G s t e r o d r.
Äm westlichen Fuße des Harzes, vier Meilen von Göt-tingen, in einer kesselartigen grünen Tiefe, von Höhen ringsumgeben, liegt, an den Ufern des kleinen Flusses Söse, dieStadt Ost er ode, eine der ältesten Städte des Königreichs.Ihre Gründung wird dem Herzog der Sachsen, Bruno zuge-schrieben, und bis ins Jahr 843 binaufgcrückt, wo sie anfäng-lich den Namen Brunsrode geführt haben soll. Einige neh-men an, der Name Osterode sei ihr aus der Hcidcnzeit geblie-ben; auf einer Anhöhe in der Gegend sei der Göttin Osteraein Tempel errichtet gewesen, den Bonifacius zerstört habe,und an dessen Stelle eine Burg Osterode erbaut worden sei.Gegen Ende des 10. Jahrhunderts tritt ein Graf Werner I.von Lauterberg in der Geschichte auf, der als Herr derBurg bezeichnet wird, und dieselbe bei seinem Tode Werner II.seinem Sohne hinterließ. Die Enkel dieser Burgherrn, dieLeinebergsche Linie, spielen in der Chronik der Stadteine wichtige Rolle; der letzte derselben, Hermann, starb inder Mitte des 12. Jahrhunderts. Heinrich der Löwe ge-langte dann in den Besitz der Burg, die später zerstört wordenist, ohne daß sich über Grund und Art der Zerstörung Näheresangeben ließe. Die Reste der Burg, einige Thurmtrümmer undMauergrund liegen außerhalb des Harzthors.
Von der Burg ging der Name Osterode auf die Stadtüber. Die erwähnten Grasen von Lauterberg waren die Lehns-herrn derselben; später kam sie an die Welsen. Nach Heinrichsdes Löwen Tod, fiel Osterode an seinen Sohn Otto IV,; un-ter dem Neffen dieses deutschen Kaisers, dem ersten Herzogevon Braunschweig Lüneburg (Otto dem Kind) erweiterte sichOsterode bedeutend, die Neustadt ward angebaut und die Stadterhielt Stadtrechte gegen Ende des 13. Jahrhunderts. DieGrubenhagensche Fürstenlinie trat später in die Rechte der Lehns-herrschaft und von 1361 bis 1449 residirten die Herzöge vonBraunschweig - Lüneburg - Grubenhagen fast beständig in Oste-rode. Im Jahre 1397 schlug Friedrich, des Herzogs ErnstSohn, seinen Sitz in Osterode auf; auch dessen Sohn residirtehier. Zu Anfang des 15. Jahrhunderts wurde Osterode wiedermit den Gesammtländern Grubenhagcns verschmolzen. 1617trat Herzog Christian von Celle in den Besitz der Stadtund hinterließ sie 1633 August dem Aelteren, dem Erbendes Fürstenthums Calenbcrg-Göttingcn, der- mit seinem BruderGeorg die Regierung theilte. Dieser residirte in Hannover.Osterode blieb seitdem bei der hannöverschen Linie.
