sten Characterzug eines Ortes bildet, vorzugsweise dem Umstände zudanken, daß es fast in einer absoluten Ebene erbaut ist. Der ebeneBoden erzeugt die geraden, und mithin auch die rechtwinkelig sich durch-schneidenden Straßen beinahe von selbst. Denn da die auf rechte Win-kel begründeten Figuren und Körper diejenigen sind, welche man in derArchitectur als die urgcsetzlichcn betrachten darf, von denen man nur ineinzelnen Fällen, und meistentheils nur aus Gründen der Nothwendig-keit, welche die Lokalitäten auflegen, abweicht, die freie Ebene abersolche Figuren in der Architectur nirgend hindert: so bildeten sie dennatürlichen Wuchs der Stadt, und gaben ihr jene helle, heitere, leichteedle Haltung von selbst, gewissermaßen unwillkührlich, wie einem ge-sunden Körper die grade, ebenmäßige, schlanke Gestalt zufällt. Diesersehen wir daher, daß auch in den unscheinbaren Vorstädten, wo wedereine im Großen veranstaltete, planmäßige Anlage vorhanden war, nochetwa ein ausgebildeter architektonischer Geschmack vorherrschen konnte,dasselbe System sich kund gibt. Dagegen finden sich in den älterenTheilen der Stadt die meisten Abweichungen davon, weil sie vom Flußausgingen, bei dessen Windungen, und wenn auch nur ganz unbedeutendansteigenden Ufern, doch die gradlienigen Formen sich oft nicht so vonselbst bilden konnten, sondern bedeutende Vorkehrungen und Umgestal-tungen des Terrains zur Grundlage bedingten, welche erst die wissen-schaftliche, mit Bewußtsein zu Werke gehende Architectur sich als For-derung stellt, und auch diese hauptsächlich nur dann, wenn sie nacheinem umfassenden Plane verfährt, in dessen Grundsatz sich alle einzel-nen Abweichungen wohl oder übel fügen müssen.
So erbaute also gewissermaßen das Terrain, auf welchem Berlinsteht, die Stadt, gab ihr den Character, wie die Natur des Grund undBodens den Gewächsen ihnen Formen und Farben verleiht, oder sie dochwesentlich bedingt.
Noch entschiedener mußte dieser Grund der Regelmäßigkeit da her-vortreten, wo nickt der Anbau des Privatmanns die Stadt zufällig ver-größerte, sondern nach einem vorher gefaßten wohlbedachten Plane, eingroßer Stadttheil neu erbaut oder gestaltet wurde. Berlin ist zwar wiewir oben gesagt, nicht eine angelegte Stadt, wie St. Petersburg,sondern eine entstandene, gewachsene; allein in seinen einzel-nen Theilen ist es meistentheils als angelegt zu betrachten, indemder Drang nach Vergrößerung so hervortrat, daß von Zeit zu Zeit imGroßen für die Befriedigung desselben gesorgt werden mußte. So wurdeschon unter dem großen Churfürsten 1674 die Dorotheenstadt nach einemdurchgreifenden Plane angelegt, und ist auch ein durchaus regelmäßigausgeführter Stadttheil, wenngleich keiner der schöneren. Ganz soerbauten König Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. die angrenzendeFriedrichsstadt, jetzt der belebteste, eleganteste und schönste TheilBerlins. Vor etwa Z) Jahren wurde durch den Ankauf großer Gärtenund Wiesen der Grund und Boden zu der nördlichen Erweiterung derDorotheenstadt, mittelst Anlage der Louisenstadt erworben, und binnenwenigen Jahren stieg dieser fast durchweg aus schönen, mindestens statt-lichen Gebäuden bestehende Stadttheil nach einem im Großen vorherentworfenen Plan ins Leben und bot die Wohnstätte für 36,666 neueEinwohner dar. In neuester Zeit wurden ganz so alle diejenigen Theileder Stadt begründet, die sich in Folge der angelegten Eisenbahnen er-hoben, und deren einige, wenn sie auch nicht vorzugsweise den Nameneines ganz neuen Stadttheilcs (wie Dorotheenstadt, Louisenstadt) führen,doch an Größe jenen fast gleich kommen. So rief die Stettiner Bahnganze Straßen in's Leben und verwandelte eine kümmerliche Vorstadtvon Gärten und Hütten in ein zahlreich bewohntes Viertel von solidconstruirten Häusern; ebenso die Hamburger Bahn; nicht ganz sobedeutend war der Einfluß der Nicderschlesisch-Märkischen Bahn,weil ihr Anfangspunkt zu sehr an der entlegensten Grenze der Stadtliegt, wo schon rings umher weites, unangebautes Terrain befindlichwar. Dennoch hat sie eine nicht unbedeutende Straße, die Breslauerhervorgerufen nnv in mehreren, sonst nur durch Gartenzäune gebildetenGäßchen find viele ansehnliche Häuser entstanden. Wären die Ereignissedes Jahres 1848 nicht dazwischen getreten, so würden auch hier wohlschon alle jetzt noch leeren Baustellen mit Gebäuden besetzt sein.
