A o e s t.
"Soest, die einstige Königin und älteste der Städte Westfalens,so wie eine der bedeutendsten des alten Hansebundes, setzt freilich kaumein Schatten ihrer ehemaligen Macht und Größe, liegt in der unter demNamen Soester Börde weit und breit berühmten fruchtbaren Ebene,welche einst zur Grafschaft Mark, jetzt zum königl. preußischen Regie-rungsbezirk Arnsberg gehört. Wenn man die öde, stille Stadt in ihremsetzt zum Theil zertrümmerten Gürtel von riesigen Wällen und Thürmenbetrachtet, der ihr setzt zu weit geworden, wie die Rüstung des Ahnherrnden schwachen Gliedern des entarteten Enkels, so sollte man kaum glau-ben, daß sie, die setzt nur durch den Ackerbau erhalten wird, auf den siewegen ihrer Lage, fern von schiffbaren Strömen, vorzugsweise angewiesenscheint, einst ihre Flagge auf entfernte Meere befahrenden Handelsschif-fen wehen ließ, und der Freund des deutschen Volkes und seiner ruhm-vollen Vergangenheit ruft sich voll Wchmuth die Zeit zurück, wo derkühne, stolze Geist deutschen Türgerfinncs dieses Riesenskelett belebte undwie allerwärts, so namentlich hier die herrlichsten Blüthen des öffent-lichen und Kunstlebens im Schutze der Freiheit entfaltete.
Der Ursprung der Stadt Soest verliert sich in das sagenhafte Dun-kel vorgeschichtlichen Alterthums. Weist ihr doch die nordische Niflunga-saga sogar eine Stelle im Mpthenkreise deutscher Heidensagen an, indemsie die Hofhaltung König Etzels und den letzten Kampf der Nibelungengeradezu nach Soest verlegt, was wunderbarer Weise auch die Randbe-merkung einer deutschen Nibclungenhandschrift andeutet, so daß neuereAlterthumsfreunde versucht worden sind, in einigen alten Bauresten denSchlangenthurm, worin Hagen gefangen lag, so wie ein Thor des Kö-nigspalastes wiederzufinden. Wenn nun auch die Entstehung dieser Ver-sion der Sage sich aus der Verpflanzung derselben durch Soester Kauf-leute in den fernen Norden erklären läßt und auch dasjenige, was Frie-sische Annalen und Cölner Urkunden des ll. Jahrhunderts theilweise einan-der widersprechend von den Kämpfen des fränkischen Königs Dagobert II.mit den Sachsen und Friesen im Zahre 627 um den Besitz der StadtSoest berichten, der historischen Begründung ermangelt, so geht doch soviel wenigstens daraus hervor, daß man schon im frühen Mittelalter dieEntstehung der Stadt in unvordenkliche Zeiten setzte. In der That magauch der fruchtbare Boden der Soester Feldmark verbunden mit den na-hegelegenen Salzquellen gerade an dieser Stelle schon in den frühesten
Zeiten eine größere Verdichtung der sächsischen Bevölkerung, die Anlageeiner Mahlstätte, eines Waffenplatzes veranlaßt haben. Die erste sichereKunde von dem Dasein der Stadt wie von der Ausbreitung des Chri-stenthums daselbst gibt die Lebensbeschreibung des heil. Suibert, des Nach-folgers Sucder der um 7l8 nach Soest kam und viele Einwohner durchdie am Grabe des erster» verrichteten Wunder zur Lossagung vom Hei-denthume vermochte. Während der langen Kämpfe Pipins und Karlsmit den Sachsen mag Soest wegen seiner Lage unweit der fränkischenGrenze keine unwichtige Rolle gespielt haben. In den erst vor wenigenJahren größtentheils niedergerissenen ungeheuer dicken Mauern zunächstder Petrikirche will man Ueberbleibsel einer Burg Wittekinds erblicken,der auch in der Nähe die Feste Siegburg nebst noch 4 sogenannten Burg-höfen besaß, so daß die Neberlieferung glaublich wird, nach welcher dieseBurgspitze nebst Soest nach Beendigung des Sachscnkricges an Karl denGroßen gekommen und von diesem zum Schutze der angelegten Klösterund Kapellen, welche dem Cölner Stuhle unterworfen wurden, besetztseien. Ludwig der Fromme gründete darauf die erste größere Kirche zuSt. Peter, so wie Heinrich der Vogler um 9l2 die Stadt mit Mauernund Thürmen umgab, in deren Schutze sich dann ein städtisches Gemein-wesen allmählig zu hoher Blüthe und im 12. Jahrhundert ein eigenthüm-liches Stadtrecht, die Soester Schrae genannt, ausbildete, welchesmit dem Soester Schöppenstuhl bald zu hohem Ansehen gelangte und so-gar dem Hamburger und Lübecker Stadtrechte, sowie dem vieler andererStädte zu Grunde gelegt wurde. Die Verfassung der Stadt war vonvölliger Reichsfreiheit nur in so weit verschieden, als dieselbe erst in demSchutze der Fürsten des sächsischen unv welfischen Hauses und dann indem der Erzbischöfe Cölns stand, sich ihre vielen Rechte jedoch von denSchutzherrn durch p»ct» ckusgli!» bestätigen ließ. Als der Erzbischof Die-trich von Mocrs, der auch zugleich Bischof von Paderborn war, dieseanzutasten wagte und, wie seinen übrigen Besitzungen, der Stadt imI. 1444 eine Schätzung auflegen wollte, widersetzte sich diese standhaft undsandte ihm sogar, als er die benachbarten Fürsten und Städte gegen sieaufhetzte, einen förmlichen Absagebrief. So entstand nun der unter demNamen: Soester Fehde bekannte furchtbare Krieg, welcher ganz West-falen mehrere Jahre hindurch grausam verheerte. Die Stadt Soest,welche nur von einigen Städten unterstützt, der Macht des Erzbischofs,