weigerte der Räch die vollen Sülzgefälle und verwickelte da-durch die Stadt in einen neuen blutigen Zwist mit den Be-cheiligten. Die faulen Prälaten wollten sich ihre Pfründen nichtschmälern lassen; sie suchten das Volk aufzuwiegeln und wußtensich 1450 eine Bulle vom Papste zu erwirken, nach welcherder Nach, im Fall er das Sülz-Einkommen der Prälatenschmälerte, als Kirchenräuber angesehen, aller Ehren undWürden verlustig sein und von den Bürgern abgesetzt werde»sollte. Die verblendeten Bürger leisteten diesem päpstlichenEdict wirklich Folge und setzten einen neuen Rath ein, der sichmit den Prälaten zum großen Nachtheil der Stadt abfand.Bald darauf wurden die Bürger aber ihrer Mißgriffe inne,sagten den neuen Rath fort und setzten den alten wieder ein,der sich an seinen Vorgängern, der erlittenen Kränkungen undMißhandlungen wegen, rächte und selbst zwei Mitglieder der-selben auf dem Marktplatz hinrichten ließ. Die Prälaten undSalzjunker erhoben nun wieder groß Geschrei; der Rath wardnicht allein vom Papst in den Bann gethan, sondern vomKaiser auch in die Reichsacht erklärt. Der Rath und dieBürger hielten sich diesmal jedoch tapfer und kehrten sich nichtan Bulle und Acht.
Um das Jahr 1530 wurde besonders durch den aufge-klärten Ernst I, mit dem Beinamen der Bekenner, die evan-gelisch-lutherische Lehre eingeführt. Die Lüncburger Bürgererklärten in einer berathenden Versammlung, in welcher einJordan das Wort führte, sie wollten nicht eher berathen,als bis evangelische Prediger berufen wären. „Damit — wiees in einem alten Manuskript heißt — das Pfaffenthum undder päpstliche Narrenquark abgeschafft werde und durch recht-schaffene Lehrer, die Gottlob vorhanden, das Evangelium ge-predigt werden möge." In kurzer Zeit wurden trotz denPfaffen und den ihnen wohlgewogenen Salzjunkern, mehreevangelisch-lutherische Prediger berufen, unter ihnen die be-kannten Stephan Kempen und U. Regius. Die Refor-mation gewann in der Stadt Lüneburg eine kräftige Stütze,obgleich sie dieselbe in vielfache neue Konflikte brachte undtheils im Innern, theils nach Außen mannigfache aber heil-same Störungen hervorrief, die besonders im 30jährigen Kriegeeinen vcrhängnißvollen Charakter annahmen, nachdem der Rathmit Gustav Adolph einen Eontrakt gegen die Feinde derReformation geschlossen, in Folge dessen die Stadt sich denSchweden öffnen mußte und den letzter» der Kalkberg einge-räumt wurde. Da die auf demselben liegende schwedische Gar-nison der Stadt allzugroße Kosten für Unterhalt verursachte,suchte sie sich der Besatzung zu entledigen, was auch mit Hülsedes Herzogs Georg 1K37 gelang. Die Differenzen zwischenRath und Bürgerschaft, der Landesherrschaft und den benach-barten Aemtern dauerten indeß fort. Den Druck des sieben-jährigen Krieges empfand die Stadt wenig, dagegen lastete dieHerrschaft der Franzosen desto empfindlicher auf ihr. Napo-leon betrachtete das Churfürstcnthum Braunschweig-Lüneburgals eine englische Provinz, und ließ es als solche im franzö-sischen Kriege gegen England unter dem Befehl des GeneralsMortier von seinen Truppen besetzen. Diese rückten imJahre 1803 in die Stadt ein, wo ihnen Kirchen und Schulenzu Spitälern und Magazinen eingeräumt wurden. Im Sep-
tember 1805 verließen die Franzosen die Stadt wieder, umTheil an dem Feldzuge gegen den Kaiser von Oesterreich zunehmen, während englische, russische und schwedische Truppenins Land rückten. Russen und Schweden lagen vom Novem-ber 1805 bis Juni 180K in der Stadt. In Folge der zwischenFrankreich und Preußen geschlossenen Convention zogen diefremden Bundestruppen wieder ab und die Stadt ward vonden Preußen besetzt. Während der bald darauf wieder aus-brechenden Feindseligkeiten rückten die Franzosen an ihre Stelle,die Stadt blieb nun fast ununterbrochen von Franzosen, Hol-ländern und Spaniern besetzt, bis der König Hierony-mus von Westphalcn sich am 15. Mai 1810 daselbst hul-digen ließ und Lüneburg zur Hauptstadt des Departements derNieder-Elbe, zum Sitz einer Präfectur, eines Criminal-Gerichts-hofö, eines Civiltribunals erster Instanz, eines Friedensgerichts,einer Mairie u. f. w. erhoben wurde. Die Stadt begrüßtebald darauf ihren neuen Landesherrn, dessen Regierung be-kanntlich von kurzer Dauer war. Der Rückzug der Franzosenaus Nußland machte, daß die französischen Truppen und diefranzösischen Civil-Beamten die Stadt verließen; ihnen aufdem Fuß folgten die Kosacken, denen man nach dem langjäh-rigen Druck unter der Fremdherrschaft enthusiastisch entgegen-jubelte. Wenige Tage darauf rief die Sturmglocke die Bürgerunter die Waffen, da sich ein kleines französisches Streifkorpsin der Nähe der Stadt blicken ließ, das jedoch vor den aus-rückenden wenigen Kosacken und Bürgern den Rückzug antrat.Am 1. April desselben Jahres aber rückte der französische Ge-neral Morand mit 2800 Mann in die Stadt, die ihm ausMangel an hinreichenden Streitkräften keinen Widerstand zuleisten vermochte. Die Kosacken ergriffen die Flucht, die Bür-ger mußten die Rache der Feinde erfahren; die einrückendenSoldaten schössen auf sie und tödteten mehr als zwanzig Wehr-lose. Sie sollten sich indeß ihres leichterrungenen Sieges nichtlange erfreuen. Die blutige Wehr war aufgeschoben, nicht auf-gehoben. Unter dem Befehl des Generals von Dörnbergsandte der General Graf Wallmoden etwa 1800 Mann,die die Franzosen angriffen und vollständig schlugen. DasTreffen fand unweit des Kalkbergs statt; der General Mo-rand wurde tödtlich verwundet und starb wenige Tage daraufauf dem Marsch nach Voitzenburg, wohin Dörnberg mi»den Gefangenen und den erbeuteten Kanonen abzog, weil erseine Stellung in der Stadt nicht hinreichend decken zu könnenvermeinte. Bald nach seinem Abzüge rückte die Avantgardedes Marschalls Davoust in Lüneburg ein, der Hundert derangeschnsten Bürger festsetzen ließ, und zu decimiren befahl,eine Maßregel, die nicht zur Ausführung kam, weil Dörnbcrgerklärte, daß er an seinen französischen Gefangenen Repressa-lien nehmen würde, im Fall den hannövcrischen GefangenenLeids geschähe. Bis zum 1K. September hauseten die Franzo-sen unter Sebastiani in der Stadt, die bis zum Frieden1814 noch von Feind und Freund viele Durchmärsche erlitt.
Von den Nachwehen der Fremdherrschaft und der Kriegs-lasten hat sich die Stadt nur langsam und bis auf den heuti-gen Tag vielleicht noch nicht ganz erholen können. DaS An-denken an jene Zeit lebt noch frisch in der Erinnerung derEinwohner; die Bürger feiern noch alljährlich das Befreiungs-