Druckschrift 
9 (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Boden durch viele Abzugsgräben durchschnitten werden muß, diereichliche Heuärnten zu Stande bringen. Nicht weniger lohntdie Obstzucht, die man hier noch eifriger treibt, als im übrigenVorarlberg; das saftige Obst pflegt meist gekeltert zu werden.Ehe wir die Geschichte der Stadt und Gegend erwähnen, mögeneinige der lieblichsten Aussichten und Ausflüge bezeichnet werden,wobei wir jedoch unsere Aufmerksamkeit zumeist auf die nächsteUmgebung beschränken wollen, um nicht zu weitläufig zu werden.Der schon genannte Gebhardsberg drohte in neuerer Zeit einmalmit einem Einsturz. Man hörte mitten in der Nacht das Ge-töse, einer furchtbaren Kanonade zu vergleichen; einige Blöckehatten sich losgerissen. Lewald, dem wir diese Nachricht ent-nehmen, fügt hinzu:Dies dauerte mehrere Wochen, und dasGetöse soll besonders zur Nachtzeit schaurig zu hören gewesen sein.Seitdem ist es wieder ruhig geworden; die Behörde hat den Berguntersuchen lassen, und man versichert, daß keine Gefahr mehrobwalte. Es war mir interessant, daß dieser äußerste Sprößlingder Alpen, der gleich einer Vedette in die Wasserebene schaut,doch auch noch etwas aus seine Würde hält, und einen so groß-artigen Lärm zu machen, keinen Anstand nimmt." Der Berg istohne Mühe zu besteigen, daher versäume es kein Reisender, sichden Genuß dieser Aussicht nach dem Arlberg mit seinen Glet-schern (Kaltenfcrner), dem hohen Sentis und den andern Bergenvon St. Gallen, sowie dem ganzen See mit seinen fruchtbarenUfern zu verschaffen. Man sieht hier in einer und derselbenLandschaft Strecken von sechs süddeutschen Staaten vereinigt.Die Thürme von Konstanz, Friedrichshafen, das Schloß Wald-burg zwischen anmuthigen Hügeln, in der Mitte das bayerischeLindau auf einer vom See eingeschlossenen Insel, die ver-schiedenen österreichischen Dorfschaften dies Alles zeigt sichaußer den genannten Bergen dem Auge des Beschauers. Weildie herrliche Landschaft immer viele Reiche und Adelige in dieUmgegend zog, so sieht man fast nirgend? so viele Schlösser undLandhäuser, welche zu reizenden Ausflügen einladen, z. B. Mil-tcnberg, oberhalb Bregenz, Riedenburg, Mittelweierburg, woneuerdings eine Strohhutfabrik, Wellenstein '/» St. von Bregenzgen Lindau hin, Halbcrstein mit prächtiger Aussicht auf den Bo-densee. Wer sich lieber in der Stadt verweilt, hat Gelegen-heit die frühesten Arbeiten der Angelika Kaufmann zu sehen,welche sie 14 Jahre alt im Hause ihres Vaters verfertigte. An-gelika's Heimath ist das Dorf Schwarzenbcrg im innern Bre-genzer Walde, jene Arbeiten werden von ihren Verwandten, derFamilie Oberer, aufbewahrt und mit großer Freundlichkeit gezeigt.Die eigentlichen Landsleute der Künstlerin, die sogenannten Jn-nerbregenzerwälder, von den Bewohnern des Außcrbregenzerwal-des geschieden, bewahren noch viele Eigenthümlichkeiten in Sitte,Lebensweise und Mundart Manches, das in die frühesteZeit zurückweist. Sie waren von jeher ein die Freiheit liebendesund selbststänviges Völkchen, das mit großer Einfalt der Sittenauch Genügsamkeit und festen, biedern Sinn verband; nicht gerneunterwarfen sie sich kleineren Fürsten, weshalb sie schon damals,als das Kostnitzer Concil über Friedrich mit der leeren Tascheden Bann aussprach, sich auf der Stelle dem Kaiser Sigismundunterwarfen, um reichsunmittelbar zu werden. Die Mundart

