V s d e r li o l n.
.Der uralte Bischofssitz Paderborn liegt im RegierungsbezirkMinden der K, Preußischen Provinz Westfalen, am nördlichen AbHangedes Teutoburger Waldes, welcher, das ehemalige geistliche und welt-liche Gebiet der Bischöfe von Süden nach Norden durchziehend, diesesin den vorwaldischen und oberwaldischen Bezirk theilte. Namen undLage der Stadt, nach welcher das ganze Bisthum benannt wurde, hatdie Natur durch eines ihrer seltensten Wunderwerke schon voraus be-stimmt; denn während nach Osten und Süden die sich allmählich ver-flachenden Berghänge dem Pfluge nur eine dünne, steinige Erdschicht,dem Auge Wasser- und schattenlose Flächen darbieten, gegen Nord-westen aber schon nahe bei der Stadt ein Theil der unter dem Namendie Senne sich weithin erstreckenden sandigen Heide beginnt, fühltman sich, der Stadt näher gekommen, durch den Anblick einer üppigenVegetation erquickt, deren Ursache man im Innern der Stadt mit Ver-wunderung wahrnimmt. Da, wo sich an der Nordseite des Domseinsteiler Abhang heruntersenkt entsprudcln den Klüften des Kalkschiefer-grundes mit ungemeiner Stärke viele hundert Quellen und geben demganzen Stadttheile, dessen Straßen sie außer schmalen, den Häusernsich anschmiegenden Fußwegen, ganz unter Wasser setzen, ein eigen-thümliches Aussehen. Kaum öö Schritte vom Ursprünge treiben diesewohlthätigen, im Sommer nie versiegenden, im Winter nie gefrieren-den Fluthen bedeutende Mühlen aller Art, bis sich beim Ausflusse ausder Stadt sämmtliche Arme unter dem Namen Pader zu einem Flussevereinigen, welcher, nachdem er nach dem Laufe einer Viertelmeilcnoch den von dem nahen Lippspringe kommenden Zufluß aufgenommen,unter dem Namen Lippe dem Nheine zuströmt.
Aber auch die älteste Geschichte des deutschen Volks hat den Bodender Stadt und die Umgegend geheiligt. Hier war der Schauplatz derwichtigsten Ereignisse, durch welche Norddentschland zu Anfange unse-rer Zeitrechnung in der Geschichte bekannt wurde. Die nächsten Berg-schluchten des Teutoburger Waldes sahen nach einander die Heerzügedes Drusus, Tiberius und Germaniens nach der Weser und Elbe, dieVernichtung der Legionen des Varus, so wie der Geschichtsforscher inNamen, Anlage und alten Mauerrest des s/z Meile entfernten DorfesElsen das sogleich nach der Hermannsschlacht von den siegenden Ger-manen belagerte römische Castell Ali so wiederfindet. Als nun nach4l>9jährigcm Ringen der die Welt umklammernde Riese endlich demAndränge der jugendkräftigcn germanischen Stämme erlegen, die An-wohner der Paderquellen aber weitere Jahrhunderte mit den zumSachsenbunde gehörigen Stämmen gute und böse Tage getheilt hatten,taucht der Name Patharbrunnon zum erstenmal dann auf, alsCarl der Große die scheinbar unterworfenen Sachsen im I 777 zueiner Rcichsversammlung dorthin berief, um in gemeinschaftlicher Be-sprechung das mit eiserner Zunge verkündete Evangelium im Sachsen-lande zu befestigen. Er erbaute auch wirklich eine Kirche zu Paderborn,welche aber, als Karl durch die ihn hier aufsuchenden arabischen Ge-sandten zu einem Heerzuge nach Spanien veranlaßt wurde, währenddessen die wiedcrabfallenden Sachsen zerstörten. Nach neuer Unter-jochung derselben hielt Karl 780 eine zweite Versammlung an denPader- und Lippequellen und gründete auf dieser das Bisthum Pader-born, welches er dem Bischöfe von Würzburg vorläufig zur Verwal-tung übergab, bis das Dörfchen an dem Padcrbrunnen sich zum eigent-lichen Bischofssitze erweitert und gehoben haben würde. Dieß mußtejedoch durch die zunehmende politische Wichtigkeit desselben bald ge-schehen , denn 782 hielt hier Karl eine dritte große Versammlung,welche durch Gesandschaftcn der Hunnen und Dänen ausgezeichnetwurde. Doch der starre Sinn der Sachsen war auch jetzt nur scheinbar
