Druckschrift 
8 (1850)
Entstehung
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zurückgezogen als Privatmann zu Hagenau, und übertrug dieVerantwortlichkeit wegen der Neligionsänderung der StadtGöttingen selbst. Diese schloß sich dem Schmalkaldischen Bundean und lös'te sich von der, durch die Fürsten eingeführtenStädtesubordination. Die dem Herzoge gebührenden Patronat-rechte nahm der Magistrat in Anspruch, er setzte nicht bloßPrediger ein, sondern erließ auch eine Menge neuer Gesetzein geistlichen Dingen und erkannte in Streitigkeiten geistlicherArt keinen andern Oberrichter als sich selber an. Auf denBildungsstand der Bevölkerung wirkte die Lösung vom päpst-lichen Joche sehr wohlthätig ein. Die Organisation des Schul-wesens verbreitete im Volke Elcmentarwissenschasten und bahnteeiner gesunderen Bildung den Weg, nicht bloß unter demmännlichen Theil der Bevölkerung, sondern auch unter denFrauen. Schlimm war die um das Jahr 1540 ausbrcchcndeSeuche, welche in Göttingen über 700 Menschen hinwegraffteund überall Angst und Schrecken verursachte, schlimm der fastum dieselbe Zeit vorgekommene Mißwachs und die dadurch ent-standene Theurung. Dazu kam der Schmalkaldische Bund derStadt theuer zu stehen, und steigerte die Noth bis zur Nath-losigkeit.

Der Herzog Erich starb um diese Zeit auf seinem Schloßin Hagenau, seine Gattin Elisabeth trat die Regierung fürihren Sohn vormundschastlich an. Ueber die Kosten, welchedas Begräbniß des verstorbenen Herzogs verursacht hatte, ge-rathen die Unterthanen, denen sie zur Last fallen sollten, mitder Herzogin in einen Streit, dessen Ende keineswegs zu Gun-sten der Bürger ausfiel; ein neu eingeführtes Steuersystem be-lastete sie von jetzt an mehr als je.

Der junge stolze Erich, der im Katholizismus erzogenund 1545 zur Regierung gekommen war, focht auf des Kai-sers Seite, also gegen den schmalkaldischen Bund, zu demGöltingen gehörte. Als Karl V. im Jahre 1547 die Häupterdieses Bundes gefangen genommen hatte, und sämmtliche Bun-desgenossen in die Acht that, sollte Göttingen 30000 Goldgül-den Buße zahlen. Auf das eindringliche Flehen der städtischenGesandten und durch einen Fußfall des alten Göttinger Bür-germeisters Wiezenhauscn gerührt, ließ es der Kaiser bei derEintreibung der Summe von 10000 Thlr. bewenden. Erichwar weit entfernt zu Gunsten der unglücklichen Göttinger eingutes Wort einzulegen; vielmehr verlangte er selber als Bußewegen der Auflehnung der Stadt gegen seine Mutter und we-gen ihres Ungehorsams gegen den Kaiser die Summe von30000 Thlr., begnügte sich aber mit 6000 Thlr. Kaum warendiese erlegt, als auch Herzog Heinrich der Jüngere vonBraunschweig, Erichs Vetter und mit diesem wahrscheinlich imEinverständniß, unter einem leeren Vorwande, den GöttingernStrafgelder abforderte. Der edle Nachbar behauptete nämlich,die Göttinger hätten ihn bei einer früheren Gelegenheit ver-höhnt. Die drohende Miene, welche der unverschämte Mah-ner annahm, schüchterte die Bürger dermaßen ein, daß sie sichmit 6000 Thlr. von ihm abkauften. So traf Schlag aufSchlag die arme, entnervte Stadt, deren sich der Herzog aufseinen Reisen in den spanischen Niederlanden, in Dänemarkund andern Ländern wenig zu erinnern schien, außer wenn erGeld haben wollte.

Im Jahre 1572 sagte sich Göttingcn von der Hansa los,weil die Verhältnisse das längere Bündniß mit derselben über-flüssig und drückend zu machen schienen. Dieser Schritt hatteindeß empfindliche Folgen für die Stadt, die dadurch bedeutendan Ansehen verlor, und in ihren Gerechtsamen von Seitender Regierung sehr beeinträchtigt wurve.

