brachten die letzten Regierungsjahrc des großen Churfürsten der Stadt seinen plötzlichen Aufschwung durch die Aufnahme der aus Frankreichvertriebenen Protestanten in den Marken und vorzugsweise in Berlin,die nicht nur die Zahl der Einwohner wesentlich vermehrten, sondernauch eine große Menge nützlicher Kenntnisse, Jndustrieen und Fertig-keiten mitbrachten und lehrten, namentlich einen sehr verbesserten Gar-tenbau. Bekanntlich bilden die Nachkommen dieser damals eingewan-derten Franzosen noch heut eine selbstständige, ansehnliche, reich dotirteGemeinde, in der auch die französische Sprache möglichst erhalten undgelehrt wird, durch französischen Gottesdienst, ein eigenes französischesGymnasium, wo der Unterricht nur in dieser Sprache ertheilt wird, undähnliche Institute mehr. — Im Jahre 1685 hatte sich denn durch dieseEinwanderer die Bevölkerung Berlins so vermehrt, daß, während man1686 nur 9366 Einwohner zählte, dieselbe in den fünf Jahren auf17,466 angewachsen war. Von da ab findet ein Steigen um etwa4 — 5 Prozent jährlich, ja zuweilen noch in ansehnlicherem Verhält- ,niß statt, welches anderthalb Jahrhunderte fortgesetzt, natürlich eine sogroße Einwohnerzahl als jetzt (über 460,666) erzeugen mußte. AmSchluß der Regierung des großen Churfürsten, 1688, hatte die Stadt >circa 26,006 Einw.; am Schluß des Jahrhunderts (1706) 28,566 Einw.Unter dem prachtliebenden Friedrich I. und seiner wissenschaftlichenGemahlin Charlotte hob sich der Wohlstand und Glanz der Stadt ganzaußerordentlich, und sie fing an mit Dresden, das bis dahin nicht nurungleich schöner, sondern auch volkreicher war, zu wetteifern. Im Jahr1713, am Schluß der Regierung Friedrich I., zählte die Hauptstadt desnunmehrigen Königreichs 56,066 Einwohner, die sich am Schluß derRegierung Friedrich Wilhelms I., beim Regierungsantritt Friedrichs desGroßen, 1746, fast auf das Doppelte gesteigert hatte, nämlich 98,666,bei welcher Zahl jedoch überall die Garnison mitgerechnet ist. BeimAusbruch des siebenjährigen Krieges, l756, lautet die Angabe einschließ-lich der Garnison auf 128666; am Schluß desselben 1763, auf >19666;doch zehn Jahre später schon wieder auf 134,666. Beim Tode Fried-richs des Großen 1736, darf man 156,666 annehmen, obwohl uns keineZählung aus diesem Jahre vorliegt, sondern nur eine von 1784, dieauf l45,62l lautet, und eine von 1796, die auf 166,733 steigt. BeimAnsang des jetzigen Jahrhunderts ist die Angabe >72,968. Die Bevöl-kerung stieg bis 1866, wo die unglücklichen Kriegsjahre begannen, auf184,666; im Jahr 1816, nach dieser Periode, war sie auf 178,666 ge-sunken. Von da ab aber entwickelten sich Wohlstand und zunehmendeBevölkerung in wahrhaft reißender Schnelligkeit. Alle Kräfte und Seg-nungen des Friedens trugen dazu bei. Im Jahr 1828, also nur zwölfJahre später lautet die amtliche Angabe auf 236,836. Von der Zeit an,ist das jährliche Wachsthum auf 5 bis 6666 Personen anzunehmen; nachdem Gesetz der Massenanziehung durch die Masse, nahm auch das Wach-sen der Residenz nicht gleichmäßig, sondern progressiv zu. Mit der An-lage der Eisenbahnen, die zugleich den Anbau ganzer Stadttheile hervor-rief, und die Größe der bebauten Fläche um ein Ansehnliches steigerte,nahm dieses Wachsen einen noch großartigeren Schwung. In dem letztenJahrzehnt vor 1848 ist der jährliche Durchschnitt des Zuwachses derBevölkerung aus mindestens l6,666 anzunehmen. So wurde gewisser-maßen jährlich eine Stadt von 16,066 Einwohnern (in den letzten dreiJahren 12 und >3,666) an die ursprüngliche Stadt angebaut. Es istgar nickt abzusehen, wohin dieser ungeheure Zuwachs geführt hätte, wennnicht der welterschütternde Donnerschlag des Jahres >848 ertönt wäre,der denn auch dieser staunenswllrdigen Entwickelung Einhalt that, und,nach Durchschnittsannahmen die Bevölkerung um 26 bis 25,666 Einwohnerverminderte. Ist gleich, mit der einigermaßen zurückgekehrten, odervielmehr durch kräftige und energische Maaßregeln der Regierung ge-waltsam zurückgeführten Vernunft, wiederum ein Aufschwung eingetreten,so fehlt doch noch Vieles, daß sich das alte Vertrauen auf Sicherheit,auf unerschütterte Blüthe der Gewerbe und Industrie hergestellt hätte,und daher auch die Stadt noch immer nicht wieder auf den Gipfel desGlanzes, des Reichthums, der Wohlhabenheit und Einwohnerzahl, densie 1848 erreicht hatte, gelangt. Solange eine nichtswürdige, von demAuswurf der Literatur und Gesellschaft geleitete Presse, das einzige
fiebere Fundament aller menschlichen Zustände, das sittliche zu unter-graben, fortfährt; so lange die Regierung durch falsche Theorieen undvorzugsweise französische Phantasmata der Zeit bestimmt, nicht mitEnergie diesem Unwesen der moralischen Vergiftung entgegen arbeitet,oder ihr die wirksamen Mittel dazu nicht gegeben sind: so lange ist aufkeine sichere Herstellung des Vertrauens und somit des Wohlstandes zubauen, und die große Hauptstadt wird an denselben Uebeln kranken, andenen Deutschland, an denen die europäische Welt überhaupt krankt,nämlich die Vergiftung durch die berauschenden, im Genuß süßen, aberin den Folgen durchaus zerstörenden Opiate falscher Lehren von Frei-heit und Menschenrechten, die wir von Frankreich überkommen haben,dessen eigenes trauriges Beispiel unsere politischen Oxiumtrinker und-Eingeber nicht zurückzuschrecken scheint.
