durck die Lüste versendende Scholle, war verschwunden und in einenLusthain mit vielen kleinen Villen umgewandelt, die nach und nach ein-zeln angekauft, und durch solidere Construktion oder weiteren Auooauverschönert wurden. Die grünen Anlagen sind gewachsen, die Büschezu Bäumen geworden, und Berlin hat den Gewinn davon. So ist esbillig, daß der Name der ersten Begründer wenigstens nicht vergessen,sondern mit Dank genannt wird, zumal auch hier, wo ihre Industrieuns wenigstens den Vortheil gewährt, unserm Gemählde einen grünen,frischen Vordergrund zu geben, während es ohne sie nur eine Sand-steppe darböte. Der Mittelgrund, um endlich die Zeichnung zu voll-enden, ist durch Felder und Wiesen, Spazicrgängc, einzelne Gehöfte vorder Stadt, und die näheren Etablissements angenommen, hinter denensich die entfernteren und die stattlicheren Gebäude der Stadt erheben.Neue Anlagen, wie die des setzt erst zum Theil vollendeten, breiten,schiffbaren Landwchrgrabcns, an beiden Usern von Spaziergängenumgeben, werden der Landschaft binnen wenigen Jahren nicht nur einerhöhtes Leben, sondern auch einen erhöhten Reiz verleihen. — Dievon den Thürmen Berlins zackig gezeichnete Horizontlinie haben wirschon geschildert. — Darüber hinaus ist wenig wahrzunehmen; die Ge-gend verliert sich, wie jede flache Landschaft, in ein unterschiedlosesGrau, zumal wenn der Dampf von zwanzigtausend rauchenden Schorn-steinen, und fast einer halben Quadratmeile stäubender Straßen, dasSeinige dazu beiträgt, die Ferne einzuhüllen. Jedoch sehen wir zurLinken in einer langen grünen Linie den schönen Thiergarten sich hin-ziehen, und über denselben die Thürme Charlottenburgs, desLandstädtchcns und königlichen Lustschlosses und Parks, eine Stundevon der Stadt, aufsteigen. Einzelne Thurmspitzcn im Felde bezeichnendie zahlreichen Dörfer in der Umgebung Berlins. Von unserm Stand-punkte schimmert uns namentlich der weißlcuchtendc von Stralau (nachSchinkcls Zeichnung) jenseit des blitzenden Spiegels der Spree entge-gen. Endlich sehen wir, für die Flächenbewohner Berlins eine großeMerkwürdigkeit, und stets aufgesuchter Augenpunkt, am fernen, mehröstlichen Horizont, eine Gruppe blauer, ziemlich ansehnlicher Waldhöhcnaufsteigen; es ist das Hauptgebirg der Churmark, die Müggelsberge,etwa zwei Meilen von Berlin, bei Köpcnik, zwischen großen, liefenSeen gelegen, mit altem, düsterem Fichtenwald bedeckt.
Dieser fernste Punkt am Horizont den das Auge von unserer Stel-lung aus entdeckt, sei für uns der Grenzstein der Schilderung des pa-noramische» Gemähldes, unter dem sich Berlin hier darstellt. Seineäußerliche Gestalt haben wir dem Leser so treu als möglich gezeichnet.Diese todten Formen sind es indeß vielleicht am wenigsten, die uns aufdiesem Standpunkt fesseln und bewegen; aber sie sind von einem Geistbelebt, von dem unendlich gestaltigcn, der sich in den Hunderttausendenregt und bewegt, die die weitausgcdehnte Stadt bewohnen, die hier ihrin unzähligen Fäden sich kreuzendes Streben und Trachten, im Bösenund im Guten, durcheinander mischen. Darüber ließe sich freilich einBuch von Betrachtungen schreiben, und Niemand, selbst der größesteGeist nicht, würde mit dem unerschöpflichen Gegenstande zu Ende kom-men. Jedem nur cinigermaaßcn ausgedehntere» Versuch dazu, müssenwir uns hier entsagen, jedoch einige Worte der Betrachtung möge manuns gestatten, die der Augenblick und Anblick zu unabweisbar weckt.
