Annenwesen wurde regulirt, eine neue Stadtordnung einge-führt, viele und große Bauten wurden unternommen, besondersein systematischer Deichbau. Otto II. starb als ein geliebterFürst tief betrauert zu Harburg im Jahr 1693.
Die Nachfolger dieser beiden, guten und klugen Fürstenwichen mehr oder weniger von den Principien ab, durch welchejene sich so populär gemacht hatten. Der Charakter einereinfachen, schlichten Hofhaltung verwischte sich, die fürstlichenEmolumcnte reichten nicht mehr, alle Vergnügungen, Reisen,Jagden und Gastmäler der hohen Herren zu bestreiken Umdem Lurus fröhnen zu können, sannen die Herzoge auf Mittelund Wege von ihren Unterthanen Geld zu erhalten, erweiter-ten und erhöhten die Steuern und Abgaben, verpachteten dasMünzwesen um ansehnliche Pachtgelder und errichteten eineStadtlotterie. Doch zeichnete sich Herzog Wilhelm August, einSohn Otto II., der bis 1942 anfänglich in Gemeinschaft mitseinem Bruder Otto III. und nach dessen Tode allein regierte,durch Bildung und manche gute Eigenschaften aus. Auch erthat manches zur Hebung der Stadt Harburg und erweiterteunter andern die Knabenschule, die er zu einer gelehrten oderlateinischen Schule erhob.
Der dreißigjährige Krieg übte zwar auf Harburg einxnbrandschatzenden Einfluß aus und erschöpfte die städtischen Kas-sen so sehr, daß sich unter andern die Behörde genöthigt sah(1633), die silbernen Kellen, welche der Schützenkönig beimSchützenfeste zu tragen pflegte, sowie einen silbernen Vogelund einige andere Silbersachen zu verkaufen, um ihre Schuldenbezahlen zu können, aber von den Verheerungen der bewaff-neten Schaaren blieb die Stadt doch verschont, die für dasEintreffen von Kriegseventualitäten auf die Beine gebrachteund organisirte Truppenmannschaft diente nur dazu, den Ortselbst noch mehr zu belasten. Die allgemeine Gährung derGemüther berührte zwar auch die Harbnrger Bürgerschaft, esgab sich besonders unter den Innungen ein Streben nachSelbständigkeit, ein Geist des Widerspruchs kund, allein dieKlugheit des Herzogs Wilhelm verhütete jeden gewaltsamenAusbruch dieses Zeitgeistes. Was er nicht verhütete, war dieeinreissende Sittenlosigkeit, die besonders unter dem männlichenTheil der Bevölkerung überHand nahm. Spiel- und Trink-sucht waren unter ihr sehr verbreitet Herzog Wilhelm starb(1642) unvermählt und als der letzte Sprosse der Herzoglich-Harburgschen Linie; Harburg fiel an das Haus Zelle-Lüne-burg zurück, von dem es seit ungefähr einem Jahrhundert ge-trennt gewesen. Der Herzog Friedrich von Zelle nahm Besitzvon Harburg, das nun aufhörte die Residenz des Fürsten zusein. Friedrich hielt Hof in Zelle, wo auch die höchsten geist-lichen und weltlichen Behörden ihren Sitz hatten. Harburg
wurde von einer Schaar Beamten überfluthet, die sich denBürgern gegenüber meist stolz und herrschsüchtig gebehrdeten,sich als fürstliche Diener in Respect zu setzen und ihr Ansehenaufrecht zu erhalten suchten. Die Harburger waren gewohntmit Petitionen, Wünschen und Beschwerden, so wie in Klage-sachen gewöhnlich zu ihren Herzogen gelangen zu können.Durch Vermittlung der letztern waren viele Streitpunkte schnellerledigt worden Jetzt mußten sie nach Zelle um Rath, Hülfeund Entscheidung zu suchen, und die Beamten sorgten dafür,daß auf dem Wege dahin keine Rosen blühten, und daß jeder,der ihn wandelte, mit Sporteln und Geschenken nicht geizendurfte. Dabei war die Entfernung von Harburg nach Zelleso groß, wie heutzutage ungefähr die zwischen Hamburg undNew-Iork, denn die hannöversche Krämeramtspost, welche zwi-schen Hamburg und Hannover unregelmäßige Fahrten machte,brauchte oft 14 Tage bis 3 Wochen, um von einem Endpunktihrer Reise zum andern zu gelangen.
Um die Herren Beamten und den attergnädigsten Herrnselbst bei guter Laune zu erhalten, machten die Harburger denEinen, wie dem Andern kostbare Geschenke. Da erhielten dieCanzler, vie Oberhauptmänner, die fürstlichen Notare undGroßvoigte silberne Pokale und silberne Kästchen und der Her-zog ein in Hamburg verfertigtes silbernes und vergoldetesRoß. Die Geber irrten sich aber gar sehr, wenn sie glaubten,sich auf diese Weise vor der Strenge und Last des neuen Re-giments sicher zu stellen; denn es scheint, die Empfänger sahenin den Geschenken nur die Wohlhabenheit und den Reichthumder Bürger, die dergleichen ohne Opfer aufbringen zu könnenschienen. Statt die schweren Contributionen, unter denen dieHarburger seufzten, zu verringern, wurden sie vielmehr nocherhöht, und wenn der Herzog Friedrich auch die Privilegienund Gerechtsame, welche seine Vorfahren und Verwandte denHarburgcrn gestattet hatten, bestätigte, mußten die Einwohnerdoch größtentheils daS Ihrige zusetzen, da die schweren Abgabenwährend des 3vjährigen Krieges Stockungen im Handel undWandel nach sich zogen und den Credit untergruben, und be-sonders da die Durchmärsche der fremden, dänischen und schwe-dischen Truppen die Stadt mehr und mehr schwächten. DieSchwede» nahmen nicht allein Quartier in Harburg und ließensich verproviantiren, sondern sogar die nöthigen Gelder zurMontirung zahlen.
Mit dem westphälischen Frieden kam Harburg unter dieRegierung des Herzogs Christian Ludwig von Zelle, der zurWiederbelebung der Stadt und Hebung der inneren Verhält-nisse viel beitrug. Er baute das Schloß aus und befestigteund umwallte es nach den neueren Theorieen der Festungs-bauten ; auch half er den Harburgcrn durch Unterstützung an