Nichtkcnner sind die Materien, von welchen sich vas von G. B.Tacchi bemerklich macht; man muß mit der Technologie ver-traut sein, um die Einrichtung zu verstehen. Ungeheure Spul-maschinen, welche oft durch einige Stockwerke laufen, wervenblos durch Wasser getrieben. Die Fäden gefallen durch ihreschöne orangegelbc Farbe und den Metallglanz. In Roveredoselbst wird die Seide nicht zu Stoffen verarbeitet, sie geht viel-mehr in ungeheurer Quantität nach Wien oder Mailand, wo dieweitere Bearbeitung erfolgt. Da die Seidenfabrikation für Ro-vereith noch immer sehr bedeutungsvoll ist, so müssen wir einigeBemerkungen über die Geschichte derselben für diese Stadt hiereinschalten. Nachdem die Republik Venedig 1416 sich Roveredo'sbemächtigt hatte, wurde die Seidcnzucht eingeführt und befördert,um die Gegend dafür zu entschädigen, daß der Boden andernProdukten ungünstig ist. Seit 1509 traten die Oesterreicher alsHerren der Stadt ein und suchten sich durch Schutz dieses Er-werbszwcigcs die Gunst der Bewohner zu erhalten. Ein Ve-netianer Hieronymus Savioli hatte sich um 1520 da nieder-gelassen, er legte 1548 das erste Filatorium an, das freilichnoch unvollkommen war und durch menschliche Kraft bewegt wer-den mußte. Fleißige Deutsche, die Brüder Ferlegherr erbau-ten 1580 eine Seidenspinnerei, die von Wasser getrieben wurde.Andere folgten und Reichthum und Bevölkerung des Ortes ver-mehrten sich mit schnellsten Schritten. Noch mehr, als man1670 die Kunst erfand, das Feinfadengespinnst zu Geweben jederArt zu behandeln. Hauptsächlich waren es wieder Deutsche —Nürnberger, — welche dadurch der ärmeren Volksklasse Arbeitund Brod gaben. Die erste Seirenhandlung wurde 1679 ge-gründet und noch vor Ablauf eines Jahrhunderts 1766 zählteman deren 23 mit einer Zahl von 322 beschäftigten Personen;zählte man dazu die in den Spinnereien, Färbereien und denHäusern der Seidenzüchter arbeitenden Leute, so fanden bereits5000 Menschen sehr guten Unterhalt. Noch mehr nahm dieseThätigkeit zu, seit Joseph Bcttini in seiner prächtigen Filandaden Dampf in Anwendung brachte. Man bat neuerdings 27große Werkgebäudc dieser Art, 11 zu Roveredo, die Andern inder Umgegend, sie haben zusammen 879 Oefen und brauchen2300 Arbeiter. Während noch 1766 nur etwa 20,000 Pfd.Seide jährlich erzeugt wurde, liefert gegenwärtig jedes Jahr120,000 Pfd., zu denen aber 1,700,000 Pfd. Cocons erfordertwerden; davon bringt Rovercdc mit der Umgegend allerdings nurden kleinsten Theil, — kaum 200,000 Pfd. - die übrigenmüssen aus dem Gebiet von Trient und Verona eingekauft wer-den. Die Seidespinncrinnen, deren es im Jahr 1834 nichtweniger als 865 gab, liefern jährlich 173,000 Pfd. verarbeiteteSeide, wobei 343 Männer und 820 Märchen und FrauenArbeit haben. Die Regierung erließ, eingedenk der großenWichtigkeit dieses ErwcrbzweigeS für Stadt nur Gegend sogar1833 im Einvcrständniß mit den Fabrikherren ein Gesetz, wo-nach die Verhältnisse der Arbeiter und Herren geregelt undworin alle Fälle, über die leicht Streitigkeiten entstehen können,berücksichtigt werden. Die Wasser des Lenv, durch drei Kanälegefaßt, setzen alle diese Spinnwerke in Bewegung. Jährlichkommen zur Unterhaltung dieser Anlagen in der Stadt und Um-
