Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
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und Künste die sick am freieste» nur in der milden Sonne des Friedensentfalten und bewegen, eherne Bande der Hemmniß anlegen. Um somerkwürviger ist es, daß Berlin sich gerade aus dieser trostlosen Zeiteisernen Drucks mit neuem Aufschwung erhob, daß es die Fesseln desschweren Joches vom Geist aussprengte. Vom ganzen preußischen Staatund daher auch von seiner Hauptstadt, galt im eigentlichsten Sinn da-mals das Wort: »Es ist der Geist, der sich den Körper baut."So wurde im Jahr lgstg die Gründung der Universität zu Berlin be-schlossen, und lglst dieselbe eröffnet. Und mit einem Glänze eröffnet,dessen sich wenige Hochschulen der Welt jemals zu erfreuen gehabt, der,wir müssen es bekennen, späterhin, bis auf den heutigen Tag niemalsso strahlend gewesen ist. In allen Fakultäten war Berlin damalsdurch die größten Namen, welche die Wissenschaft kannte, vertreten. Inder Philosophie Fichte und Solger, in der Theologie Schlei er ma-ch er sder fast ein gleiches philosophisches und philologisches Anrecht be-hauptete), in der Philologie Friedrich August Wolf, der geistvollstealler Philologen seit Hemstcrhups, dabei von unermeßlicher Gelehr-samkeit, die ihm so lebendig in Mark und Blut gedrungen war, daß diealten Sprachen wahrhaft seine Muttersprachen geworden waren; nebenihm Buttmann, der die Grundsteine aller grammatischen, griechischenBildung für unsere Jugend gelegt, und Böckh, noch heut als derNestor der Alterthumswissenschaften gefeiert. Ferner in der JurisprudenzSavigny, in der Medizin Hufeland, Rust, Gräfe, (währendHeim im Leben, in der Praxis auf dem höchsten Gipfel ärztlicherLeistungen stand) genug, lauter europäische Namen, deren wir nochandere in Menge anfügen könnten, wenn wir uns nicht eben auf dieallerhervortretendsten beschränken wollten.

Während diese Sterne der Wissenschaft über dem Horizont Berlinsstrahlten, glänzten am Himmel der Kunst nicht minder herrliche, selbst-lcuchtcnde, in denen eines Rauch und Schinkel. War ersterer dermit gleichem Ruhm gezierte Lebensgenosse und Nachfolger des schon ge-nannten Schadow, so stand der zweite als Alleinschöpfer einerWunderwelt aus Stein da, in der sich, trotz des starren, kalten Mate-rials, doch das freie geistige Leben, ja eine dichterische Wärnie entfaltete.In der That war Schinkel (bekanntlich auch einer der größten Archi-tektur- und Landschaftsmaler des Jahrhunderts) ein Dichter in Steinund Farben, der eben so rein die ruhige antike Schönheit abspie-gelte, als er seine Werke mit dem warmen Lebensathem der farbcn-schiinmerndcn, romantischen durchhauchtc. Für die Malereihatte Berlin nicht so glänzende Namen aufzuweisen, aber doch solche,die hoch genug am Tempel der Kunst schimmerten, um von der ganzengebildeten Mitwelt gelesen und genannt zu werden. Wir nennen ausjener Zeit beispielsweise nur Wilhelm Schadow, den Sohn desBildhauers, jetzt an der Spitze der Kunstschule Düsseldorfs, sernerBegas, Hcnscl, Wach, den romantisch erfinderischen Kolbe. Ausder unmittelbaren Gegenwart würden wir für die Architektur die NamenPersius (vor wenigen Jahren verstorben) und Stüler, für die Bildhau-erkunst Wichmann, Kiß und Drake, für die Malerei Franz Krüger,Eduard Magnus, Schirmer, Biermann und zahlreiche Anderezu nennen haben; so die erst jüngst zu uns herübergezogenen, oder hierviel beschäftigten Peter Cornelius und Kaulbach. Auch Lessingist, wenngleich längst nach Düsseldorf übergesiedelt, aus hiesiger Schulehervorgegangen und war auf eine Zeit lang der Stolz Berlins.

Wir haben in der Kunst einen raschen Sprung vorwärts bis in dieheutige Zeit gethan, während wir die Wissenschaft in dem Momentder Gründung der Universität verließen. Daß seitdem sich viele ruhm-volle Namen jenen obengenannten angereiht haben, darf kaum gesagtwerden. Zumal ist Berlin in der Philosophie stets eine Führcringewesen. Als Solger, als Fichte das Auge geschlossen, trat Hegel,der Begründer der ganzen neueren Philosophie, an die Spitze dieserDisciplin. Und in den jüngsten Jahren führte die Hochachtung, dieder König geistigem Ruhm gegenüber hegt, uns wenigstens noch denNamen Schellings z», wenn auch seine wissenschaftliche Bedeutungschon durch die gewaltigen Geistesströmungen der Zeit, deren Andereandere Bahnen gebrochen, überholt war. In der Verschmelzung des

juristischen und politischen Wissens mit der Philosophie trat ein Mann den leider schon seit einem Jahrzehnt die Gruft decke mit glän-zendsten Erfolgen und Verdiensten auf, Eduarv Ganz. Es ist einschwerer Verlust für unsere politischen Entwickelungen gewesen, daß die-ser Mann vor den großen Wendepunkten derselben abgerufen wurde.Er würde einer der erleuchtetsten und besonnensten Vorkämpfer ge-wesen sein, der bei seiner tiefen, philosophischen Durchbildung seinenMeister Hegel weder theoretisch noch thatsächlich verläugnet, sondern indem Maaß die einzige ächte Wahrheit und Tugend erkannt habenwürde.

