den grünen Abplattungen sieht man überall hier die weißen Giebelder Berghöfe mit ihren sehr abschüssigen Fruchtfeldern, dazwischenhellleuchtende Kapellen. Ungefähr 1 St. von Stcrzing liegt inder beträchtlichsten Enge des Thals auf einem nicht eben hohen,begrünten Hügel die alte Burg Straß berg mit viereckigem,ziemlich gut erhaltenem Thurm. Etwas weiter aufwärts rie kaumnoch kenntliche Ruine Raspenstein. Beide konnten gewissermaßenals Vorwerke des Sprechenstcins unterhalb Stcrzing gelten,welches vom Wartthurm aus deutlich zu sehen ist. Diese aufunserer Abbildung zu erblickenden Ruinen waren im Mittelalterfür den Waarenzug gefährliche Raubncster; der Kaufmann kamdurch diese adelichen Buschklepper, die dort hausten, nicht alleinum Eigenthum, sondern in Folge des Schreckens und schwererMißhandlung bisweilen sogar um sein Leben. Straßberg wareinst im Besitz des Feldherrn Georg v. Frundsberg, an dessenFamilie die in Tyrols Geschichte bekannte Margaretha Maultasches zu Lehen gegeben hatte. Doch wir gehen nach diesen Streif-zügen in verschiedener Richtung lieber zuerst nach Stcrzing selbstund betrachten Stadt und Umgegend nach der natürlichen Ord-nung. Stcrzing liegt dort am Eisack, wo die unter dem NamenSterzingcrmoos bekannte große Ebene anfängt. Der altcrthüm-liche Ort hat eigentlich nur eine einzige Gasse, welche den Namenverdient, spitze Dächer, weiß angestrichene Häuser mit langenDachrinnen, wunderlichem Schnörkelwerk und allerlei Zierrathaus verschollenen Zeiten. Ein reges Leben herrscht hier überall;„die Mühle klappert, der Hammer klirrt, rings um das alpen-frische Bächlein hängt im Sommer die Wäsche auf den Zäunen."Man finvet hier einen Gasthof „zum Nagerl", der nach Lewaldwohl einigermaßen mit denen in der Schweiz rivalisiren kann.„Die größte Reinlichkeit, die beste Küche und eine recht artigeBedienung trifft man hier; die Zeche ist dabei nicht unmäßig —und das hat der Tyroler Gasthof vor den Schweizern voraus."Ehe wir aber dahin gelangen, zeigt sich uns der Stadtthurmüber dem Fahrweg der Hauptgasse, seit 1468, wo der Grund-stein zu diesem Zeugniß städtischer Wohlhabenheit gelegt wurde.Die Pfarrkirche, entfernt von der Stadt und durch Beiträgewohlhabender Bergleute der ganzen Umgegend — vorzüglich inder zweiten Hälfte des 15. Jahrh. — erbaut, verdient die Auf-merksamkeit des Reisenden, wenn gleich der rein gothische Styldes Baues durch Anflickung aus späterer Zeit verderbt ist. Die3 Schiffe der Kirche haben 7 Altäre; das Gewölbe tragen Riesen-säulen und zwar so viele, als Gemeinden zum Kirchenbaue bei-steuerten, denn jede Gemeinde errichtete ihre eigene Säule. EinigeGemälde, zum Theil von reichgcwordencn Bergleuten gestiftet,sind der Aufmerksamkeit des Reisenden nicht unwürdig. Viele derStädter waren mit der abgesonderten Lage der Kirche unzufrieden;man mußte aber bei der Wahl des Ortes den beisteuernden Ge-meinden nachgeben und so kam sie mitten in die freie Natur zuliegen, ein Vortheil, den sie vor manchen Kirchen größerer undkleinerer Städte voraus hat, die in dumpfer winkliger Umgebungliegen und das dadurch beengte Herz selbst durch ein blendendesInnere nicht zu heben vermögen. Gegenüber dieser Kirche stehtdas deutsche Ordcnshaus, 1263 gestiftet, wo jetzt der Sitz einesVerwalters ist. — Zu den Kirchen in der Stadt gehört die der