In der ältern Geschichte der Stadt kommen, wie meist inallen Städten, nicht selten Bürgcrunruhen vor. Unter diesenträgt besonders ein Aufstand, welcher im Jahre 1519 ausbrach,einen ernsten Charakter. Die Chronik erzählt über denselbenungefähr Folgendes. Im genannten Jahre kam eine Schlitten -gesellschaft vom Gebirge in die Stadt; die Männer hoben dieFrauen aus den Schlitten und führten sie in ein Wirthshaus,in welchem gerade lustige Gesellen zechten. Einer der Letzterengerietst wegen unanständigen Benehmens gegen eines der ange-kommenen jungen Mädchen mit dessen Verlobten in Händel, understielt sogar von diesem einen Schlag auf's Haupt. Der Ge-schlagene hieß Lurdes; seine Freunde schaarten sich um ihnund drangen auf die Fremden ein, denen es übel ergangensein würde, hätten die herbeigerufenen Wächter sie nicht ge-schützt. Wegen so grober Verletzung des Gastrcchts führten nundie Fremden Klage bei dem Bürgermeister der Stadt, NamensHeiso Freienstagen. Dieser stellte eine strenge Untersuchungan, und setzte den Stifter der Unruhe gefangen. Lurdes war
ein boshafter Mensch; er beschloß sich wegen der erlittenenStrafe zu rächen, und da er sich nicht offen an seinen Richterwagte, so suchte er ihm heimlich Leids zu thun. Er sprengtedaher das Gerücht aus, des Bürgermeisters Ehefrau sei ihremGatten untreu. Die Nathmänncr und Freunde Freicnhagenswaren über dies Gerücht mehr empört, als der Letztere selbst,der wohl wußte, wie er mit seinem Weibe dran war. Jenedrangen indeß so lange in ihn, bis er endlich dem Urheber desbösen Leumunds nachforschte und Lurdes, den die öffentlicheMeinung als solchen bezeichnete, nebst einer neidischen Bürgcrs-frau, die zur Verbreitung des verleumderischen Gerüchts vielbeigetragen hatte, zur Rechenschaft zog. Beide Frevler hattenjedoch^ unter den Einwohnern großen Anhang. Als sie daher,zur Strafe ihrer Lügen, auf öffentlichem Markte eine Stundeim Halsciscn stehen mußten, machte sich die Ansicht, daß einesolche «träfe wohl für gemeine Verbrecher, nicht aber für Bür-gersfrauen und Söhne gezicmlich sei, allgemein geltend. DieBestraften wurden aus den Händen der Gerichtsdiener befreit,und Lurdes ward unter ungeheurem Jubel des Volks in eineSchenke geführt, wo sich die Gemüther durch berauschende Ge-tränke noch mehr erhitzten. Verwünschungen und Drohungenwurden gegen den Bürgermeister laut, der sich dem Anblick deran dem Pranger Stehenden entzogen hatte und zum Thore hin-aus gegangen war. Ein wilder tobender Volkshaufc drängtesich jetzt durch die Straßen und wälzte sich dem Hause des Bür-germeisters zu, um es zu zerstören und an seinem Herrn Rachezu nehmen. Der Stadtschreiber Bertram eilte von Entsetzengetrieben seinem Vorgesetzten nach und nöthigte ihn zur Flucht.Er rettete sich vor einem seine Spur suchenden Haufen des Pö-bels ins Gebüsch und begab sich nach dem nahe belegenen Herz-berg zu Philipp I., Herzog von Braunschweig - Lüneburg.Dieser sandte sogleich einen Haufen bewaffneter Ritter genOsterode; die Einwohner der Stadt weigerten ihnen aber denEinzug und kümmerten sich wenig um die Ermahnungen zurRuhe, welche der Herzog ihnen schriftlich zuschickte. Freicnha-gcn trug indeß große Sehnsucht nach Weib und Kind und hieltes endlich zu Herzberg nicht länger aus, sondern machte sich,den dringenden Rathschlägen des Herzogs zuwider, heimlich aufden Weg in die unruhige Stadt, deren Thor er offen fand,in das er einschlüpfte. Der treue Stadtschreiber Bertrambegegnet? ihm und schrack bei seinem Anblick heftig zusammen;er nöthigte den Bürgermeister sich in die Stadtschreibcrwohnungzu begeben und erzählte ihm, daß die Erbitterung gegen ihnsich keineswegs gelegt habe. Diese Behauptung sollte sich nurzu schnell und zu grausam bestätigen. Des Bürgermeisters An-wesenheit in der Stadt war nicht ohne Zeugen geblieben; wieein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht durch die Straßen, daßder Gehaßte ins Netz gegangen sei, und daß man ihn nur zu suchenbrauche, um ihn zu züchtigen. Die Thore wurden daher geschlossenund Lurdes stellte mit seinen Genossen eine Haussuchung an, beider man den Bürgermeister in dem Versteck eines Taubcnschlagsunter dem Giebel fand. Seine rachedürstigen Feinde zogen ihntriumphircnd aus einem Kasten hervor und stürzten ihn von derHöhe des Hauses herunter. Sein Leichnam wurde von denBlutdürstigen in Stücke zerhauen.
Für solche Schandthat sollten aber die Aufwiegler gebührendbestraft werden. Herzog Philipp I., des unglücklichen Bürger-meisters Freund und Gönner, schickte eine Menge Gewappnetenach Osterode und hielt Kriegsgericht über die Mörder. Lur-des und mehre andre Anführer des Aufstands wurden gerädert,