Endlick müssen wir auf wissenschaftlichem Gebiet in einem Namenzwei nennen, die, wenn auch nicht der Universität, oder nur demGelehrtenstande ausschließlich angehörend, doch das glänzendste Diosku-rengestirn der Wissenschaft bilden, Wilhelm und Alerander vonHumboldt. Der erste ist schon über zwei Lustra seinem großenBruder auf dem Wege vorangegangen, den Jeglicher endlich wandeln muß.Alerander von Humboldt hat seinen achtzigsten Geburtstag be-reits im Jahre >84!» gefeiert, steht also an der äußersten Grenze desLebens. Eine amtliche Beziehung zur Wissenschaft, wenn der Ausdruckgestattet ist, hatten beide Brüder bei ihren sonstigen hohen Stellungenin Leben und Staat dadurch, daß sie Beide Mitglieder der Akade-mie der Wissenschaften waren; Alerander von Humboldt feiertein diesem Jahre, >850 am 4. August, sein fünfzigjähriges Jubi-läum als solches.

Aus diesen Skizzen, wo von Hunderten bedeutender Namen nureinige wenige der hervorleuchtendsten in Kunst und Wissen genannt sind,ergibt sich, welch eine reiche Entfaltung der geistige Zustand Berlins indieser Beziehung darbietet.

Und doch haben wir ganze Gebiete noch völlig unberührt gelassen.Die Dichtkunst, die Literatur im Allgemeinen, wie bedeutsam istsie vertreten, wie ehrenvoll, zumal unter dem letzten Könige, gepflegt.Wir erinnern nur daran, daß er den Veteranen Tieck mit einem Jahr-gehalt hieher berief, daß er Friedrich Rückert eine ähnliche, ganz freieStellung gewährte, die Dichter Nikolaus Becker, Geibel, Freilig-rath mit ansehnlichen Pensionsunterstützungen bedachte, daß erHerweghtrotz dessen ausgesprochener Feindseligkeit, mit überlegener Würde derGesinnung und im hohen Gefühl der Bildung zu sich zog. Ein Adelder Dcnkungsart, den freilich zwei der Genannten nicht zu würdigenwußten, sondern in der Unbildung eines, ihren Werth weit überschätzen-den Selbstdünkels, ihm mit schroffem Undank lohnten.

Zum Schluß dieses Kapitels sei noch der freiesten aller freien Künste,da sie sich als eine rein weltbürgerliche darstellt, in ihrer Beziehungzu Berlin gedacht, der Musik. Ihr ist das Glück geworden, daß ihrseit länger als einem Jahrhundert aus den höchsten Regionen her, dieeinsichtsvolle Liebe und Pflege zu Theil wurde. Was Friedrich derGroße in dieser Beziehung gewesen und gethan, ist weltgeschichtlichgeworden; sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. war wenigstens indieser Beziehung seinem großen Oheim innig verwandt. Man weiß,daß er ein trefflicher Cellospieler war. Aus Friedrichs Zeit nennen wirnur die Namen eines Graun, Kirnbergcr, Agricola, Marpurg,Quanz, einer Mara, u. s. w., welche in jenen Tagen durch Pro-duktion, Wissenschaft oder Ausübung unvergänglichen Ruhm in Berlinerwarben. Zu Friedrich Wilhelm II. Zeit reihten sich die einesReichharbt, Fasch, Rhigini, Duport daran. War auch vondem musikalischen Talent seiner beiden Vorgänger auf dem Thron aufFriedrich Wilhelm III. nichts übergegangen, so war dasselbe dagegen,und zwar in einem ganz außerordentlichen Grade auf einen Seitenvcr-wandtcn übergesprungen, auf den Prinzen Louis Ferdinand, undsomit erfuhr die Musik in Berlin fortdauernd, auch aus den höchstenGesellschaftsregivnen, wirksame Aufmunterung. Diese Kunst sank dahernicht, sondern hob sich mehr und mehr. Zeugniß gaben im Anfang desJahrhunderts die Namen Himmel, Dussek, Zelter (Gelehrsamkeitund Composition), die Sängerinnen Schick (obenerwähnt) Marchctti,Fantozzi, dieSänger Tombolin o, Conciliani, und später, bisjetzt herauf, die eines Ro mberg, Fürst Radzivill, Spontini (der