Druckschrift 
8 (1850)
Entstehung
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zum Wcihnachtstage alle Abende von 8 bis 9 Uhr die Glockeläuten muß. Das nennt man das Catharinen-Läuten undist noch bis zum heutigen Tage in Münden in Gebrauch. Esstammt aber wohl aus viel frühern Zeiten von der Andacht zurheil. Catharina her, deren Kalendertag der 25. November istund es finden sich ähnliche Gebräuche in andern Städten derBraunschwcigschcn Lande z. B. in Göttingcn.

Außer den beiden lutherischen Kirchen hat die nicht zahl-reiche reformirtc Gemeinde in Münden seit dem Jahre l729dort eine, in einem Privathause an der Burgstraßc eingerichteteKirche. Die dortigen Jsraclitcn haben vor etlichen Jahren ihreSynagoge nach dem Muster der eleganten Synagoge zu Secsenzeitgemäß eingerichtet.

Unter allen Bauwerken MündcnS ist aber daS königlicheSchloß das großartigste und interessanteste. Auf der Stelledes im Eingänge erwähnten und offenbar, wie schon der Namebezeichnet, hölzernenPfahlhauses," ließ Otto von NordhcimHerzog zu Bayern und Sachsen, um das Jahr ll)7l) ein be-festigtes Schloß von Stein aufführen, welches noch fast 5 Jahr-hunderte lang jenen alten Namen behielt. Diese Burg lehntesich an die Befestigungen der Stadt und war ebenso wie letztere,durch Wall, Graben, Mauer und Bastionen an den offnen Seitenund außerdem in Norden durch die dicht darunter herfließcndeWerra geschützt. Die Burgzum Pfahl" hatte im Laufe vonmehreren Jahrhunderten vielen ihrer Fürsten zur Wohnung ge-dient, und war von diesen vergrößert und ausgeschmückt worden,als sie unter Erich II. im Jahre 1561 mit Verlust von 14 Men-schenleben und vielen Kostbarkeiten durch Zufall fast gänzlichniederbrannte. Dieser Fürst, selbst prunkliebcnd und mit denPrachtgebäuden anderer Länder, namentlich Italiens, wohlbe-kannt, ließ im Jahre 1566 und wie man sagt durch italiänischeBaumeister, auf der Stelle der alten Burg ein Schloß auffüh-ren, Welches in jener Zeit als eine der schönsten FürstenrcsidcnzenDeutschlands gepriesen wurde und noch in seinem jetzigen Zu-stande die herrlichste Zierde Müudcns und seines Thals ist.

Dieses Schloß längs des WcrrastromS am nordöstlichenEnde der Stadt erhaben gelegen und deren andere Gebäudeüberragend, gewährt den imposantesten Anblick von dem gegen-überliegenden Ufer neben der Brücke. Herzog Erich's Bau sollteein gewaltiges längliches Viereck bilden, ist aber unvollendet ge-blieben und nur ein Hauptgebäude, etwa 129 Fuß lang, undzwei Flügel vo» ungleicher Länge stehen da, welche aus großenWerkstücken von Sandstein mit sehr starken Mauern aufgeführt,5 Stockwerke, zusammen von etwa 79 Fuß Höhe haben und miteinem hohen Schieferdache gedeckt sind. An der Spitze des län-ger« Flügels nach Osten, steht ein etwa 89 Fuß hoher vier-eckiger Thurm mit einem Thorbogen, welcher früher zu Gefäng-nissen diente, es ist der einzige Ucbcrrest der ältern Burg. Indem Winkel, welchen dieser Flügel mit dem Hauptgebäude bildet,finden sich Stufen, welche zu dem Eingange der ehemals soreichgeschmücktcn, von einem Thürmchen mit fast moscheenartigerKuppel überragten Schloßkapelle führen, wo unter andern einlebensgroßes Bild unsers Erlösers, welches Herzog Erich I. vonseiner Pilgerfahrt nach Palcstina aus Jerusalem heimgebrachthatte und eine kleine Tafel von massivem Golde mit Diamanten

