Druckschrift 
10 (1852)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Helm und Alerander von Humboldt geboren und erzogen. Wil-helm von Humboldt bewohnte das Schloß in den letzten Jahrzehntenseines Lebens fast ununterbrochen, und ist auch dort bestattet; Aleran-der bringt noch jetzt alle Sommer dort diejenige Zeit zu, die er ganzder stillen Betrachtung und wissenschaftlichen Muße widmen will. Einvon der Havel ausspringender See bildet den landschaftlichen Reizdieser Gegend; er ist rings von der schönsten Waldung in der auch vielLaubholz, und fremde Baumgattungen gepflegt werden, umgeben. DerSchloßpark nimmt einen Theil seiner hügelichten User ein, das DorfTegel einen andern. Eine Meile lang, (durchschnittlich eine halbe breit)erstreckt er sich in seiner Länge bis Spandau hinüber, dessen Thurm dasAuge am jenseitigen Ufer fesselt. Zu beiden Seiten seiner Breiteliegen noch andere Lustorte, die häufig von den Bewohnern Berlins be-sucht werden, z. B. der Saatwinkel. Der Park ist überaus schön,wiewohl im einfachsten Geschmack gehalten; er wird von Anhöhen um-geben, deren Südseite zwar nur spärlichen Wein- und Obstbau darbietet,die Nordseite dagegen von schöner Waldung bedeckt ist. Von der höchstenim Garten gelegenen Spitze hat man einen weiten Ueberblick der Gegend,und überschaut namentlich den See mit seinem breiten Silberspiegel, auswelchem drei grüne Inseln auftauchen. Den Horizont bekränzen nachverschiedenen Richtungen die Thürme Berlins, Charlottenburgs, Span-daus und Potsdams. Dieser Punkt ist von so anmuthigcr Schönheit,daß er, als ein Fragment in die berühmteste Rundschau höherer Bergegefügt, gewiß auch dort den Blick freudig überraschend fesseln würde.Es giebt wohl einiges Zeugniß dafür, daß der Mann, welcher den größ-ten Theil der Erde gesehen, und dem das begabteste Auge für ihreWunder, auch die der äußeren landschaftlichen Schönheit, gewordenist, diese Stelle derselben in so warmer Liebe bewahrt hat und hegt.

Einer der Einzelseen, deren wir oben gedachten, die nicht in Verbin-dung mit irgend einem Fluß stehn, ist der des Jagdschlosses Grune-wald. Er liegt in tiefer Waldeinsamkeit zwei Stunden von Berlin.Das Schloß, auch historisch nicht unmerkwürdig, ist eigenthümlich gebaut,und spiegelt sich unmittelbar in den Wellen des Sees.

Diese drei hier genannten Orte, Pichelsd orf, Tegel und Gru-newald sind zwar nicht direct durch Eisenbahnen mit Berlin verbun-den, allein die beiden ersten Orte, jetzt durch gute Chausseen, und nachdem dritten läßt sich wenigstens ein großes Stück des Weges auf derEisenbahn zurücklegen. Dadurch sind auch diese frischen Wasser- undWaldgegenden dicht in den Umkreis Berlins geführt, gehören zu seinernächsten Umgebung und werden auck an schönen Tagen von Hundertenund Tausenden besucht.

Das zauberhafte Verbindungsmittel der Eisenbahnen hat derpreußischen Hauptstadt aber auch noch entferntere Landschaften so nahegerückt, daß der ursprüngliche Mangel einer eigenen schönen Umgebungdadurch, wenn nicht aufgehoben, doch jetzt ungleich weniger fühlbar ge-macht ist. Ich erwähne zunächst Potsdam, welches sonst, selbst seitdem Bestehn der Chaussee nur durch die Verwendung eines ganzen Tageszu einer ganz flüchtigen Ausflucht zu benutzen war. Jetzt, wo an schö-nen Sommertagen stündlich die Eisenbahnzüge hin und hergehenund für die am nämlichen Tage hin und zurückfahrenden die mäßigstenPreise gesetzt sind, kann man Berlin und Potsdam durchaus als eineStadt betrachten, und die außerordentlich reizende Landschaft der letzte-ren ist völlig zum Eigenthum Berlins geworden.

