er Pardon genommen," und ließ dessen Leichnam aufsuchen,auch mit kriegerischen Ehren in der Blasiikirchc bestatten.
Mit dem Fall des Schlosses war ganz Münden erobert;um 5 Uhr Morgens am 3l. May endigte der neunstündigeblutige Kampf, welcher Tilly mebr als 300 seiner Leute gekostethatte, aber auch mehrere hundert dänische Soldaten und Bürgerwaren darin gefallen. Erbittert über den hartnäckigen Widerstand,besonders der Bürger, fiel nun Münden allen den Grcuclthatenzur Beute, welche zuchtlose Kriegerhordcn in einer mit Sturmeroberten Stadt zu verüben pflegen. Plünderung und Zerstörung,Mord und Mißhandlung der Wehrlosen und Schwachen tobtenin allen Gassen, in allen Häusern, bis nach mehreren StundenTilly allgemeinen Pardon durch Trommelschlag verkünden ließ.Jetzt glaubten die Bürger sich gerettet, viele, welche sich versteckthatten, kamen hervor, aber sie sollten noch Schrecklicheres erdul-den, als bis dahin ihr unglückliches Loos gewesen war. Dennplötzlich sprang mit furchtbarem Knall der Pulvcrthurin nebender Aegidienkirche, worin 18 Centncr Pulver lagen, in die Luftund zerschmetterte die Kirche, sowie mehr als 20 Häuser undviele Menschen, darunter 3l) Kaiserliche mit 3 Offizieren. Ob-wohl nun höchst wahrscheinlich das Pulver durch Unvorsichtigkeitder Tilly'schen Soldaten in Brand gerathen war, welche beute-suchend, trunken und mit Licht umherzogen, so erhob sich unterihnen doch überall das Geschrei, die Bürger hätten den Pulvcr-thurin angezündet, um sie, ihre Feinde, in die Luft zu sprengen.Indem dieses sich ereignete hielt Tilly zu Roß auf der langenStraße und neben ihm der Graf von Fürstcnbcrg, welcher denWahn der Soldaten theilend, laut ausrief: „man sollte die re-bellischen Hunde und Ketzer alle niederhauen," auch mit eignerHand mehrere wehrlose Bürger niederstach. Damit war denSoldaten das Signal gegeben, daß er von neuem Herr überLeben und Eigenthum aller Bürger geworden und wieder beganndie Würgcsccne, aber »och schrecklicher als zuvor, ohne daß Tillysich die Mühe gab ihr Einhalt zu thun. Von neuein wüthetenalle rohen Leidenschaften der zügellosen, größtentheils betrunkenenSoldaten in den Häusern und auf den Gassen, nicht Kindheit,nicht Jugend, nicht Alter noch Geschlecht wird von ihnen ver-schont; keine auch noch so heilige Stätte entgeht ihrer Habgier.Säuglinge werden von der Brust der gemordeten Mutter ge-rissen und gespießt, Frauen und Mädchen wird öffentlich Gewaltangethan, ohne daß sie dadurch dem Tode entgehen, Kinder undschwangere Weiber, Jünglinge, Männer und Greise werdenniedergehauen, von den Thürmen gestürzt, verbrannt oder mitPulver zersprengt, andere mit den gräßlichsten Qualen gefoltert,um ihre verborgene Habe anzugeben, dann gemordet und vieleunzählige Greuel verübt, welche zu nennen die Feder versagt.Mehr als 2809 Menschen, weit über die Hälfte der Einwohner,kamen in diesem Blutbadc um, darunter die meisten Mitgliederdes Raths und der angesehenen Bürger, ferner beide Predigerder Stadt und 6 vom Lande hereingeflüchtete Prediger mit ihrenFamilien. Alle Gassen waren gefüllt mit nackten Leichen, bisTilly TageS darauf befahl solche zur Verhütung ansteckenderKrankheiten in den Fluß zu werfen. Dies geschah, aber unterden Todten fanden sich auch Schwerverwundcte, welche vergebensum Rettung fleheten und lebende unmündige Kinder an die gc-
mordete Mutter sich klammernd, alle fanden den Tod in denFluten. Alle die erzählten und noch mehrere schreckliche Detailsenthält der kurze Zeit nach der Blutscene von einem Augenzeugen,dem Stadtsyndicus Hypedcn an den Herzog Friedrich Ulrichdarüber erstattete Bericht, aus welchem sich zugleich eine Speci-fication des dadurch angerichteten Schadens ergibt, der nach eid-licher Abschätzung 313,098 Thaler 9 Groschen beträgt und nachjetzigem Gcldwcrthe mindestens auf das Doppelte zu rechnen seynwürde. Der Stadt wurde außerdem ein unersetzlicher Schadenzugefügt, indem bei der Plünderung des Rathhauses ihre säinmt-lichcn Urkunden von den Soldaten herausgerissen, theils in denFluß, theils in die Straßen geworfen und wie die Sage erzählt,ihren Pferden untergestrcuetwurde», wodurch viele wichtige undleider die ältesten Urkunden verloren gegangen sind.