reich besetzt, die von dessen Gemahlin Catharina als Altarzierdcder Kapelle des ältern Schlosses geschenkt war, nebst vielen an-dern Kostbarkeiten sich vorfanden, welche sämmtlich im LaufederZeiten spurlos verschwunden sind. Die Fenster der Kapelle,welche nach der Werra hinaussehen, sind im Spitzbogenstil ge-baut, während das ganze übrige Schloß mit viereckigen Fensternversehen, in dem herrschenden Style jener Zeit, im sogenanntenRenaissancestil, jedoch ohne dessen viele Schnörkel und Zierrathcn,i einfach, kräftig und durch Masse imponirend erbaut ist. DieHauptthür in der Mitte des Gebäudes führte zu ebener Erdein eine große Halle und von da auf breiten Stciutreppcn inviele große und glänzend geschmückte Gemächer der obern Stock-werke, von welchen die Zimmer der Fürsten mit guten allegori-schen Darstellungen al tresoo gemalt waren, wie man noch jetztsehen kann, wenn man den Kalk abkratzt, womit später dieWände übertüncht worden sind. Durch das ganze Schloß bis indie oberste Etage wurde durch ein Druckwerk Wasser in Blciröhrengeleitet, deren Spuren sich hin und wieder noch vorfinden. Derstolze Bau diente Erich II. und seiner Hofhaltung zur Wohnungund außerdem befanden sich die Kanzlei, das Hofgericht und dieNegierung seiner Fürstenthümcr darin. Als aber letztere nachseinem Tode an die Herzoge von Braunschweig - Wolfenbüttelfielen, wurden diese Behörden nach ihrer Residenz Wolfenbüttelverlegt und seitdem ist das Schloß in Münden selten und dannnur auf wenige Tage von seinen Fürsten bewohnt, zuletzt imJahre 1729 von Georg II. Könige von England und Kurfürstenvon Hannover, denn auch damals noch war es als fürstlicheWohnung stattlich eingerichtet. Allein bald nachher, im Jahre1736, wurde das Schloß seiner Zierrathen und Einrichtunggänzlich beraubt und 1737 zu einer Kaserne für ein RegimentInfanterie von der Kriegscanzlci in Hannover umgewandelt.! Da das Schloß aber zu diesem Zwecke nicht geräumig genug! war, so wurde dem Hauptgebäude desselben gegenüber ein ebensolanges zweistöckiges, auf die alte Schloßmauer gestütztes Gebäudevon Fachwcrk aufgeführt, welches jetzt zur Wohnung des 2tcnköniglichen Beamten und deS Rentmeisters dient. Später tratdie Kriegskanzlei das Schloß der damaligen kurfürstlichen Kammerab, welche cS im Jahre 1789 zu einem Kornmagazin einrichtenließ, worin durchschnittlich über 79,999 Hunten Rocken lagertenund über der Thür wurde nun in den Stein die Inschrift ge-hauen : Kornboden Königs Georg III " Um zu solchem Zweckdienen zu können wurden die großen Fenster ausgenommen unddie Oeffuungen bis auf kleine, mit hölzernen Läden versehene Luft-löcher vermauert, Fußboden und Decken weggerissen, die Wände mitKalk übcrwcißt und die Säle und Zimmer in Kornböden umge-wandelt. In diesem traurigen Zustande steht jetzt die Fürstcnwoh-nung da, jetzt gänzlich unbenutzt und leer, mit Ausnahme der Räumeim Erdgeschosse, welche bei Ucbcrfülluug der Lagerhäuser zu Waa-rcnniedcrlageu dienen, seit vor etlichen Jahren das Kornmagazinaufgehoben und das dort lagernde Korn verkauft ist.

Eine deutliche Ansicht des Schlosses, wie es vor seiner Zer-störung war, findet sich auf der Abbildung von Münden in dergedachten Merianschen Topographie.

Hinter dem kürzern Schloßflügel nach der Stadt gewendet,steht das vor etwa 89 Jahren massiverbauete Gerichtshaus