Rache an dem armen Volke aus, das nur für seine heiligsten Menschen-rechte sich erhoben hatte. Die allgemeine Gährung bestand fort und ver-schaffte dem großen Werke Luthers, der Kirchenreformation, schnellen undwilligen Eingang. In Constanz regten sich zuerst die demokratischen Ele-mente, welche 1522 über den Adel den Sieg erlangten. Wie sich in ver-schiedenen Perioden der Völkergcschichte häufig dasselbe wiederholt, so wa-ren es auch damals, wie in der neuesten Zeit, meist kommunistische An-sichten und Hoffnungen, welche in die Massen des Volkes eingedrungen,der bestehenden Verfassung der Staaten sehr gefährlich werden konnten.Die meisten jener Bauernanfiihrer, deren Geschichte man noch nicht genugkennt, waren Cvmmunisten, wie sich dies nachher bei Miinzer, Pfeifferund den Häuptern der Wiedertäufer zu Münster deutlich gezeigt hat. Soauch wohl damals schon zu Constanz. Es verdiente daher wohl einmaleine gründliche Untersuchung, wiefern der Kommunismus, den jedoch erstunsere Zeit zur Theorie ausbildete, schon vormals bei Empörungen, Auf-ständen und Bürgerkriegen mitwirkte. Doch kehren wir nach Constanz zu-zurück. Bald erschienen auch evangelische Prediger und der AlpirsbachcrMönch Ambrosius Blarer, aus Constanz gebürtig, trug öffentlich die neueLehre vor, welche hier bald die herrschende wurde, obgleich Bischof u. Geist-liche sich der Reformation eifrigst widersetzten. Das Volk erhob sich inMasse, stürmte die Kirchen und Klöster, warf den Leichnam des h. Con-rad in den Bodensee, verjagte den Bischof und das Kapitel nach Ueber-lingen und die Stadt beschickte den Tag zu Schmalkalden und unterschriebdie Augsburger Confession. Solche stürmische Auftritte, ähnlich den Gräuelnder Wittcnberger Bilderstürme, gegen welche Luther predigte, sind jedochnicht häusig vorgekommen; sie würden der Reformation sehr geschadet haben.
Zwanzig Jahre lang genoß die Stadt der geläuterten Lehre, bis derSchmalkaldische Krieg unglücklich geendet und der Kaiser auszog, die ab-gefallenen Städte zu bestrafen. Ein Stand nach dem andern zog sich vomschmalkaldischen Bunde zurück, und auch Constanz war im Jahre 1548genöthigt, den Kaiser um Gnade anzuflehen und nur Freiheit der Reli-gionsübung zu erbitten. Aber der übermüthige Kaiser hatte andere Ab-sichten. Er sandte ein spanisches Heer und dann ein österreichisches vordie Stadt, welche sich hartnäckig vertheidigte und schon hoffte, sich haltenzu können, als sie sah, daß die Schweizer nicht zu Hülfe kamen und diekatholische Parthei ihr Haupt erhob. Jetzt begannen die kaiserlichen An-hänger ihre wälschen Praktiken, vertrieben die protestantischen Predigerund Häupter der Stadt und boten dem ErzHause Oesterreich ihre Unter-werfung an, wenn der Kaiser ihnen Gnade widerfahren lasse. Dies scheintderselbe auch vorzüglich erwartet und bestrebt zu haben, und die Stadtw»rde am 13. Oktober t548 dem Oesterreichischen Abgesandten übergeben.
Nun wurden die Protestanten mit Gewalt vertrieben, die Gemeinde-verfassung geändert und Constanz von einer Reichsstadt zu einer österreichi-schen Landstadt gemacht. Der Glanz und Wohlstand ging dadurch verlo-ren, die reichen Gewerbsl ute, welche meistens der protestantischen Lehrezugethan waren, wanderten nach St. Gallen und andern Schweizerortenaus, und Handel und Gewerbe lagen darnieder, während zuvor ConstanzHauptsitz des Handels nach Italien, namentlich mit Leinwand war undinan überall die deutsche Leinwand nur Win 6> Lonslim!» nannte.
Aus Constanz war die protestantische Lehre für immer verbannt; aberim übrigen Deutschland standen sich die Partheien mächtig gegenüber, undes begann der unglückselige Krieg, der erst nach dreißigjähriger Dauerfreie Neligionsübung erkämpfte. Wie er sich durch alle Länder Deutsch-lands wälzte, so zog er sich auch an den Bodensee und 1633 sogar bisvor die Thore von Constanz. Der schwedische General Gustav von Hornrückte i» Eile an den See und in panischem Schrecken wollte schon derBischof mit seinen Schätzen nach Lindau flüchten; die Schweden kamenihm aber zuvor und die Belagerung der Stadt begann am 8. September.Gegen vier Wochen lang wurde sie mit Granaten beschossen und Minenangelegt, aber die Kaiserlichen rückten unter Altringer heran, vereinigtensich mit den Spaniern und der schwächere Horn war genöthigt, die Be-lagerung aufzuheben und sich aus die sächsische Armee des Herzogs Bern-hard von Weimar zurück zu ziehen. Im folgenden Jahre zog Horn wiederan den Vodcusee, mußte sich aber nach der Schlachr bei Nördlingcn wie-der aus dieser Gegend entfernen.
