Druckschrift 
8 (1850)
Entstehung
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biet, und der Bürger klebte am Hergebrachten und war großen-teils von seinen städtische» Sorgen in Anspruch genommen.Während in Sachsen und Thüringen der Kampf zwischen derGlaubensfreiheit und der Pfaffenmacht lichterloh erglommenwar. dachten die Göttinger noch lange nicht daran, die falschenLehren und Gebräuche von sich zu thun und sich vom Papstzu lösen. Noch kurz vor Luthers Disputation im Jahre 1517wurde in Göttingen der Ablaß gepredigt, und eine Absolutionmittels 900 Gülden vom Papste Alerander VI, erkauft. DasVolk verstand das neue Deutsch nicht, in welchem der großeReformator zu ihm sprach, und die Geistliche» boten Alles auf,um diese Volksdummhcit und Trägheit so lange als möglich zuerhalten. Die Handwerker waren es endlich, welche Anlaßgaben, daß auch Göttingen sich bei der Reformation bethciligte,nachdem Hessen, Grubenhagen, Lüneburg und alle umliegendenGegenden der neuen Lehre ihren Beifall gezollt hatten. Eskamen nämlich einige Weber» und Tuchmacher-Gesellen, die inObersachsen und vielen der Reformation bereits huldigendenStädten in Arbeit gestanden hatten, und die ihr selbst lebendigzugethan waren, nach Göttingen und brachten die deutsche Bi-bel in die Stadt, aus der sie ihren Freunden und Bekanntenvorlasen. Ein aufgeklärter Prediger an der Jakobikirche, äseobLorüecvago ermunterte die Arbeiter in ihrem Studium der heil.Schrift, und suchte selbst so viel wie möglich den ausgesogenenBoden seiner Gemeinde mit Luthers Lehren neu zu besaamen.Die Engherzigkeit des Raths zwang ihn aber zum Schweigenund zur Räumung der Stadt. Diese Zwangsmaßregel em-pörte das Volk, das wenigstens so viel hatte einsehen lernen,daß die Reformation ein volkssrcundliches Element in sich schloß.

Als die Geistlichkeit um diese Zeit eines Tages eine Pro-cession zur Abwehr der epidemischen sogenannten englischenSchweißsucht, die hier und da ausgcbrochen war, anstellte, undeben in die Gronder Straße einbog, erhuben die Tuchmacherund Wollenwcber einstimmig den Luthcrschen deutschen GesangAus tiefer Noth schrei ich zu Dir".

Dies Lied brachte eine wunderbare Wirkung auf die Ge-müther hervor, Männer und Weiber, Greise, Mäocheu undJünglinge standen, gerührt von der Einfachheit und Tiefe derihrem Herzen so verständlichen Melodie und Worte, und horchtendem Gesänge der Männer zu, die sich durch den Hohn und Acrgcrder Pfaffen und durch die Drohungen der Nichter nicht irremachen ließen, sondern Vers um Vers weiter sangen. Unddas Volk fing an mitzusingen und ei» tausendstimmiger Chorwiederholte das neue erbauliche Lied des Wittenberger Mönchs.Das lo voum der Pfaffen und die Kirchen-Orgel des Pauli-ner-Klosters, wohin der Zug sich begab, wurden von dem Lu-therliede überstimmt.

Das war der erste factische öffentliche Schritt zur Reformationin Göttingen. In Gronde und Rostorf predigten Geistliche dieneue Lehre, und die Göttiuger strömten Sonntags zu Hundertenzum Thore hinaus, um sie predigen zu hören; vergebens droh-ten Erzbischof, Official und alle Pfaffen abermals mit Ercom-munication und Bann, vergebens verhießen sie allen reuigenin den Schooß der alleinseligmachenden Kirche zurückkehrendenSündern Vergebung für ihre ketzerischen Gedanken, vergebensermähnte und drohte der Rath die Augen waren einmalvon den Schuppen befreit, welche sie Jahrhunderte lang mitFinsterniß bedeckt gehalten, das Volk hatte sein Herz dem jun-gen kräftigen Glauben geöffnet, und der römischen Finsternißgeschlossen.