Erich starb auf einer Reise in Italien 1584 so tief ver-schuldet, daß sein Nachfolger und nächster StammverwandterHerzog Julius auf die Erbschaft des Verstorbenen Verzichtleistete. Leider war die Dauer der Regierung dieses den Kün-

sten und Wissenschaften ergebenen, klugen Fürsten nur kurz.Julius hatte Göttingen nur einmal besucht, er starb 1589;sein Sohn Julius ist bekannt durch die Energie, welche erwährend der damaligen religiösen Wirren entwickelte, durch denFrieden, den er unter den Partheicn stiftete und durch die vie-len Zänkereien, in die er mit seinen Unterthanen gcrieth. Erstarb am Hofe des Kaisers im Jahre 1613. Ihm folgte derHerzog Friedrich Ulrich; dieser sah die schreckliche Feuer-säule des dreißigjährigen Kriegs über sein Land hinlodern.Die Truppen Tillhs und Wallcnsteins sengten, raubten undmordeten ringsumher, und die befreundeten BundestruppcnHerzogs Christian haus'ten fast noch schlimmer als selbst dieFeinde. Nach einer lange anhaltenden Belagerung durch Till»,während welcher die Göttinger alle Schrecken und Gräuel ei-nes sanatischen Krieges, alle Noth und alles Elend einer vongrimmen Feinden umlauerten Stadt, Hunger und Seuche,Angst und Schrecken muthig ausgehalten, und mehr denn ei-nen ruhmwürdigen Beleg ihrer Tapferkeit und ihres Vertrauensauf ihre gerechte Sache geliefert hatten; nachdem der blutdür-stige katholische Pfaffengeneral die Vcrgeblichkeit seiner Anstren-gungen eingesehen und sein Pulver unnütz verschossen sah, über-lieferte die Verrätherei des dänischen MajorS Tön nies dieunglückliche Stadt, die ihm, dem Bundesgenossen, nur zu sehrgetraut hatte, die Thorschlüssel dem Feinde. Tilly hielt seinenEinzug, die Kaiserlichen ließen sich für lange Zeit in Göttin-gcn nieder und die Bürger büßten den geleisteten Widerstandhart, sie mußten 18000 Thlr. Strafe zahlen. Herzog Ulrichbeweinte lange in der Gefangenschaft das Unglück seiner Unter-thanen, das den höchsten Gipfel erreicht zu haben schien.

Als Gustav Adolph im Jahre 1630 ein rettender Engelzum Schutz der Protestanten erschien, warf sich Friedrich Ulrichden Schweden in die Arme. Im Jahre 1632 näherte sichHerzog Wilhelm von Weimar dem Göttingenschen Gebietmit einer Schwedischen Armee. Er schickte von Nordheim einenBoten an den Bürgermeister, der gute geheime Nachrichten undden Antrag des Herzogs brachte: die Bürger und der Rath derStadt Göttingen sollten die kaiserliche Besatzung überfallen und mitseiner Hülfe niedermachen. So froh die geängstigten Göttin-ger über die Nähe des Freundes waren, und so glücklich dieHoffnung sie machte den Feind zum Weichen gebracht zu sehen,gab doch das Rechtsgefühl des Magistrats nicht zu auf dasAnsinnen des Herzogs einzugehen. Er wies den Antrag zurück,was ihm wahrlich nicht wenig zur Ehre gereicht.

Der kaiserliche Kommandant hatte indeß von der Nähedes Feindes Wind bekommen und rüstete sich mit seiner freilichschwachen Garnison zu einer entschiedenen Gegenwehr, diesich jedoch bald fruchtlos erwies, denn Herzog Wilhelm er-stürmte Nachts von acht Seiten zugleich die Stadt und drangdurch das aufgesprengte Gronder Thor an der Spitze seinerwüthenden Truppen in die Straßen. Roh und grausam hausteder Sieger in den Häusern der Glaubensgenossen; aufgebrachtüber die Weigerung des Magistrats, ihm den Sieg über dieKaiserlichen durch Meuchelmord zu erleichtern, übte er an derunschuldigen Bevölkerung seine niedrige Rache aus, und thatdem Gräuel seiner Soldaten, welche Weiber und Jungfrauenschändeten, Kirchen und Häuser plünderten und mit der Wuthvon Kannibalen die bezwungenen katholischen Krieger nieder-metzelten, keinen Einhalt Nachdem der Herzog die Stadt ei-ner hessischen Garnison übergeben, verließ er sie bald nach die-sen blutigen Tagen.

Nach Ulrichs Tode 1634 kam Georg zur Regierung.Die trostlosen Zustände des Landes bedurften starker Hände.Handel und Gewerbe lagen darnieder, der Krieg hatte alleöffentlichen und alle Privatkassen erschöpft, der Ackerbau warohne Pflege, die Steuerlasten, die der Adel von sich gewälzt,! lagen auf den Schultern des Bürgerstandes, die Contributionen