gegend etwa 20 Millionen Lire (Zwanziger) in Umlauf; derReichthum der Fabrikbesitzer steigt auch in schlechten Jahren im-mer noch, Tacchi ist Millionär. — Zur Bildung der Jugendbesteht in Roveredo eine Normalschule, an welcher 7 Priesterlehren, dann ein weibliches Lehr- und Erziehungsinstitut bei denenglischen Fräulein, *) sowie ein Gymnasium, 1668 voneinem Chorherrn von Salzburg gestiftet und erst 1816 von derLandesregierung aus seinem Verfalle wieder hergestellt. Es wirdvon Weltgeistlichen versehen und theilte bis auf die neueste Zeitdie sehr unzweckmäßige Einrichtung der übrigen Landesgymnasien,nach welcher der Student — Gymnasiast — wöchentlich nur18 Lehrstunden, davon über die Hälfte Latein, im Deutschenhingegen durchaus keinen Unterricht erhält. Eine eigne Lon-ZreAUiiionv cli csrita leitet ein sehr gutes Bürgerspital, mitreichen Fonds, eine Versorgungsanstalt für Arme und ein Mäd-chcnwaisenhaus. Zur geselligen Unterhaltung trägt bei ein Thea-ter, Casino, einige musikalische Akademien und im Fasching dieMaskeraden, die den Venezianer Carnevale im Kleinen darstellen.Außer den angeführten Seidefabriken ist auch eine Lederfabrik(von Tombosi) erheblich, worin 150 Leute jährlich an 74,000Thierhäute verarbeiten; die Töpferwaaren der Stadt haben gutenAbsatz nach Italien. — Ausflüge macht man von hier nach dem3 St. entfernten I-sZo äi 0ar«1a, auch nach Slavin! cli lllsroo,wo die schauervollen Trümmer eines Bergsturzes aus grauerVorzeit die Aufmerksamkeit fesseln.
Wir wenden uns schließlich zu der Geschichte der Stadt, inwelcher wir das Bild vieler kleinern Städte Italiens wiederfin-den. Der Gründung ist schon gedacht, sowie des Umstandcs,daß die Venezianer eine Zeitlang der Stadt Meister waren.Der Streit der Herrn von Castelbarko mit den Trienter Bischöfenhatte mancherlei Wechsel für die Gegend in seinem Gefolge,während welcher aber Roveredo's Blüte mehr und mehr wuchs.Im Anfange des 16. Jahrhunderts wurde es von Kaiser Maxi-milian, im Streit mit Venedig, besetzt, der Kaiser bestättigteaber der Stadt alle unter Venedigs Regierung erlangten Rechteund Freiheiten. Heimgesucht wurve sie später 1630 durch diegroße Pest, 1709 durch einen furchtbaren Mißwachs in Folgeeines unerhört kalten Winters, in welchem alle Flüsse Europa'smit EiS bedeckt waren. Maria Theresia erhob den Ort zu einerKreisstadt an den Gränzen Italiens. Die Franzosen suchtenRoveredo zum Erstenmal 1796 heim, doch nur auf kurze Zeit.Nach der Schlacht von Marcngo wurde die Umgegend besetztund gcbrandschatzt. Von 1805 bis 1809 war sie dem König-reich Bayern zugetheilt, erst 1814 kam sie mit dem nach seinerTrennung nun wieder vereinigten Tyrol endlich wieder anOesterreich. — In jener unseligen Zeit des dreißigjährigenKrieges, als um 1630 auch daselbst die Pest Tausende hinweg-raffte, trat in Roveredo eine verzückte Jungfrau auf, deren Ge-
*) Diese sind weibliche Jesuiten, welche auch Pensionärinnen anneh-men. ES ist in Tyrol fast allgemein, daß auch Aeltern aus denhöchsten Ständen die Sitte Italiens nachahmen und ihre Töchterzur Erziehung in ein Kloster schicken, aus dem entlassen sie nach-her oft sehr leicht ein Opfer schlauer Verführer und Weltmännerwerden.