Ein früherer Dominicanermönch aus Rostock, mit NamenFriedrich Hüventhal, der sich verheirathet hatte und zur lu-therischen Lehre übergetreten war, lebte eine Zeit lang in Göt-tingen bei den Bürgern und richtete im Namen seiner gast-freundlichen Wirthe an den Rath der Stadt ein Schreiben, inwelchem er ihn dringend aufforderte, dem Lutherthum nicht

länger entgegen zu sein. Dennoch konnte sich der ängstlicheRath nicht entschließe», sich entschieden der Volksrichtung zuzu-wenden und die Sache des Papstes ihrem eignen Schicksal zuüberlassen, er beantwortete das Schreiben nicht, stellte aberdem Briefsteller nach und ließ auf ihn fahnden. Hüventhalentkam aber und predigte vor der Stadt auf dem Georgi Kirch-hofe die neue Lehre. Seine Zuhörer führten ihn im Triumpfin die Stadt zurück und verlangten, der Ratb solle ihm emeKüche emräumeu, damit er von der Kanzel die Luthersche Re-ligion predigen könne. Der Rath gab eine harte verweigerndeAntwort auf dies Anliegen und die Abgesandten der Bürgerhielte» es für angemessen ihm zu erklären, daß sie und ihreFreunde jeder vom Rath ausgehenden wider sie gerichteten Ge-walt dasselbe Mittel entgegensetzen würden.

Der Herzog Erich beobachtete während dieser religiösenWirren in seiner Umgebung ein tiefes Stillschweigen, er ließes geschehen, daß die Evangelischen mit bewaffneter Hand indie Klosterkirchen drangen und Anstalten trafen die Heiligenbil-der aus offuem Markt zu verbrennen; er würde auch dem Blut-bad?, das am 15. Octobcr 15^9 auszubrechen drohte, nichtgesteuert Haben, seine Begeisterung für das Evangelium gingnicht über die Kanne Bier.' An dem erwähnten Tage rottetensich Tausende aus dem Pauliner-Kirchhofe zusammen und schick-ten sich zu einem Vcrtilgungskriege gegen die Pfaffen an, datrat ein Bürger, Klaus Hundertmark, auf und redeteseine Genossen in besänftigender und klarer Weise an. Erricth ihnen, sich aller Gewaltthätigkeiten zu enthalten und zurEhre der guten Sache, der sie anhingen, Nathgeber nnd Vor-steher aus ihrer eignen Mitte zu wählen, denen die Sorgeübertragen werden sollte, den gerechten Forderungen der Bür-ger Gewährung zu verschaffen. Die Worte des Redners mach-ten einen tiefen Eindruck auf die Versammlung und beschworeneinen Sturm, der drohend über der Stadt hing. Man wähltezehn Männer, welche die Angelegenheiten der reformirten Ge-meinde ordnen und überhaupt die Interessen der Stadt wahr-nehmen sollten. Die Zehn Männer begaben sich aufs Rath-haus, verlangten im Namen der Bürgerschaft Ncchnungsablageüber die Stadtkasse und Einräumung der Paulincr-Kirche zumneuen Gottesdienst. Hüventhal predigte nun unangefochten.Die Ruhe der Stadt war durch kein Blutvergießen gestörtworden; die Leidenschaften waren vor dem Ernst und der Würdeder neuen Lehre verstummt.

Erich, der sich in diesen ganzen Entwickelungsgang derreligiösen Meinung nicht gemischt hatte, aber doch das Rechtzu haben behauptete, den Glaubenswechsel zu genehmige» oderzu verhindern, ließ sich jetzt seine Nachsicht theuer bezahlen.Die Göttinger mußten ihm Geld schaffen. Besser würde erunstreitig gethan haben, hätte er der Reformation seinen Schutzzu Theil werden und dem Unwesen steuern lassen, das derüberschäumende Sinn ihrer Anhänger in Göttingen anstiftete.Hüventhal konnte die Behandlung nicht verschmerzen, welcheihm der Rath auf sein früher an ihn gerichtetes Schreibenhatte angedeihen lassen; er begnügte sich nicht damit GottesWort zu predigen, sondern benutzte seinen Einfluß auf die Ge-müther auch dazu, Unzufriedenheit mit der städt'schen Verwaltungzu verbreiten und die Bürger gegen den Rath aufs neue auf-zustacheln. Er zog sich dadurch seine eigne Amtsentsctzuug zu;die Erbitterung und Aufregung aber, welche er in der Stadterregt hatte, dauerten fort.

Die Eonfiscation der meisten Klostergüter brachte die Stadt-finanzen für eine Zeitlang wieder aus der Klemme. Das vonden Pfaffen früher gleisnerischer Weise den Bürgern abgelockteVermögen floß wieder in rechtmäßigere Hände zurück. DieAussichten auf die Zukunft gestalteten sich aber demungeachtetkeineswegs erfreulich. Der alte Herzog mischte sich in dieöffentlichen Angelegenheiten fast gar nicht mehr, sondern lebte