Die bedeutendsten Schöpfungen sind durch die Berlin-Anhal-tische Bahn entstanden, und die nahe daran liegende PotsdamerBahn hat ihre Einwirkung mit der, der eben genannten vereinigt. DerUmstand wirkte hier mit, daß die Bahnhöfe beider Bahnen, zumal derPotsdamer, schon den belebtesten, schönste» und beliebtesten Stadttheilennahe lagen, so daß die dort neu entstandenen Straßen in viel näheremZusammenhang mit dem Kern Berlins stehen, als die Gegenden derandern Eisenbahnhöfe, zumal der der Nicderschlesisch-Märkischen. Hierhaben sich auch nicht blos solide, ansehnliche Häuser erhoben, sondernwahre Prachtgebäude. Die Hauptstraßen des auf diese Art neu entstan-denen Stadtthcils sind, die Anhaltstraße, innerhalb der Stadt-mauer, die Köthener, Bernburger und Dessauerstraße außer-halb derselben, aber dennoch wohlgelegen, da ihnen der Thiergarten,der Hauptsammelplatz der schönen und eleganten Welt im Sommer, undauch im Winter jetzt fast durchgängig bewohnt, ganz nahe liegt. DieAnhaltstraße hat nur eine Häuserreihe, die gegenüberstehende Seite wirdvon dem schönen, im großartigen cnglichen Styl gehaltenen Garten desPrinzen Albrecht eingenommen, so daß alle Häuser der Straße die Aus-sicht über denselben haben. Sie bieten mit die elegantesten und bequem-sten Wohnungen Berlins dar. — Einen solchen Einfluß haben die Ei-senbahnen auf die Gestaltung und Vergrößerung der Stadt geübt.Doch sind diese neuen Anwüchse, die einschließlich der Louisenstadt fastein Drittheil der ganzen übrigen Stadt betragen dürften, im Allgemei-nen durchaus dem Charakter treugcbliebcn, den der schon vorhandeneTheil hatte, und der, wie wir gezeigt, sich aus der Localität der fastvollkommenen Ebene hervorgegangen ist. Denn dieselbe Form des Bodenshaben auch die neueren Stadttheile.
Die Fortschritte der Architectur haben es bewirkt, daß diese neuenStadtthcile im Ganzen, wenn man die öffentlichen Gebäude, Palästeoder besonders schöne Privathäuscr, zumal der Friedrichsstadt, unterden Linden, ausnimmt, schöner und stattlicher sind, als die älteren,schon durch ihre Schönheit berühmten Theile der Stadt. Inzwischen istder bei weitem schönste Theil doch der, welcher sich vom Schloß aus,das zu Cöln gehört, mit der Friedrichsstadt verbindet. Hier reiht sichPalast an Palast; das Schloß selbst, mit seiner neuen, goldschimmern-den Kuppel; von einer Seite desselben der Schloßplatz und dieSchloßfreiheit mit lauter bedeutenden Privatgebäudcn, von derandern der Lustgarten, mit dem Dom, den beiden Museen, undden noch zu erwartenden, großartigen Bauten, die der König in derHerstellung des neuen Doms, und einiger damit zusammenhängenderGebäude, beabsichtigt, und die schon seit Jahren begonnen sind. DieSpree wird hier von der schönen Schloßbrücke, die auf den granite-nen Postamenten noch acht Gruppen von Statuen erwartet, überbaut;dann schließt sich rechts das Zeughaus, eins der edelsten WerkeSchlüters, links das Palais des verstorbenen Königs an.Hiernächst folgt zur Rechten die Universität, zur Linken das Opern-haus, die königliche Bibliothek, und im Hintergrunde die katho-lische Kirche, welche drei letztgenannten Gebäude, den Opernplatz,dessen Fläche durch Gartenanlagen geschmückt ist, einschließen. Alle diesepalastartigen Bauten stehen auf den geräumigsten, mit Bäumen und Ge-büschen gezierten Plätzen, so daß ihre Fayaden in voller Wirkung zusehen sind. Hier befindet sich auch die nach Schinkels schöner Zeich-nung gebaute neue Wache, mit den Bildsäulen Scharnhorst's undBülows und gegenüber die Blüchers falle drei von Rauch) undauch des großen Friedrichs Standbild wird sich über Jahr undTag diesem Punkte nahe erheben, nämlich am Eingang der von hier ausbeginnenden prächtigen vierfachen Allee von Linden, „Unter denLinden" genannt, Baumpflanzungen, die noch von der Gemahlin desgroßen Churfürsten herrühren, welche damit den damals tief sandigenWeg zum Schloß hin verschönerte. Friedrich der Große erbauteerst das O p er nh aus, die Bibliothek und die St. Hedwigskirchein dieser Gegend. Vom Opernplatz ab, und dem Universitätsge-bäude beginnt diese Lindenpromenade zur Rechten mit dem weitläufti-gen Gebäude der Akademie der Künste und Wissenschaften; zurLinken mit dem Pracht- und geschmackvollen Palast des Prinzen von