Wenn uns nun außerdem die Eisenbahnen mit Dresden, dersächsischen Schweiz, dem Harz, Thüringen, Schlesien derOstsee, Hamburg, u. s. w. in so nahe Verbindung bringen, daß wirbequem am Morgen in Berlin frühstücken, und zu Mittag an einem die-ser Orte speisen können: oder nur Abends spät nach vollbrachtemTagewerk uns in das bequeme Coups setzen dürfen, um des Morgensmitten in der schönsten Gebirgslandschaft oder am Strande der Ost-oder Nordsee zu erwachen, so ist wohl die alte Klage, daß Ber-lin in einer Wüste liege, die von allem Genuß der Natur ab-schneide, in der That mit ihren Rechtsansprüchen nach allenRichtungen als erloschen zu betrachten. Denn einmal hat eswirklich seine reizlosen Umgebungen durch Kunst und beharrlichen Fleiß

grvßenthcils in die anmuthigsten verwandelt und ist im Begriff, diesnoch in viel ausgedehnterem Maaße zu thun; andererseits hat es durchdie erleichterten Verbindungsmittel die entfernten, wahrhaft schönenPunkte schon längst zu näheren gemacht, und endlich, wie wir oben ge-zeigt haben, die Zauberflügel der Eisenbahnen so für sich zu nutzen ver-standen, daß es sich damit das ganze romantische Gebiet der angrenzen-den Berge und Meere erobert hat. Und für diese industrielle Energie(denn die Eisenbahnen sind nicht vom Staat gebaut, sondern aus derspeculativen Industrie der Bürger hervorgegangen) verdient die Stadtwahrlich Anerkennung, denn noch besitzt keine deutsche, ja, Englandausgenommen, keine europäische Stadt, selbst Paris nicht, eine sonach allen Richtungen getriebene Eisenbahnverbindung. Und rückt Parisdiesem Ziel jetzt näher, so hat doch Berlin den Vorzug von einemvollen Lustrum, was bei der Jugend der Erfindung, die in Deutschlandkaum ein Jahrzehend alt ist, als ein unendlicher Vorsprung zu be-trachten ist.

Wohl also darf man sagen, Berlin hat den Verruf seinerLage a bgestreift, es hat sich eine schöne Umgebung geschaffen underobert; und es genießt sie mit desto volleren, frischeren Kräften,jemehr es sich anstrengen mußte, um sich dieselbe zu erringen, und jehöher sich der Sinn dafür durch das Entbehren geschärft hat. Denneinen lebendigeren Sinn für Ausflüge in's Freie, eine gewecktere Reiselustfindet man nicht leicht irgendwo, als in Berlin.

Die Erwähnung dieses Characterzuges bilde das leichte Brücken-ban d, mittelst dessen wir in dieser porträtirenden Skizze von der äußer-lichen Darstellung der Stadt zu der ihres innern Lebens übergehen.Wie wir schon in den ersten Abschnitten sagten, so ließe sich, wollte manhier in's Einzelne gehen, ein umfassendes Buch über den Gegenstandschreiben, und man würde dennoch weit entfernt sein, den Gegenstandzu erschöpfen. Wir müssen uns auf wenige Züge, leicht angedeutet,beschränken, wie sie dieser Zeichnung, die ja überhaupt nur Umrisse dar-bieten kann, eben geziemen.

Berlin hat, in einem Grade wie wenige Städte, den Vorzug, nichteiner einzelnen bestimmten Lebensrichtung vorzugsweise, oder gar aus-schließlich zu folgen, sondern sich nach allen geistigen Richtungen mitgleicher Freiheit auszudehnen. Es ist weder ausschließlich eine Han-dels st ad t, wie Hamburg, oder ausschließlich eine Residenz, wie Dres-den, oder eine Fabrikstadt, oder Universität, sondern es vereintalle diese Richtungen in sich. Sie halten einander das Gleichgewicht,verstärken einander, indem sie gegenseitig wetteifern, und erzeugen indieser Verschiedenartigkeit der geistigen Anregungen ein allgemeines Ni-veau der Geistesthätigkeit und Bildung, welches sich zu einer Höheerhebt, die schwerlich irgend eine andere deutsche Stadt in Anspruchnehmen kann.

In einzelnen derselben mögen einzelne Richtungen zu höheren Gra-den gedrängt sein, wie z.B. in München oder Dresden die künst-lerisch e (wiewohl seit der Regierung des jetzigen Königs die Stadt einenAusschwung genommen, die ihr auch hierin eine erste Stelle sichert); inder Gesammtheit wird Berlin den Vorzug behaupten.

Betrachten wir es zuerst als Residenz, womit sein politischerStandpunkt zusammenhängt. Es ist der Regierungssitz des Königs,wiewohl dieser seit 1848, also seit der Revolution seinen Wohnort inPotsdam und Charlottenburg aufgeschlagen hat. Dessenungeachtetbleibt Berlin der Mittelpunkt des Staatslebens; der König kommt häu-sig zu den Geschäften in die Stadt; alle Minister haben hier ihren Sitz;die Auswahl der ausgezeichnetsten Staatsmänner ist hier versammelt.Die Stadt ist der Sitz der Kammern, welche hier ihre Versammlungenhalten, der Heerd alles politischen Treibens überhaupt. Obwohl dasselbeschon von jeher einen großartigeren Zuschnitt gehabt hat, als in denübrigen rein deutschen Staaten, da Preußen als die fünfte große euro-päische Macht sich von seiner provinziellen Bedeutung längst anticipirthatte, so hat dieses Verkehren im Staatsleben doch natürlicherweise einenviel größeren Aufschwung genommen, seit der monarchische Staat ein