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Üler sich der Stadt Lüneburg nähert, ihre hohen Thürmemeilenweit aus der großen Ebene mit dem blauen Rauch derSaline um die Wette in die Luft emporstreben sieht; wer einenGang über die stillen, hohen Wälle, durch die breiten Straßenmacht, oder von der Höhe des Kalkbcrgs herab, die Masserother Giebel von der Gluth der Abendsonne Übergossen er-blickt, dem wird sich zunächst das Alterthümliche als dascharakteristische Merkmal der Stadt aufdrängen. Der Gegen-satz des Modernen tritt in Lüneburg als das specifischeMoment seiner Geschichte hervor. Die Vergangenheit bie-tet der Beschauung eine ungleich breitere Basis dar, als dieGegenwart, die in mehrfacher Beziehung arm genannt wer-den muß.
Wer sich mit den Zuständen dieser Stadt vertraut macht,dem wird ferner nicht entgehn, daß sie zu denjenigen Ortengehört, an denen sich die Uebergangsperiode aus den veraltetenin die modernen Zustände recht deutlich beurkundet. Lüneburghat in den letzten Jahren das Bedürfniß gefühlt, sich dengroßen Motoren der Gegenwart anzuschließe»; es hat seineStellung in politischer, commerzicllcr und industrieller Bezie-hung erwogen und gefühlt, daß der Frieden, den seine Bürgervor 30 Jahren mit ihrem Blute besiegeln halfen, einen andernKrieg in seinem Gefolge hatte, in welchem es galt, Vorurtheilefahren zu lassen, Gewohnheiten zu opfern und bei der jungenZeit in die Schule zu gehn. Diese Ansicht gewinnt in deralten Stadt immer mehr Anhänger und ist Bürge, daß dieFurcht vor einem gänzlichen Verfall Lüneburg's ungegründetsei. Wie es oft dem Individuum recht schlimm gehen muß,damit es ihm desto besser gehen kann, so auch nicht selten miteinzelnen Ländern nnd Städten. Lüneburg ist in Verfallgerathen. Man kann sich eines schmerzlichen Gefühls nicht er-wehren, wenn man die Geschichte dieser Stadt durchgeht, undsie allmählig bis in ihr innerstes Gehäuse hinein baufällig wer-den und so manche isolirte Bestrebungen nach Gewinnung einesthatkräftigen, wachen Zustands scheitern sieht; bis endlich inneuester Zeit die Aufmerksamkeit der Regierung, des ganzenNordens den innern Kraftanstrengungen zu Hülfe kommt undihnen einen Theil jener großartigen, mächtigen Zukunft ver-heißt, die wie ein heiß ersehntes Morgenroth über das ganzeVaterland empordämmert.
Lüneburg, das einst in der nordischen Hansa einen be-deutenden Platz einnahm, im Lauf der Zeit aber den ungünsti-gen Verhältnissen weichen zu müssen schien, hebt sich mit jedemJahre mehr und mehr und wird enamentlich durch seine imBau begriffene Eisenbahn) den Impuls zur Erreichung eineswichtigen nnd neuen Standpunkts im deutschen Norden erhalten.
Lüneburg, die Hauptstadt des alten Fürstenthums glei- ^chen Namens, liegt im nordöstlichen Theil desselben an derIlmenau, am Fuße des Kalkbcrgs, drei Stunden von derElbe, auf dem linken Ufer derselben, in jener vielbesprochenenEbene der Lüneburger Haide, die mit Unrecht als der Inbe-griff alles Langweiligen, Monotonen und Kahlen oft genanntund verkannt wird. Ueber den Ursprung der Stadt läßt sich
mit Gewißheit nur wenig sagen. Wenn man in Anschlagbringt, welche Umstände in früheren und frühsten Zeiten beifast allen Ansiedelungen die Ortswahl bedingten, wird man überden primitiven Ausgangspunkt des heutigen Lüneburg's nichtin Zweifel sein können. Wie die Entstehung der meisten inbergigten oder hügellichtcn Gegenden gelegenen mittelalterlichenStädte von den Höhepunkten abwärts in Thäler und Ebenenvor sich ging, so ist auch der Grund der Stadt Lüneburg frü-her zunächst auf dem erwähnten Kalkberg gelegt worden. EinBlick auf die gegenwärtige Form der Stadt bestätigt dies; siezieht sich nämlich der Länge nach vom Kalkbcrg nach der Il-menau hinab, und über dieselbe sogar hinüber; der ältereStadttheil liegt am Fuß des Kalkbergs, die Ufer der Ilmenausind mehr von der Neustadt besetzt. Auch die Richtung derHauptstraßen stimmt mit dieser Ansicht überein; sie durchschnei-den die Stadt von der Gegend des Kalkbergs an bis an'sUfer des Flusses. Der Name Burg endlich dient ebenfallsals deutlicher Fingerzeig bei Entscheidung der Frage überdie Entstehung der Stadt. Später dehnte sie sich auch in dieBreite aus.
Woher der Name? darüber sind die Gelehrten uncins.Einige meinen: Lüneburg gehöre zu den sieben Schlössern,welche der römische Kaiser Julius Cäsar in Deutschland zurEhre der sieben Planeten errichtet haben soll; Lüneburg warnach ihnen dem Monde zLuna) geweiht, den man daselbst ver-ehrte. Daß Cäsar nur zweimal und zwar in der Gegend vonKöln über den Rhein gekommen und nicht tief ins Land ein-gedrungen ist, weil die Deutschen sich in ihre Wälder zurück-zogen; daß er selbst den Rückzug über den Rhein antrat, sobalder sich von der Erfolglosigkeit des Krieges auf dem schwierigenTerrain des rechten Rheinufers überzeugte, und die Rhein-brücken wieder abbrach, auch nie bis zur Elbe vorgedrungen,ist bekannt. Weder Plinius, noch die übrigen römischen Ge-schichtschreiber erwähnen überhaupt dieser fabelhaften siebenSchlösser in einer jüngern Zeit. Eben so wenig ist anzuneh-men, daß eine solche Mondburg von den Deutschen selbst ge-gründet worden wäre, nachdem sie im nähern Umgange mitden Römern deren religiöse Gebräuche kennen gelernt, weildie römische Bildung bis zu diesem Theile Deutschlands sichüberhaupt nicht erstreckt zu haben scheint, und nirgend ein Be-leg für diese Ansicht vorliegt. Die alten Deutschen kannte»und verehrten den Blond so gut wie die Römer, nannten ihnaber nicht Luna, sondern Ostar.
Kaiser Karl der Große soll gegen das Ende desachten Jahrhunderts einen Götzentempel auf dem Kalkbergezerstört haben und eine Marmorsäule in der Johanniskirchedaher stammen. Vielleicht ist das in dem Feldzuge Karls desGroßen nach der Elbe vorkommende l. I, iuni, das ungefähran dieser Stelle gelegen haben muß, das heutige Lüneburg.So viel ist gewiß, daß Kaiser Otto der Große die Sülzeder Stadt im Jahre 956 mit einem Kaufzoll beschenkte unddaß um diese Zeit die Benedictiner Mönche am Fuße des Kalk-bergs im Kloster der „witten Pagen", dem späteren Kloster