h. Margaretha, unweit des Kapuzinerklosters, einfach, aber rein-lich und freundlich. Aelter als dieselbe ist die Spitalkirche,mit einer guten Pflegeanstalt für Arme und Kranke. An derSeelsorge, welche den Geistlichen dieser Kirchen obliegt, nehmendie Mönche des Kapuzinerklosters treulichen Antheil. Nach vor-ausgegangenen Schenkungen wurde dem Orden 1629 ein Hausgebaut, lK36 bekamen sie auch eine eigene Kirche. Sie sindnicht allein die ordentlichen Prediger der Pfarrkirche, sie lehrenauch die Zöglinge in ihrem Institut. In der Mitte des Landesgelegen, dient das Kloster gewöhnlich als Versammlungsort derdeutschtyrolischen Vorstände, deren jährliche Berathung (oon^re-ß-atio) die Angelegenheiten des Ordens zu leiten hat. — Unterden Privatwohnungen des Ortes läßt sich voraus das Haus deredeln Jöchel zu Jöchelthurn bezeichnen, welches in einer kleinenNebengasse unweit des Kapuziuerklosters liegt. Das Geschlecht,durch Bergsegen sehr reich geworden, starb längst aus. Es hattefür seine schöne Kapelle einen eigens angestellten, gut bezahltenPriester, der aber durch die Reformen Kaiser Josephs II. aufein benachbartes Dorf versetzt wurde.
Uralt ist die Geschichte der Stadt Stcrzing. Der römischeKaiser Augustus hatte beschlossen, den rhätischen Alpendurchgangfür Roms Adler zu öffnen. Sein Stiefsohn Drusus rückte des-halb in die Gegend von Stcrzing vor, wo er die keltischen Ur-bewohner, das kühne und trotzige Bergvolk der Brenner undGenauncr, in blutiger Niederlage bezwäng, ihre befestigten Höhenzerstörte und über den Brenner in das Stromgebiet des Jnneindrang. Noch erinnern viele Namen in den umliegenden Thä-lern an die Römer, oft mit einer kaum mehr kenntlichen Ent-stellung. Tyrol war gänzlich dem Scepter Roms unterworfen,da wurde Stcrzing — Vipitenum hieß es jetzt — ein blühenderPflanzort und wichtiger Ruhcpunkt auf den großen Heerstraßen.Auch für kriegerische Unternehmungen hatte es besondere Bedeu-tung. Wie aller Orten, wo sie sich festgesetzt hatten, brachtendie Römer auch hierher Cultur, der Feldbau und Handel kamin Aufnahme, ja wenn man alten dunkeln Sagen Glaubenschenken dürfte, so wären es gerade die Römer gewesen, welchedie in späterer Zeit so berühmt gewordenen Bergwerke zuerst ge-baut hätten. Denkmäler aus der Römerzeit fanden sich hier häufig,darunter manche von größter Wichtigkeit, z. B. ein Steinbild,auf die Mithrasverehrung bezüglich, welches nach Wien gebrachtwurde. Die Römer errichteten daselbst eine Münzstätte, und derName Sterzing soll von den vielen dort geprägten Sesterzen,einer bekannten Römermünze, abstammen, wiewohl auch, wieoben angedeutet wurde, eine andere an den Ortsnamen selbst sichanlehnende Ableitung nicht gar zu verwerfen wäre. Die Völker-wanderung, deren Stürmen die Gegend lange ausgesetzt war,zerstörte die Blüthen der von den Römern eingebrachten Cultur,allein schon im 13. Jahrh, hatten sich die Bergwerke wieder undzwar mehr denn zuvor gehoben. In Ridnaun, Schneeberg undPfersch baute man auf Silber, Kupfer, Blei u. s. w. mit demglücklichsten Erfolge. Reiche Geschlechter verwendeten ihren Segenzum Heil der Kirche und zum Wohl des Volkes. In der Kirche