Während die Kaiserlichen wieder Herr der Bodenseegcgend waren,saß auf der benachbarte» würtembergischcn Feste Hohentwiel ein kühner,tapferer Mann, der Obrist Konrad Wiederhold. Dieser machte überallhin Raubzüge, ohne daß man ihm solches verwehren konnte und suchtesogar in der Nacht des 27. Novembers die Stadt Constanz zu überrum-peln, was nur die Wachsamkeit der dortigen Vorposten vereitelte.
In den folgenden Jahren war der Bodensee noch oft Zeuge derKämpfe zwischen den Schweden u. Oesterreichcrn, Constanz wurde jedochdadurch nicht mehr beunruhigt, und war beständig im Besitze von Oester-reich. Der langjährige Krieg hatte der Stadt aber jeden Nest ihres früherenGlanzes geraubt, sie war fast ganz entvölkert, zumal die Bischöfe nicht mehrdahin zurückkehrten und in den Straßen, wo viele Häuser leer standen ».verfielen, wuchs Gras in üppiger Fülle. Kein Ereigniß von einiger Bedeu-tung trug sich mehr in ihrem Schooße zu, und Oesterreich wachte ängstlichdarüber, daß ja das Gemeindewesen sich nicht mehr verbessere und aus-bilde und ein kräftigerer freier Geist erstehe.
So vegetirte die Stadt länger als ein Jahrhundert still und unbe-merkt, bis Kaiser Joseph II. im Jahre 1777 auf seiner Rückreise vonParis hierher kam und für die entvölkerte Stadt etwas zu thun beschloß.Um den Gewerben wieder aufzuhelfen, berief er unter günstigen Bedin-gungen viele ausgewanderte Genfer Fabrikanten und Manufakturisten hier-her, welche 270 Familien stark, bald wieder den Namen der Stadt znEhren brachten und Handel und Gewerbe hoben. Leider verursach-ten die französischen Kriege wieder Stockungen im Handel und Fabrikwe-sen, viele Gewerbsleute und Fabrikanten wanderten aus, und Constanzwar wieder einsam und leer, als diese Stadt durch den Preßburger Frie-den an Baden fiel. Dies verlegte alsbald eine Kreisstelle dahin, machtedie Stadt zur Garnison eines Regiments und that überhaupt für dieselbe,was in seinen Kräften stand. Aber erst seit dem Anschluß Badens an denZollverein, der Einrichtung einer Dampfschifffahrt und Anlegung des Ha-fens hat sich der Wohlstand dieser Stadt wieder rasch gehoben, da auchin ihrem Innern ein kräftiger Geist sich entwickelte, freiere Ideen Eingangfanden, und dieselben durch gute, freisinnige Blätter, die hier erscheinen,wie die Volkshalle und Seeblätter, eifrigst genährt und gepflegt werden.Vielleicht gelingt es ihr, noch eine höhere Stufe zu erreichen und für di«Seegegend das z» werden, was Mannheim für den untern Theil Badensist. Um dies zu bewirken ist jedoch nothwendig, daß die badische Regie-rung die Stadt und ihre Interessen mit größerer Freigebigkeit bedenke undihr die Ausmündung einer Eisenbahn zuwende, da sonst nur zu bald derHandels- und Gütcrzug einen andern Weg nehmen dürfte und Constanzvom allgemeinen Verkehr gleichsam abgeschnitten würde.
Wir verlassen nun die Stadt Constanz, um eine Wanderung um denbadischen Antheil des Bodensees anzutreten und aus der Gegenwart aucheinen Blick in die Vergangenheit zu wenden; zuvor aber müsse» wir demSee selbst einige Worte widmen.
Der Bovenscc liegt unter 26° 42' 42" und 47° 24' 56" östl. Längeund 47° 28' 32" und 47° 48' 45" nördl. Breite 1223 pariser Fuß überder Nordsee, hat einen Umfang von 26'/.« Meilen und ist von Bregenzbis Bodmann 8V-«. bis Constanz 6'/, Meilen lang, zwischen Rorschachund Wasserburg 1'/«. zwischen Nomanshorn und Friedrichshafen IV, undzwischen Bottighofen bei Constanz bis Mecrsburg V, Meilen breit. DerUeberlingersec ist nur Vi» Meilen breit. Der Flächeninhalt des Bodenscesbeträgt 8""/i«x> HMcilen. Der See hat fast überall flaches, und nur anwenigen Stellen steiles Ufer und wird auch am Rande nnr langsam tief.Messungen, welche in neuerer Zeit angestellt wurden, weisen nach, daßseine tiefsten Stellen in der Mitte liegen, besonders zwischen Romanshor»,Langenargen, Friedrichshafen, Jmmenstecd, Meersburg und Constanz lie-gen , und die Tiefe dort bis zn 856 Fuß zunehme. Arboner Schiffer gebe»die Tiefe zu 2208 Fuß an, und bei Meersburg soll sie 1866 Fuß betra-ge», doch ist diesen Angaben nicht zu trauen, obschon es möglich wäre,daß es einzelne Stellen von außerordentlicher Tiefe gibt. Der See ver-liert jedoch mit der Zeit a» Tiefe, da ihm der Rhein und andere Flüsseviel erdige Theile zuführen. Das Wasser selbst ist klar, von grünlicherFarbe und gutem Geschmack. Vom Bodensee gehört nur der untere Theil