Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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zwanzig Jahre in Berlin wirkte), Bernhard Klein (Kirchenmusikund Gelehrsamkeit) Ludwig Berger, Mendelssohn, Meyer-deer, sämmtlich als Vertreter der Komposition; der zahlreichen Virtuo-sen ersten Ranges auf jedem Instrument und berühmten Sänger ander Buhne kaum zu gedenke»! Beispielsweise nur die Virtuosen: Moser,Seidler, Gadrielski, Tausch, Westenholz (in älterer Zeit) Grie-be!, Schunkc, Ries, Zimmermann, Taubert, Kullack w.;ferner die Sängerinnen Schmalz, Milder, Seidler, Schulz,Sonntag; die Sänger Gern, Fischer, Bader, in einer früherenPeriode; und bis heut herauf, die Sänger Mantius, Krause,Zschiesche, Böttcher; die Sängerinnen von Schätze!, Faßmann,Tnczck, Schlegel -Köstcr, u. s. w. Wichtiger noch als dieseNamen, deren sich in jeder großen Stadt eine ähnliche Zahl findet (zumTheil dieselben, nach dem wechselnden Aufenthalt) sind die bedeutendenmusikalischen Institute, deren sich Berlin erfreut.

Außer der in allen Instrumenten durch die einzelnen Virtuosen reichbesetzten, trefflichen, königlichen Kapelle, verbunden mit derOper, hat es ein gutes Orchester am königstädtischen Theater, undganz brauchbare an mehreren kleineren; desgleichen einen Orchestcrvcreinunter Leitung des Musikdirektors Wiep recht, eine philharmonischeGesellschaft unter der des Concertmeister Ries, welche größere Werkesehr gut ausführen. Für den Gesang besitzt es das große Institut derSingakademie, seit länger als 60 Jahren durch Fasch zur Pflegeder Kirchenmusik gestiftet, mit 300 singenden Mitgliedern; diesen habensich eine Menge vielleicht 6 8 ähnlicher Vereine, größere oder kleinerenachgebildet, worunter einige sehr bedeutend an Zahl und Leistungensind. Der vortrefflichste ist der Stern'sche, der nicht so viele, aberlauter auserlesene Mitglieder zählt, und sich auch der weltlichen Musikbefleißigt. Demnächst drei Liedertafeln, für Männergesang, undeinen Männer-Gesangsverein, dessen Ehrendircctor Lißt ist. Fürden Unterricht sorgt die musikalische Scction der Akademie derKünste, und das königliche Lehrinstitut für Kirchenmusik.Die Bildung eines eigentlichen Musik-Consetvatoriums ist schon langeim Werke, jedoch noch nicht ausgeführt. Mendelssohns früher Todhat hier eine wesentliche Hemmung herbeigeführt.

So sieht man denn, daß auch in dieser Beziehung die intellektuelleRichtung der Hauptstadt auf das reichste entwickelt und vertreten ist,und wir dürfen behaupten, in mancher Beziehung reicher als selbst in Paris,namentlich was die kirchliche Musik und den Chorgesang anlangt.Mehr als in irgend einer Hauptstadt aber ist in Berlin die musikalischeBildung auf gründliches Studinm classischer Vorbilder gegründet, unddieses auch dergestalt in das Publikum übergegangen, daß sich dadurchdas Urtheil in einer so gediegenen Weise heransgebildet hat, wie wires in keiner Hauptstadt Europas kennen. In manchen ist man fürEinzelnes raffinirter, geschärfter; für das innerste Wesen der Musik istin Berlin der Sinn am tiefsten und umfassendsten geöffnet. Daher hatsich auch in den öffentlichen Kunstzuständen mehr als irgendwo der Cul-tus classischer Meister erhalten, und nicht nur Mozart und Beetho-ven, sondern Gluck und Cherubini, sind auf unserer Opernbühneheimisch geblieben; Haydn ist in seinen großen Werken Allen vertraut,und Händel, Bach, Graun, die alten Italiener, sind so gepflegt,daß ihre größeren Arbeiten nie aus der Reihe der öffentlichen Auffüh-rungen verschwinden. Ja, unsere Dilettanten sind in dieser gewisser-maßen historischen Musik oft bewanderter, als die Musiker vom Fachhier und anderwärts, denen die unablässige Ausübung ihres Berufsoft die Zeit raubt, sich mit dem, was die Jahrhunderte geschaffen, nähervertraut zu machen. Eine besondere Erwähnung verdient noch die außer-ordentliche Pflege der classischen Instrumentalmusik, welche durch alljähr-liche Sinfonicausführungen geübt wird, die unter der Leitung desCapellmeister Taubert stattfinden, und welche derselbe auf eine Stufe derVollkommenheit gebracht hat, die denen im Pariser Conservatoire kaumnoch etwas nachgeben. Wir dürfen daher nicht anstehen, Berlin, wennes in der Malerei, der Skulptur, sich nur neben andern, nicht einmal

so großen Städten ehrenvoll behauptet, ja gegen einige zurücksteht, inder ächten Auffassung der Musik allen voranzustellen.

