Werk von allgemein wissenschaftlichem Werthe, zumal aus derneuesten italiänischen Literatur vergeblich suchen. — Wie Roveredopflegt auch Trient und seine Umgebung den Seidenbau noch im-mer mit besonderer Vorliebe. Daber zieht man überall die fürdiesen wichtigen Nahrungszweig nöthigen Maulbeerbäume undzwar nicht blos in der Ebene, aucb an den Höhen empor, so-weit es thunlich ist. Man verkauft das Laub in der Regelschon am Baume selbst um einen beträchtlichen Preis. In derStadt giebt es fünf Seidespinncreien, außerdem einige Fabriken,die jedoch ohne besondere Bedeutung sind. Trients Handel hatgleichfalls nicht viel Belang, roch stehen durch den mit Seidemehrere Häuser selbst mit London in steter Beziehung und derWohlstand wird dadurch nicht wenig geformt. Handel mitFleisch treiben großentheils Teutsche, welche aus den heerdcn-rcichcn Gegenden von Tyrol das Schlachtvieh in Massen nachdem Süden schaffen. Nächst dem Handel mit Seide muß derWeinhandel ausdrücklich erwähnt werden. Rings um die Stadtgedeiht mitten unter Oliven und Granaten der feurige Wein,der an sein südliches Vaterland erinnert. Wer aus dem Rhein-land? oder nur aus andern Strichen Tvrols, die den Weinbaukennen, hierher kommt, wundert sich über die eigenthümliche Artder Produktion. Die Trauben bleiben so lange hängen, als esnur sein kann, und selbst nach der Lese läßt man sie noch ein-trocknen. Den aus ihnen gekelterten Most füllt man sogleichauf Flaschen, die in kühlen Kellern aufbewahrt werden, wodurchdas Getränk seine eigentliche Gährung und Süßigkeit behält,sehr bald trinkbar wird, aber aus begreiflichen Gründen sich auchnicht lange halten läßt. Besondere Fabriken verfertigen darausmancherlei sogenannte Künstweine, die jedoch nicht alle zur Ver-sendung sich eigenen. Auch der Wein in der Ebene, aus Trau-ben, die im Schatten verschiedener Bäumen kunstlos aufschießen,gepreßt, ist gut und von besonderer Schwere. — Trient hat ei-nen treuherzigen, biedern Menschenschlag, vorzüglich in dem ge-meinen Manne, der wie der ächte Jtaliäner lustig und gesang-reich und mit gar Wenigen« zufrieden und bcbaglich lebt. Hater gleich die alte Volkstracht längst abgelegt, und findet manauck bei dem weiblichen Theile der niedern Bevölkerung wenigerReize, weniger graziöse Gestalten — wie z. B. in Roveredo —und dagegen mehr ernste, feste Gesichter: so bietet er doch imGanzen mehr Anziehendes, als der vornehme Städter, der gernemit einem Wohlstande prahlt, welcher nur nicht immer vorhandenist; doch trifft man in wohlhabenden Familien viel Bildung,feine Sitte und offenen Sinn für die Freuden der Geselligkeit.Der gemeine Mann theilt schon in Vielem ganz Lebensweise,Art und Unart des Wälschtprolers. Er ißt und schläft in derKüche oder in dunkeln, engen Kammern, ohne den Nachtheil fürseine und seiner Kinder Gesundheit zu achten; ja im Wintersucht er manchmal den Stall auf, den die Ausdünstung desViehes ohne Arbeit und Kosten erwärmt, hier spinnen die Wei-ber, indeß die Männer spielen oder schlafen. — Wer mit Einem-
mal das Treiben dieses Völkchens und überhaupt ein rundesBild des Südtyroler Volkslebens beschauen will, der muß am26. Juni hier sein, wo man das Fest des heiligen Vigilius,des Schutzpatrons der ganzen Diöcese, begeht, an dem nichtnur die ganze Stadt Theil nimmt, zu welchem auch Tausendeaus der Umgegend herbei strömen. St. Vigilius war, wenn dieLegende uns nicht täuscht, aus weit entfernten Landen — etwa38k nach Chr. Geburt — mit seiner Mutter Marentia in dasThal der Sarca gekommen. Die fromme Greisin überlebte ihrebeschwerliche Reise nicht lang, sie starb in einem Dorfe, nach ihrMassenza genannt. Der Heilige zog in der Umgegend, das Evan-gelium predigend, am liebsten zu dem noch heidnischen Landmanne.Als ihn einst seine Verfolger, die Einwohner von Judikarien,heftig bedrängten, spaltete er die Felsen bei Stcniko nur mitseiner Hand zum ?a«8o ckells Norto. Diese Hand hat sichwunderbarer Weise als mumienhafte Reliquie erhalten und wirdalljährlich vom Bischof während der Prozession getragen; derHeilige selbst soll zu Mortasso, um das I. k05, von den Heidengesteinigt worden sein. Sein Fest ist das volksthümlichste derStadt. Seidl sagt: „Die Art und Weise, wie man sein An-denken verherrlichet, gibt ein treues Bild recht italiänischen Volks-lebens. Wie durch einen Zauberschlag ist die ganze Stadt ver-wandelt. Dem kirchlichen Gepränge, welches mit überraschendemGlänze begangen wird, folgen Schauspiele jeder Gattung. Geigerund Sänger durchlärmen die Straßen mit Gefiedel und Gekreisch;Seiltänzer und Gaukler ködern die schaulustige Menge mit Trom-melschlag und Trompetcngeschmctter; Charlatane, Zahnbrecherund Wurzelschneider, wie sie der Spötter Luzian nennt, bethörendas Volk mit ihrer ohrenbetäubenden Suada; Schauspiel imTheater Mazzurana, buntwimmelnder Corso, großes Feuerwerkauf der pis??s äel äuomo beschließen den festlichen Tag, anwelchem wohl bei 20,000 Thlr. in Umlauf gesetzt werden." —Lewald, der dem Vigiliusfcst einen besondern Abschnitt wid-met, sagt unter Andern: „Trient ist das ganze Jahr nichts, amVigiliusfcste erhebt es sich; die ganze Bevölkerung nimmt Tbeil,alle greifen zu, packen an, fördern, heben und halten, nicht wiebei uns, wo die Vornehmen nur zusehen wollen, wie der Ge-ringere sich mit seinem Genuß abmüht, bcstreiten hier vom früh-sten Morgen bis spät nach Mitternacht die ersten Stände dieKosten des allgemeinen Vergnügens mit." — Ueber das andiesem Feste zu Tausenden erscheinende Landvolk der Umgegendbemerkt derselbe Reisende: „Die Trachten zeigten wenig Mah-lerisches. Der italiänische Bauer dieser Gegend liebt es, sich inein zweifarbig schillerndes Wollenzeug zu kleiden, etwa roth undgelb, oder grün und gelb; hiervon trägt er weite Pantalons undeinen ganz kurzen Frack, dann einen großen runden Hut; Schuhemit Schnallen und eine bunte Weste. Die Frauen tragen Klei-der von dunklem, gewöhnlich blauem Zeuge, den Zopf im Nackenplatt im Kreise gelegt und eine hübsche Silbcrnadel durchgesteckt.Die Gesichter der Mädchen, stark gebräunt, aber nicht unange-