der Außerwälder erhält ihre Erklärung meistens in dem Mittel-^ hochdeutschen, von welchem sie wichtige Reste bewahrt, und sounterstützt sie den Erklärer des Nibelungenliedes sehr wesentlichdurch manche Wörter und Formen. Bregenz soll schon vorden Zeiten der Römer bestanden haben, einige Geschichtsforscherwollen den Namen der Stadt auf die celtische Sprache zurück-führen, ohne jedoch eine vollgenügende Ableitung zu geben. DieNiederlassung der Römer, kriKgntia genannt, war vermuthlichnicht an der jetzigen Stelle der Stadt, sondern in der Nähe.Im 9. und 19. Jahrh, kommt Bregenz, unter besondern Grafenvon Bregenz, als nicht unwichtiger Ort wieder vor. Jene Grafen,erst zu Friedrichshasen wohnend, sollen gar von einem SchwagerKarls des Großen ihre Herkunft genommen haben. Nach ihremAussterben treten die Grafen von Montfort als Besitzer derStadt und Gegend auf. Einer derselben gab der Statt, nach-dem sie einige Gerechtsame erworben, 1499 eine neue Stadtord-nung. In dem damals geführten Kriege der Appenzeller gegenTyrol blieb Bregenz seinem Fürsten treu und vertheidigte sich be-sonders rühmlich, als die Schweizer einen nächtlichen Ucberfallmachten. Freilich hatte diesen Plan ein Bettelweib, Guta, ver-rathen, der zu Ehren noch heute der Ruf: Ehrguta! gehörtwird. Die Landesfürsten schirmten seitdem die Stadt wegen ih-rer treuen Anhänglichkeit besonders. In der Reformation bliebBregenz dem alten Glauben ergeben, deshalb zog sich der Abtvon St. Gallen 1539 mit seinen Mönchen hierher, weil dieneue Lehre unter seinen Augen große Fortschritte machte. Imdreißigjährigen Kriege überstiegen schwedische Soldaten die Klausevon Bregenz, warfen ein Bauernheer zurück, welches sie abhaltenwollte, und gewannen die Stadt, der sie eine schwere Brand-schatzung auferlegten. Noch im Abziehen zerstörten sie die Werkeder befestigten Stadt. Im spanischen Erbfolgekrieg kamen Fran-zosen in die Nähe, ohne jedoch Schaden zu thun. Aehnliches ge-schah im österreichischen Erbfolgekricg 1744, wo ein französischesHeer von Bregenzer Bürgern mit Kanonen von der Klause zu-rückgetrieben ward. Freunde der alten Literatur erinnern wir,daß Hugo von Montfort, unter den Grafen von BregenzMontfort einer der bedeutendsten, zwischen 1357 und 1423 alsDichter rühmlich bekannt wurde. Seine Lieder sind in einer be-sondern Handschrift aufbewahrt. Die Sangweisen zu denselbensoll sein Knecht Burkard Mangold gemacht haben. Hugo gehörtezwar zu den letzten Edelleuten aus jenem Jahrhundert, welchesich der Dichtkunst widmeten, doch aber sind seine Poesien, gleichdenen seines Freundes Oswald von Wolkcnstein, nicht ohneBelang. In Wackernagels deutschem Lesebuch findet sich einTagelied und ein Brief dieses Dichters, welche gelesen zu wer-den verdienen.

Die sogenannte Bregenzer Klause, nördlich von der Stadtan dem Felscnweg nach Lindau, war einst ein befestigter Paß,ist aber lange schon zerstört. Sehr anmuthig ist der Weg vonBregenz nach Lindau, wo fast ein Garten an den andern stößt.Vergleicht man beide Städte mit einander, so zeigt sich bei Bre-genz wie auch Lewald bemerkt im Innern mehr Lebenund großartiges Treiben;es ist" sagt erdie Brücke, aufwelcher man aus Tyrol in die Schweiz gelangt; Handel und

45