Verfolgen wir nun unser geistiges Bild der Hauptstadt auch aufdasjenige Gebiet, welches sich dem unmittelbarcu Leben anschließt, wosich der Geist, statt sich auf sein ideelles Reich zu begrenzen, eng mitder Wirklichkeit verbindet, und mithin Nutzen und Brauchbarkeit, denKern, Annehmlichkeit und Schönheit nur die leichte Hülle seinerThätigkeit bilden. Es ist dies keine geringfügige, keine herabwürdigendeThätigkeit der intellektuellen Kräfte; schon Hegel lehrt in seiner Philo-sophie den hohen Werth des Begriffs »nützlich," und weisst darauf hin,wie nur ein falscher Idealismus die Nützlichkeit als ein gering-schätziges Element der Lehensthätigkeit behandeln konnte.

Jede höhere geistige Cultur ist von dieser Grundlage des Lebensabhängig; der Nutzen düngt das Feld, giebt dem Boden die fruchtbareTragkraft, aus der sich die Blüthen der freien Schönheit entwickeln.Alles was das Bedürfniß veredelt, verfeinert, arbeitet dem Geist, derErkenntniß deö Schönen an und in die Hand. Handel und Indu-strie sind die Hauptformcn, in denen sich diese Lebensthätigkcit aus-prägt. Beide haben in Berlin, in den letzten Jahrzehnten zumal, denaußerordentlichsten Aufschwung genommen. Eine eigentliche Handels-stadt war, wie schon Eingangs erwähnt, Berlin niemals, und ist esauch heut nicht. Doch hat sich der kaufmännische Verkehr jetzt einen vielbedeutenderen Boden im Verhältniß zu den übrigen Richtungen gewon-nen, als in früherer Zeit. Ehemals fand, zu den Zeiten Friedrich desGroßen, nur ein eigentliches Geldgeschäft in Berlin statt; es vermittelteden Gcldverkehr zwischen dem westlichen Deutschland, Frankreich u.s. w.und Polen und Rußland. Ein Wcchselgeschäst, meist in Dukaten. AuchJuweleuhandel wurde iu ziemlich bedeutendem Umfang betrieben. DerWaarenhandel war nur auf den Verbrauch der Stadt und nächstenUmgegend beschränkt. Die Fabriken und Manufakturen lieferten auchnoch wenig Stoff; es ist aber bekannt, wie viel Friedrich der Großethat, um diese zu heben. Er legte die erste Zuckersiederci an und über-nahm die von dem so industriellen als patriotischen Kaufmann Gotz-kowski angelegte Porzellan-Manufaktur für Rechnung des Staats.Auch gründete er das jetzt so blühende, nmfassend wirkende Institut derSeehandlung (>772), nachdem er schon acht Jahre früher die Bankangelegt hatte. Der Handel wuchs ansehnlich unter dem Könige Frie-drich Wilhelm II. Damals fingen auch die Seiden- und Baumwollcn-fabriken an, sich zu heben, und der Verkehr gewann überhaupt einenlebhaften Aufschwung durch die Aufhebung oder Umgestaltung der soüberaus lästigen Accise- und Zoll-Einrichtungen, die Friedrich der Großemit ffolcher Strenge aufrecht erhielt, und die noch drückender durch dieArt der Verwaltung und Ausführung in der Hand von eigens dazu insLand berufenen Franzose» waren, als durch das Prinzip, welches ihnenzum Grunde lag.

Der Gang der weltgeschichtlichen Ereignisse im Anfang des Jahr-hunderts konnte unmöglich vortheilhaft auf Handel und Industrie wirken.Feindliche Invasionen, Jahrelanges Besetzen der Hauptstadt durch fran-zösische Truppen, schwere Kriege, zu denen sich das ganze Land kämpfenderhob, sind nicht die Fundamente für Handel und Gewerbe. Nur dieLieferanten für die Armee verdienten Geld. Doch nach dem Friedenvon l8lä nahm, wie in ganz Deutschland, ja in ganz Europa, auch inPreuße» und speziell iu Berlin der Handel und die Industrie wiedereinen ganz neuen Aufschwung. Ein getreues Relief von Berlin, ausjener Zeit, neben einem aus dem gegenwärtigen Jahre >850, würdedurch einen Blick davon überzeugen. Denn auf dem letzteren würdensich z. B. Hunderte van Damxfschornsteinen erheben, die auf jenem garnicht vorhanden sind, und deren jeder ein blühendes, großartiges, indu-strielles Etablissement bezeichnet. Produktionen aller Art, wie Zucker,Oel, Tabak, chemische Erzeugnisse; Fabrikationen jeder Gattung inWolle, Baumwolle, Seide, Glas, Porzellan, Metall u. s. w. sind im

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