gebrochen, denn kaum war Karl über den Rhein zurück, so erhobensie sich noch einmal unter Wittekind zum letzten Verzweiflungskampfeund Karl konnte den 33jährigen Krieg nur durch die blutigste Anstren-gung, durch die grausamsten Mittel zu Ende bringen. Dann hielt er78S zum vierten Male eine Versammlung zu Paderborn, wo es ihmendlich gelang, Frieden und Christenthum dauernd zu befestigen. ZehnJahre später gab nun Karl dem Paderb. Sprengel den ersten eigenenBischof, Hathumar, setzte das Domcapitel ein, und legte durch Ver-leihung des Zehentrechts, so wie durch Befreiung der geistlichen Gütervon der weltlichen Gerichtsbarkeit den Grund zu der fürstlichen Machtder Bischöfe. Hathumar gründete nun eine neue Domkirche; und alsKarl 797 zuletzt in Paderborn war und dort den Papst Leo III. em-pfing, führte der Bischof diesen feierlich in die Krppta der noch un-vollendeten Kirche, um darin den Set. Stephansaltar einzuweihen.Mit dem Reichstag, welchen Ludwig der Fromme 8lS zu P. hielt,verschwindet der neue Bischofssitz aus der Universalgeschichte, um nuneine, andern geistlichen Staaten ähnliche Particulargeschichte mit den-selben Kämpfen gegen trotzige Vasallen, gegen ländcrsüchtige, benach-barte weltliche Fürsten zu durchlaufen, aus der wir nur das Wichtigsteherausheben.
Unter dem 19. Bischöfe Meinwerk (1999—1936), dem frühernHofkaplane und vertrauten Freunde Kaiser Heinrich II,, hatte dasBisthum seine glänzendste Periode. Im Besitz bedeutender Familicn-güter, wußte er sowohl durch eigene, als dem Kaiser abgelockte Schen-kungen das noch geringe, durch Brände herabgekommene Bisthum zueinem der ersten Deutschlands zu erheben und machte sich um das ma-terielle Wohl desselben, um Kunst und Wissenschaft so verdient, daßer als der zweite Gründer betrachtet wird. Wir werden später aufihn zurückkommen. Was nun den Ort Paderborn betrifft, so hatte sichdieser im Schutze des Domklosters durch Handel und Gewerbthätigkeitunter Meinwerk, der die Stadt mit Mauern und Graben umgab,Künstler und Handwerker zu seinen Prachtbauten herbei zog, schon be-deutend erhoben. Im folgenden Zeitraum erweiterte sie sich fortwäh-rend durch Aufnahme nach und nach entstandener Vorstädte in die Ring-mauern. Sie stand unter dem bischöflichen Grafen des Padcrgaues,welcher auch Odcrvogt des Bisthums war; schon ll38wird ein ^«-sekeetu^oivi»»> ?!><leil><„-»en«ium genannt und zu Anfange des 13. Jahrh, hattesie eine völlige städtische Verfassung, einen Grafen, BürgermeisterundRäthe unter bischöflicher Oberhoheit. Gegen letztere lehnte sie sich beizunehmendem Flor im Gefühle bürgerlicher Kraft zur Vertheidigungoder Erweiterung ihrer Rechte und Freiheiten wiederholt auf; hatte sieschon früher auf eigene Hand mit dem Grafen von Ravensberg eine1297 beendigte Fehde geführt, so kämpfte sie 1411 im Bunde mit demGrafen Bernhard v. d. Lippe gegen ihren eignen Bischof Wilhelm,und als dessen Nachfolger, der mächtige Dietrich von Moers, mit derStadt Soest die berühmte Fehde ausfocht, nahm sie für diese durchdie Hansa mit ihr verbündete Stadt Parthei gegen ihren eignenLandcshcrrn. Zur Reformationszeit fand die Lehre Luthers, wie inandern Städten des Bisthums, auch in P. zahlreiche Anhänger, diejedoch mehr irdische Zwecke, Befreiung vom Zehnten, größere Unge-bundenheit und Erweiterung städtischer Freiheiten bei ihrem Abfalle imAuge haben mochten. Ein Aufstand erfolgte, welche» der damaligeBischof Erich jedoch dämpfte und die Stadt neben Auslieferung derAnstifter mit 2900 Goldgulden Strafe belegte. Nach seinem Todebrachen jedoch, besonders durch abgefallene Mönche aus dem Minori-tenkloster in P. veranlaßt, die Unruhen von neuem aus. Der Admi-nistrator Hermann II., zugleich Erzbischof von Cöln, neigte sich selbst