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10 (1852)
Entstehung
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constitutioneller geworden, seit sich die L andständ e, die bis zum Jahr1847 nur Provinzial- und Loealinteressen vertraten, zu Landesvertrc-tern erhoben haben, die aus der Wahl des einsichtigen Theils des Volkeshervorgehen, nicht aus der, der stumpfen, bewußtlosen Massen, in derenHand nur diejenigen die Gewalt legen wollten, die sich dieser rohenStützpunkte fortdauernd zu Agitationen zu bedienen dachten, deren letzterZweck, trotz aller geheuchelten Vorwände, nur die eigene ehr- undhabgierige Persönlichkeit war.

So viel trüben Schlamm die Aufregungen dieser jüngsten Zeit auchmit sich geführt haben, so ist der Hauptstadt doch dadurch unläugbar derVortheil einer frischen, erhöhten, mächtigen, geistigen Strömung gewor-den, die tausend intellcctuclle Kräfte in ihr vereinigt und weckt. DieRepublik des Geistes, die sonst auf mehr abgeschlossenem Gebiete,gewissermaßen ein streng geschiedener Jnsularstaat ihre Herrschaftübte, dehnt sich jetzt über das Ganze aus, und ihre wogenden, schöpferi-schen Einflüsse dringen in die warmen Adern des Lebens ein, gehenin suecum et «nnguinem des Volkes, d. h. des geistig bewußtenTheils der Staatsbürger über.

Dieser staatlichen, in den großartigsten Schritten sich be-wegenden Gesammtheit, schließen sich nun die übrigen geistigenGestaltungen des Lebens, in ihren einzelnen Richtungen an, als derenhauptsächlichste wir die wissenschaftlichen, künstlerischen, com-mcrziellen und industriellen zu bezeichnen haben.

Wissenschaft und Kunst waren von jeher in der Hauptstadtauf würdige Weise vertreten; nur in einzelnen Perioden, wo die Indi-vidualität der Regenten sich von diesen Richtungen entfernte, trat diesesElement gegen andere Interessen in den Hintergrund. Wissenschaftliche,ja gelehrte Bildung war schon von Alters her in den brandenburgischcnRegenten anzutreffen. Einer der älteren Fürsten gewann sich sogar denBeinamen des größten Redners und Gelehrten Roms, Johann Ciceronman weiß, welche Achtung der große Churfürst vor den Wissenschaf-ten und jeglicher Bildung des Geistes hatte: die Gemahlin Friedrichs I.die Königin Charlotte hatte den Ruf einer gelehrten Frau und be-sonderen Beschützerin der Wissenschaft; sie durste Leibnitz zu ihrenFreunden zählen. Bildete die Regierung Friedrich Wilhelm I. einejener oben angedeuteten Pausen so glänzte nach dieser kurzen Nacht oderDämmerung dafür der Stern Friedrichs II. desto Heller, auch am Ho-rizonte der Wissenschaften und Künste. Friedrich Wilhelm II.pflegte wenigstens eine Kunst selbstthätig, die Musik, und wandteden andern, wie den Wissenschaften Neigung und Schutz zu. FriedrichWilhelm III. war in drei und vierzigjähriger Regierung, wenngleichsein einfacher, persönlicher Sinn ihn nicht vorzugsweise zu wissenschaft-licher oder künstlerischer Thätigkeit trieb, doch im Gefühl seiner Rcgen-tenpflicht, gewissermaßen in der so überwiegend in ihm obwaltenden Ge-rechtigkeit, auch der Beschützer der Wissenschaft und Kunst. Nament-lich für Berlin, wo wir ihn nur als den Gründer der Universität(1810) zu nennen haben, die die größten wissenschaftlichen Notabilitätenin die Hauptstadt führte, und einem unter äußeren Geschicken fast erlo-genen Staat, durch Erregung geistiger Thätigkeiten neue Lebenskräftezuwendete. Und wie der gegenwärtige König, Friedrich Wilhelm IV.mit ächter Einsicht und Begeisterung sich gerade in diesem edelsten, rein-sten Lcbenselement bewegt, dafür bedarf es gar keines Wortes.

Eine Reihe solcher Fürsten mußte in Berlin eine dauernde, regsameEntwickelung geistiger Bestrebungen und Thätigkeiten erzeugen; denn indem Leben einer Hauptstadt prägen sich vorzugsweise immer diejenigensittlichen und intellectuellen Richtungen aus, die in den höchsten Spitzender Lebensverhältnisse die vorwaltenden find. So kann es denn auchnicht fehlen, daß eben jetzt, wo der König so ganz von den edelsten, gei-stigen und künstlerischen Neigungen erfüllt ist, in denselben eine Höhedes Urtheils, und der feinsten Empfänglichkeit einnimmt, wie sie über-haupt zu den seltensten gehören, geschweige bei Fürsten: so kann esnicht fehlen, daß Berlin gegenwärtig eine Fülle geistiger und künstlicherElemente, einen Reichthum des Stoffes, eine Gewalt der Anregungen

Be rlin.

dieser Gattungen in sich begreift, wie sie sich nur selten, nur in ein-zelnen Zeitabschnitten in den größesten Städten vorgefunden haben.Dem Hinblick auf eine rühmliche Vergangenheit schließt sich der auf einewahrhaft strahlende Gegenwart an. Wollen wir das Auge nur rück-wärts wenden, so lange die Hauptstadt eine königliche Residenz ist,so stoßen wir doch schon in diesen kaum anderthalb Jahrhunderten aufeine Reihe von unvergessenen und unvergeßlichen Namen in der Welt-geschichte des Geistes.

