarenlagervon außerhalb hergeschafft werden. Es ist dies im Sommer die Zeitdes Wollmarkts, wo der ganze Landadel, mit Tausenden von Frem-den, die zu den Wettrennen, den Gartenausstellungen u. s. w. herbei-strömen, sich in Berlin versammelt; und im Winter die Weihnachts-zeit, wo die Sitte, am 24. Dezember einander zu beschenken, die sichvom Palast bis in die Hütte ausdehnt und sich sogar auf die nichtchristlichen Bewohner erstreckt, Geschenke, die oft für den Bedarf desganzen Jahres sorgen, eine außerordentlich reiche Umsatzzcit erzeugt, diesich bis in die Millionen beläuft.
Doch wir haben noch versäumt, den Centralpunkt alles Handels imGroßen, die Börse, zu erwähnen. Diese hat in den letzten Jahrzehn-den eine ganz andere Gestaltung angenommen. Früher war sie, wieschon erwähnt, nur ein vermittelnder Wechselplatz zwischen dem Ostenund Westen und einem Theil des Nordens von Europa. Später mach-ten sich ihre Geschäfte vorzugsweise in Staatspapieren. Berlin warkein Wcchselplatz ersten Ranges, noch weniger wurden ausgedehnteWaarcngelchäste auf seiner Börse gemacht (mit Ausnahme des Getreide-Handels, für den eine besondere Börse eristirt), wie in Hamburg, Am-sterdam u. s. f. Allein in Papiere» aller Arten war der Verkehr destobedeutender und in dieser Beziehung z. B. viel größer, als der zuHamburg. Unbedingt war es der erste Platz für Norddcutschland.Nicht nur in einheimischen, sondern in Staatspapieren aller Länder,vorzüglich aber in östreichischen, spanischen sdie leider eine Zeit langfast den einzigen Gegenstand der Spekulation bildeten), belgischen, fran-zösischen, englischen Effekten wurden und werden große Geschäfte gemacht.Diese aber haben in unsern Zeiten noch eine außerordentliche Erweite-rung durch das Geschäft in Eisenbahn-Aktien erfahren. KeinPlatz in Deutschland hat in diesem Artikel so umfassende Spekulationengemacht, als Berlin, da sich, beklagenswerther Weise, das ganze Pri-vat-Publikum dabei betheiligt hat, großentheils, wir müssen es leiderbekennen, durch die spekulative Begier der Vermittler in diesen Strudelhineingezogen, der natürlich für die bloßen Käufer und Verkäufer umso mehr abwarf, je tiefer sich Unerfahrene in diese gefährlichen Geschäftestürzten. Der Aktienschwindel steigerte sich, wie überall in Europa, soauch in Berlin zu einer unglaublichen Höhe, und Tausende haben denmühsamen Ertrag eines ganzen Lebens dabei, oft in einer Stunde, ineinem Börsentage verloren. Der ganz außerordentlich ausgedehnte Bauvon Eisenbahnen im Lande, zunächst auch von der Hauptstadt aus, zog,bei der anderweitigen Schwierigkeit, Geld gut anzulegen, eine Massevon Privatkapitalien in diese Sphäre. Die Regierung machte sich da-bei, während sie einerseits eine übertriebene Vormundschaft und einenwahrhaft belastenden Druck gegen die Unternehmer von Eisenbahnbautenausübte, andererseits großer Sorglosigkeit in der Ueberwachung rei-ner Schwindelunternehmungen schuldig. Gerade die guten, die solidenUnternehmungen wurden durch Hindernisse aller Art, durch Anforde-rungen außer aller Billigkeit gedrückt, während die schwindelnden ihregefährlichen, durch Nebel verdeckten Abgründe ungehindert aufthundurften, Abgründe, in die manches Lebensglück versank!
Jetzt hat sich dieser Verkehr, auf den wir hier einen Seitenblicktrüber Erinnerung zu werfen nicht unterlassen konnten, solider gestaltet,ohne an seinem Umfang etwas zu verlieren. Begreiflicherweise konntenin den letzten zwei Jahren, wo das Vertrauen ringsher in der ganzenWelt erschüttert war, die Geschäfte nicht eine solche Ausdehnung, einensolchen Schutz haben, wie früher; allein im Verhältniß zu denen, dieüberhaupt in dieser schweren Zeit gemacht wurden, wo man bald denvölligen Umsturz staatlicher Verhältnisse im Innern, bald die Folgenaufrührerischer Kämpfe, bald den Krieg der Eifersucht unter Nationenund Staaten zu fürchten hat: in diesem Verhältniß sind die der Ber-liner Börse noch immer mit die umfassendsten gewesen.