Alles dieses begab sich am Tage nach dem Pfingstfcste, wes-halb in Münden dieser Tag noch nach 100 Jahren alö einTrauer-, Büß- und Bcttag gefeiert wurde.
Die Stadt theilte im ferneren Verlauf des 30jährigen Krie-ges das Schicksal der meisten andern Städte in den braunschweig-schcn Landen, und kam nach dem Tode Herzogs Friedrich Ulrich,mit dem Fürstenthum Göttingcn an den Agnaten Herzog Georgvon Braunschweig-Lüncburg, dem Stammvater des jetzt regie-renden Königshauses von England und von Hannover.
Der siebenjährige Krieg hob ungeachtet seiner schweren Lastenden Wohlstand MündenS durch günstige Handelsconjuncturenund dieser Wohlstand steigerte sich durch ähnliche glückliche Ver-hältnisse in den letzten Jahren des verflossenen Jahrhunderts zueiner früher nie erreichten Größe. Das gegenwärtige Jahrhun-dert hat aber durch die Invasion der Franzosen, die Continen-talspcrrc und in neuerer Zeit durch die Altsdehnung des Zoll-vereins den Handel und damit den Wohlstand Mündcns wiedergeschmälert.
Die Stadt war in ältern Zeiten mit Wall und Grabenund einer mit Thürmen und Bastionen versehenen, etwa 30 Fußhohen Ringmauer befestigt. Diese Befestigungen sind aber spätertheils verfallen, theils abgebrochen, so daß jetzt nur wenig mehrdavon zu sehen ist. Am Besten ist ein Theil der westlichen Ring-mauer am Fuldaufcr erhalten und dort ragt noch ein vollstän-diger alter Bcfestigungsthurm von etwa 00 Fuß Höhe. An derSüdostscite ist in den letztern Jahren der breite ausgemauerteGraben verschüttet und zu geschmackvollen Promenaden uinge-schaffcn, auch die Mauer fast ganz abgebrochen, so daß davonnur ein sehr kleiner Theil mit zwei Wartthürmen stehen gebliebenist. Noch vor wenigen Jahren war der eine dieser Thürme vonden Zweigen und Blättern eines einzigen daran emporgcranktcnungeheuren, offenbar manche Jahrhunderte alten Ephcustammsbis zur Spitze umklammert und mit Grün bekleidet. Leider istdiese seltene Merkwürdigkeit, das alte Wahrzeichen der Stadt,durch einen harten Winterfrost gänzlich untergegangen.
Zwei Thore führen in die Stadt; das untere oder Brücken-thor außerhalb der Werrabrückc an der Göttingcr Chanssee unddas obere oder Casselcrthor, wodurch man auf die nach Casselführende Chaussee gelangt. Neben dem letztgedachten Thorestehen die beiden, aber bis auf das untere Stockwerk abgetrage-nen runden Thürme des frühern befestigten Thors, welche einen