Erst durch die schaffende Kraft von sieben Jahrhunderten konnte sichdiese große menschliche Niederlassung, die sich uns jetzt in der Haupt-stadt des preußischen Königreichs darstellt, so gestalten, wie wir sie jetztvor uns sehn. Es wird anziehend sein hier gewissermaßen am Eingangderselben, vor ihren Thoren, und bevor wir uns betrachtend beim Einzel-nen verweilen, den Fäden der Entwickelung in ihren Hauptverschlin-gungen zu folgen, die das jetzt so umfassende Ganze historisch webten.Im zwölfte» Jahrhundert war es, (nach der gewöhnlichsten Annahmeim Jahr N63) wo der tapste Markgraf Albrecht der Bär die Stadtbegründete; d. h. wahrscheinlich wo er einer Anzahl von wendischen Fi-scherhütten, die die Ufer der Spree bedeckten, dadurch den ersten Stem-pel geschichtlicher Bedeutung aufdrückte, daß er selbst seinen Wohnsitz
hier nahm. Von einer eigentlichen Erbauung der Stadt, zu dieser,oder einer nahe daran gelegenen Zeit, ist durchaus keine Kundevorhanden. Die Entstehung derselbe» muß unbedingt als eine ganzallmählige, bezeichnet werden. Die ersten Urkunden, in denender Stadt, jedoch niit dem Namen Alt-Cöln Erwähnung geschieht, sindvom Jahr >237, also fast ein Jahrhundert später als die Annahme derEntstehung unter Albrecht dem Bären. So ungewiß wie der Ursprungdes Ortes, ist der seines Namens. Es sind nur mehr oder minderwahrscheinliche Muthmaßungen darüber vorhanden, deren einige alshöchst unnatürlich herbeigezogen erscheinen. Die Annahme, auf die manzunächst fällt, daß der Beiname des Begründers „der Bär" in demNamen Berlin, wicderklinge, erscheint nicht haltbar, obgleich die Stadteinen Bären im Wappen führt. Viel wahrscheinlicher ist die, daß derName von einem wendischen Worte*) Ber oder Bar (wovonBerlin und Berling das Diminutiv wäre) abstammt, das nach ver-schiedenen Auslegungen, (oder vielleicht Verwechslungen mit verwandtenWorten,) einen sumfigen Platz im Walde, oder einen durch Ausrcutungzum Bewohnen fähig gemachten, bedeuten soll. Es spricht dafür derUmstand, daß das Wort häufig als Bezeichnung einer Sache vorkommt,z. B. „to dem Berlin", daß die Bezeichnung auch für andere Oert-lichkciten als unsere Hauptstadt vorhanden ist, wie es denn in Hallenoch einen großen und kleinen „Berlin" giebt, und desgleichen einenähnlichen Platz bei Nord he im im Hannöverschen. Auch kommt derName Berlin chen als Ortsname vor.**) — Jedenfalls ergiebt sichaus allem diesem, daß unsere Stadt nicht wie z. B. Petersburg undviele andere, eine angelegte, sondern eine entstandene ist, bei dernicht von vorn herein die Absicht obwaltete, einen bedeutenden Ort zugründen. Daher hat sie auch ganz unscheinbar angefangen, ist aber ge-wachsen, ähnlich wie nach dem biblischen Gleichniß, der Baum aus deinSenfkorn. — Es ist hier nicht des Orts eine Geschichte Berlins undseiner Vergrößerungen zu schreibe», allein einige Data aus verschiedenenZeiträumen werden von Interesse sein. Im Jahre 158 > hatten beideStadttheile, Berlin und Cöln (Colonia) auf den beiden Ufern derSpree zusammen >2888 Einw. —Doch 1588 wüthete eine Pest dergestalt,daß man >682 nur 8888 Einw., indeß doch I6>!8 schon wieder 12888zählte. Bor dem dreißigjährige» Kriege war die Stadt bedeutend be-völkerter, als nack demselben, wo ein Drittheil der Häuser ganz leerstand, und von den andern ein großer Theil verfallen war. Im erstenJahre des Krieges >6>8 zählte man noch 12888 Einw. doch ltiZl in-mitten desselben nur noch 8588; >648 kaum 6888, und 1661, alsodreizehn Jahre nach dem westphälischen Frieden, nur 6588 Einwohner.Denn erst die letzte Hälfte des furchtbaren Krieges lastete besonders schwerauf den märkischen Gegenden und es schlössen sich nach der Beendigungdes großen allgemeinen Kampfes noch die traurigen Kriege mit denSchweden an, die das märkische Land verwüsteten. Doch trotz dieserKämpfe fand der große Churfürst Mittel, seine Haupt- und Residenz-stadt, denn das war ihm Berlin, durch Erweiterungen, Verschönerungen,große Neubauten (das Schloß wurde vergrößert, die Marställe ge-baut, verschiedene Stadttheile ganz neu angelegt) immer wohlhabenderund bevölkerter zu machen. Berlin hob sich und wuchs mit reißenderSchnelligkeit über seine heutigen Tages ganz unbedeutenden Nachbar-städte hinaus, die damals nicht viel geringer an Größe waren, als dieHauptstadt. So z.B. Spandau, Bernau, u. s. f. Besonders
*) Schwerlich einem niederdeutschen, da die wendischen Stämme in jener Zeit offenbar dasganze Eebiet bedeckten, und früher so gut als allein inne hatten.
Das würde denn das Diminutivum vom Dimknutivum sein, nämlich die VerkieknerungSsylbe„chen" an die „lin" oder „lein" gehängt. Die Sylben lin, ling oder eigentlich „ing"haben im Plattdeutschen durchaus die Timinutivbcdeutung. In vielen Fällen ist dies wohlnur die plattdeutsche Nachahmung der Sylbe lein, Vöglin, statt Vöglein, und so vielleichteben bei Berl i n. Doch trennt sich dies; von der Diminutivform „ing" rntschieden ab. Soheißt Budding, ein Butterbrötchen, Pudding Mütterchen, was schwerlich aus einer Um-formung von Mütterlin oser Mütterlein zu erklären ist. Für das Wort Berlin ist als-dann übrigens zu beachten, daß die Betonung auf der ersten Sylbe liegen müßte, undursprünglich auch wohl gelegen hat, da Ber die Sache, „lin" nur die Modifikation bezeich-net. In dem Munde unserer Landleute hört man auch zu Zeiten (zumal frühir) die Be-tonung Berlin und dabei eine sehr volle Aussprache der Sylbe Ber, fast wie „Bär."