Wir beginnen mit dem schon oben erwähnten Leibnitz, dem dieAkademie noch alljährlich an ihrem Stiftungstage ein Fest verehrenderErinnerung widmet. Wir erinnern daran, daß Berlin unter Friedrichdes Großen Regierung die glänzendsten Namen der Wissenschaft, beson-ders in mathematischen und Naturwissenschaften in der Akademie aufzu-weisen hatte (wie beide Bernouilli's, Maupertuis u. s. w.). Lessingeinen großen Theil seines Lebens hier wohnte und thätig war, undhier seinen denkenden Freund, Moses Mendelssohn fand. DieDichtkunst war durch Ramler in jener Zeit freilich nur unbedeutendvertreten, indeß für ihren Standpunkt im Vaterlande überhaupt, dochchrcnwerth genug. Auffallend ist es, daß die malerischen, bildenden undarchitektonischen Künste, soviel Friedrich der zweite ihnen durch seine rei-chen, glänzenden Schöpfungen auch für die Entfaltung ihrer Thätigkeitdarbot, doch nur wenige Spuren hinterlassen haben. Die Zeit ihrerBlüthe war, in Deutschland wenigstens, seit ihrem vorübergegangenenPrachtfrühling des Mittclaltcrs noch nicht wiedergekehrt. Die mehrden äußeren sinnlichen Genüssen gewidmete Regierung Friedrich Wil-helms II. konnte der Wissenschaft weniger Schwingen unterbreiten, dochvermischte sie die Thätigkeit der Kunst mehr mit dem Ganzen des Lebens.Namentlich war es die Bildhauerkunst, die sich, mit dem erst vor we-nigen Monaten entschlummerten Altvatcr derselben, Gottfried Scha-dow, in reichhaltiger Schönheit zu entfalten begann. Aus dieser Periodestammen viel schöne Erzeugnisse derselben, die noch jetzt die Zierde derStadt bilden, als z. B. die Bildsäulen der Haupthelden des siebenjäh-rigen Krieges.

Die Malerei war in jener Zeit weniger thätig, sei es durch zufäl-ligen Mangel an Talenten, sei es durch geringere Pflege von obenherab. Friedrich Wilhelm !I. führte bekanntlich ein niit den mannich-faltigen Genüssen der Sinnlichkeit durchwebtcs Leben. Daß daher auchdiejenigen Künste, welche sich dem verfeinerten Sinncngenuß am ver-wandtesten zeigen, mit in die unmittelbaren Erheiterungen des Lebenseingreifen, vorzugsweise gepflegt wurden, war begreiflich. Das Theater,mit seinen Reizen für Auge und Ohr, ist diejenige Stätte, in welchersich die Kunstgenüsse, die am meisten mit den unedleren verschwistert sind,bereiten. Und so war es denn eben das Theater, welches in der kurzenI I jährigen Regierung dieses Königs die intellectuellen Richtungen derHauptstadt ganz besonders vereinigte, dafür aber auch auf einer geisti-gen Höhe stand, die es später noch nicht wieder gewonnen hat. Ausjener Zeit sind mithin vorwaltend berühmte künstlerische Namen zunennen, die in Berlin das geistige Leben trugen. Der Mitgliederder italienischen Oper, welche die berühmtesten Sänger (Castraten) undSängerinnen besaß, werden wir später, beim Abschnitt über die Musikgedenken können.» Neben dieser aber bestand das sogenannte National-theater, wo sich deutsche Oper mit Schau- und Trauerspiel vereinten,und hier treffen wir auf Namen, die in der Kunstgeschichte einen unver-gänglichen Klang gewonnen haben: Fleck, Jffland, die Bethmann,Baranius, Hendel-Schütz, im recitirenden Schauspiel, Gern,Fischer, die große Sängerin Schick in der deutschen Oper. Somangelte denn also auch in diesem, gewissermaßen als Interregnum zubezeichnenden Zeitraum, Berlin eines glanzvollen, geistigen Lebens nicht,nur daß es sich von dem Ernst der Wissenschaft, von dem Ideal derKunst, mehr auf die geselligen Verhältnisse hinübergezogen hatte, indenen stets die sinnlichen Elemente sich vorwaltender mit den geistigenmischen.

Die durch blutige Umwälzungen »nd Kriege bezeichneten Aus- undEingangsjahrzehnte des 18. und 19. Jahrhunderts, mußten natürlichauch in Preußen, und somit in Berlin, den Schwingen der Wissenschaften

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