Doch, Gott sorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen;und wie er dem reißend schnellen Anwachsen der Hauptstadt (das wirkeineswegs für einen absoluten Segen halten wollen, den wir überhauptvon übergroßen Städten nicht erwarten), die der Gegenstand unsererBetrachtungen ist, ein Ziel gesetzt hat, so wird er auch den Uebeln einZiel setzen, die jetzt den Grund und Boden, auf dem sie steht, zuunterhöhlen drohen.
Das wäre eine kurze Uebersicht der Geschichte des äußere» Wachs-thums Berlins. Von ungleich größerem Interesse muß natürlich eineDarstellung seiner inneren Entwickelung sein. Doch wenn dieselbeden geschichtlichen Faden streng verfolgen, und in das Einzelne eingehensollte, so würde sie jedes Maaß übersteigen, das uns in diesen Blätterngestellt ist. Wir würden darin nicht nur eine Darstellung der Entfal-tung des geselligen Lebens, der Verkehrsverhältnisse, der Herausbildungder einzelnen Jndustrieen, sondern auch eine der ganzen intellektuellenBildung, der künstlerischen und wissenschaftlichen Entwickelung der Stadtzu geben haben, die sich an Hunderte von Thatsachen, Ereignissen, Ein-richtungen, Anstalten »nd Persönlichkeiten knüpfen müßte und nächst demUmfang ein vieljähriges Studium von Quellen erfordere, die zum Theilerst aus ihrer Verborgenheit an's Licht gefördert werden mußten. Somöchte ein solches Werk kaum durch die Kräfte eines Einzelnen zu über-wältigen sein. — Einzelnes davon wird sich an geeigneter Stelle an-knüpfen lassen, indem wir vor diesem oder jenem Gemälde unsererkleinen Bildergallerie, welche uns die Hauptstadt in Porträts zerlegt,verweilend stehen bleiben, und den Zusammenhang des Dargestellten mitLeben, Sitten, Verkehr, Geselligkeit, Kunst, Wissenschaft oder Geschichtebetrachten. Eine Scizze des Gesammtbildes wollen wir späterhin zugeben versuchen.
Da aber das künstlerische Werk, dem wir dieses betrachtende Worthinzufügen, eins ist, welches uns die Gestalt der Hauptstadt, ihrearchitektonischen und landschaftlichen Verhältnisse vor das äußerlicheAuge führt, so sei es uns zunächst gestattet, auch dem inneren Augediese Gestaltungen, durch eine Characteristik der Gesammtheit derselbenvorzuführen.
Oftmals ist gesagt worden, Berlin sei die schönste Stadt Deutsch-lands, ja Europa's; wenn wir auch das nicht unbedingt behauptenwollen, schon da der Begriff schön bei einer Stadt von sehr verschie-denen Standpunkten ausgehen kann, so ist sie doch in der allgemeinenBauart gewiß eine der schönsten. — Während die meisten anderngroßen Städte in ihrem Haupttheil ein Labyrinth krummer enger Gassendarstellen, wo noch in den besten hohe Häuser das Himmelslicht ver-mauern, und nur einzelne neu angelegte Theile sich einer schöneren Ar-chitectur erfreuen, besteht Berlin in seiner Gesammtheit aus geraden,hellen, reinlichen, luftige» Straßen, mit freundlichen, oft stattlichen, jaschönen Häusern, und nur ein verhältnißmäßig sehr kleiner, der ältesteTheil, trägt jenen Character dunkler, unregelmäßiger, schiefwinkeligeroder krummliniger Gewinde, und auch dieser nicht in einem so auffal-lenden Grade wie in den meisten größeren Städten Deutschlands, jaauch Frankreichs und Englands. Diesen Character der Bauart hat es,wie die Gestaltung des Grund und Bodens immer den ersten und tief-