D ü r r e n s t e i n
^^in altes, ziemlich schlecht gebautes Städtchen hart ander Donau, westlich über der Stadt Stein im Viertel oberMannhartsberg des Landes Oesterreich unter der Enns. Rück-wärts ist das Städtchen, das nur 87 Häuser und etwa 500 Ein-wohner zählt, von Felsenbergen beengt, von welchen zahllose,wie Obelisken geformte Felsblöcke aufsteigen und einen maleri-schen Anblick gewähren. Bon der Donauseite nimmt sich Dür-renstein sehr gut aus, da das neue ansehnliche Schloß, dashübsche Klostergebäude und die Kirche das User zieren; im In-nern sieht es jedoch einem Dorfe ähnlich, obschon es mit altenStadtmauern und Thoren umgeben ist. Es bildet den Haupt-ort einer fürstlich Stahremberg'schen Herrschaft, welche auchgewöhnlich die Schloßherrschast genannt wird. Das im Jahre1410 daselbst gegründete, 1782 durch Kaiser Joseph II. aberaufgehobene Augustiner-Chorherrenstift ist ein sehr hübsches Ge-bäude, welches von dem berühmten Baumeister Prandaucr amäußersten Rande des Felsens an der Donau erbaut wurde undseine schöne Kirche, die mit einem geschmackvoll erbauten Thurmegeziert ist und einen sehenswerthen Tabernakel besitzt, ist ge-genwärtig die Stadtpfarre. Die Besitzungen des Stiftes bildenjetzt die Stiftsherrschaft Dürrenstein, welche dem ChorherrenstisteHerzogenburg zugehört. Das ehemals hier bestandene Clarisser-Nonnenkloster wurde schon viel früher aufgehoben. Die Ein-wohner treiben meistens Obst- und Weinbau oder Gewerbe,von welchen letzter» besonders eine bedeutende Wcinessigsiedereizu nennen ist; auch wird viel Obst nach Wien geführt und oberder Stadt am sogenannten Wadsteine wird ein Steinbruch be-arbeitet. Rückwärts von der Stadt erhebt sich ein schrofferFelsberg, dessen Spitze die Trümmer des einst so berühmtenSchlosses Dürrenstein trägt, in welchem der ritterliche Königvon England, Richard Löwenherz, nach seiner Gefangenneh-mung in Erdberg bei Wien 1192 gebracht und daselbst über15 Monate in ritterlicher Hast*) bewahrt wurde, bis er anKaiser Heinrich VI. ausgeliefert ward, der ihn noch über einJahr lang zu Worms, Mainz und auf dem Schlosse Trifclsgefangen hielt und erst 1194 gegen ein Lösegeld von 150,000
*) Als ferneren Beweis des Ungrunds der im Artikel Greifenstein er-wähnten Sage diene folgende Stelle aus einer gleichzeitigen Chro-nik: „Der Herzog empfing den König schön und würdiglich, dochhielt er ihn festiglich gefangen."
Mark Silber freigab, wovon Herzog Leopold VI. (virtuos) vonOesterreich das Drittheil erhielt. An dessen Gefangenschaft zuDürrenstein knüpft sich die übrigens unverbürgte Sage, daßRichards vertrauter Diener und Minstrel Blondel, welcherspähend das Reich durchzog, um den Aufenthalt seines Gebieterszu erforschen, hier zuerst auf dessen Spur kam und durch dasSängen einer dem König bekannten Romanze sich mit ihm ver-ständigte und einen Plan zur Flucht entwarf, die jedoch nichtzu Stande kam. Den Berg hinan führen schon von den Stadt-thoren au Mauern mit Schießscharten und viereckigen Thürmen,so daß das Ganze ein Dreieck bildet und die Feste sammt derStadt von allen Seiten abgeschlossen war und vertheidigt wer-den konnte. Bis auf den Wartthurm, einige Hauptmauern undein in Stein gehauenes Gefängniß ist jedoch fast Alles zerstört,seitdem die Schweden bei ihrem Abzüge im Jahre 1045 dasGemäuer sprengten. Indessen ließe sich, was sehr zu wünschenwäre, dem gänzlichen Verfalle dieser historisch-merkwürdigenBurg durch einige Nachhilfe vorbeugen, wie es schon bei somanchen alten merkwürdigen Burgen geschah. Die Geschichtebietet noch folgende historisch-denkwürdige Momente dieses altenStädtchens: Im Jahre 174l, im österreichischen Erbfolgekriege,befreiten sich die Einwohner durch eine sinnreich auSgedachteKriegslist von der Invasion der Baiern und Franzosen, welcheder Stadt mit Plünderung und Brandschatzung drohten. Endlichfiel den 13. November 1805 hier das rühmliche Gefecht zwischenden Franzosen unter Marschall Mortier gegen die Russen unterKutusow und Oesterreich unter dem Feldmarschall-LieutenantHeinrich von Schmidt vor, in welchem die Ersteren vollständiggeschlagen wurden. Fast die ganze Division Gazen wurde da-bei aufgerieben und der Rest der Franzosen flüchtete sich sammtdem verwundeten Marschall in Kähnen über die Donau. Auchdiesen Erfolg verdankte man einer Kriegslist, indem eine Ab-theilung der Russen von einem der Gegend kundigen Jäger überdie Berge in den Rücken der Franzosen geführt wurde. Schonaber hatten sich die Feinde in verworrener Flucht zerstreut, alsSchmidt, den sein rascher Muth zu weit vorwärts gerissen hatte,von einer Kugel getroffen, zu Boden stürzte und sein Lebenrühmlich endete. Auf einem geräumigen offenen Platze zwischenKrems und Stein wurde dem Helden in der Folge ein Denk-mal errichtet.