Schandthat Konrads von Homburg wurde, der am 21. Januar 1325 denBischof Johannes in seinem eigenen Pallaste ermordete.
Während dieser Vorgänge fanden wieder verschiedene Währungen imInnern des Gemeinwesens statt. Karl IV. suchte die Stadt den Bischöfenzu unterwerfen und die vornehmen Geschlechter wurden immer verhaßter,so daß im Jahre 1370 ein fünftägiger Aufruhr gegen den Rath losbrach,der nur mit Mühe gedämpft wurde. Um sich gegen alle Uebergriffe derBischöfe zu wehren, schloß Constan; im Jahre 1380 einen Bund mit meh-reren andern Städten der Bodenseegegend und rettete dadurch auch alleindie Reichsunmittelbarkeit. Die Constanzer zogen hierauf im Jahre 1336aus unbekannter Ursache nach Lindau und besetzten auf kurze Zeit dieseStadt; auch trat die Stadt nicht vom Städtebund zurück, als der Kaiserim Jahre 1307 zu Eger alle Einzelbünde abthat. Ueberhaupt gewannConstanz jetzt noch mehr inneren Halt, die Volksparthei kam nach undnach zum Uebergewicht, und trotz vielfältiger Seuchen, Mißjahre undandern Unglücks, erhielt sich der alte Glanz immer fest und dauernd.
Bald sollte die Stadt noch größeren Ruhm erwerben und die Blickeder ganzen Christenheit auf sich gerichtet sehen. Die Kirche war in trau-rigem, unglückseligem Zustande, drei Päpste waren von den verschiedenenPartheien erwählt worden, bannten sich gegenseitig und gaben großes Aer-gerniß allen Christen, so daß die christliche Kirche selbst bis in ihre inner-sten Fugen erschüttert wurde. Allgemein sehnte man sich daher nach Er-lösung von solchem Zustande und verlangte ein Concilium. Dies zu be-rufen, lag auch im Sinne des Kaisers Sigismund, welcher deßhalb mitPapst Johann XXIII. im Jahre 1413 zu Lodi und Cremona zusammenkam. Auf den Vorschlag des Grafen Eberhard von Nellenburg wurdezum Sitze der Kirchenversammlung Constanz erwählt, weil diese Stadtnicht fern von Italien liege und eine zahlreiche Versammlung in sich auf-nehmen und beherbergen könne.
Im Winter 1414 kam der erwähnte Papst von Italien her die Bergeherab und zog am Tage Simonis und Judä feierlich in die Stadt einmit einem Gefolge von 600 Personen, worunter 9 Kardinäle. Eine un-übersehbare Menge Menschen strömte alsbald in Constanz zusammen;Abgeordnete aus Italien, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Polen, Schwe-den, England und Konstantinopel, von Fürsten und Städten, Kirche»und Hochschule» gesendet; auch kamen Legaten der Gegenpäpste und sogarmorgenländische und heidnische Herren, welche mit ihren mannichfaltigenTrachten der Stadt ein buntes Ansehen gaben. Zur Zeit des stärkstenZusammenströmens möge» wohl 150,000 Personen und 30,000 Pferde da-gewesen sein; die mittlere Zahl der während der zwei ersten Jahre desConciliums betrug jedoch nur 80,000 Menschen, welche wetteiferten, durchReichthum und Lurus einander zu übertreffen, und zum Theil nur desVergnügens wegen hierher kamen. Für alle leiblichen Bedürfnisse warreichlich gesorgt, Pastetenbäcker fuhren mit Karren und glühenden Oefendurch die Straßen, und Speisetarcn sicherten vor Betrug. Gebhard Dacher,der die Fremdenliste machen mußte, zählte allein 700 eingeschriebeneFreudenmädchen oder offene Frauen, wie man sie damals nannte, rech-net man aber die heimlichen Frauen hinzu, so waren es jedenfalls derfahrenden Frauen über 1500.
Am 6. November wurde das Concilium mit einem Bettag und am>6. mit einer großen Sitzung in der Domkirche eröffnet, wo der Papstüber die Worte: „Habt die Wahrheit und Gerechtigkeit lieb und schafftFrieden in euren Thoren" (Joh. 8, 16.) predigte. Das Concilium theiltesich in vier Nationen, die deutsche, französische, englische und italienische,wozu später noch die spanische kam, und die erste Verhandlung warüber die Sache des Prager Professors der Theologie, Johannes Huß.Derselbe erschien mit einem Gelei.sbriefe des Kaisers unbefangen in derStadt am 5. November; als er aber merkte, wie man hier zu handelngedenke und welcher Geist herrschend seie, suchte er auf einem Wagen zuentfliehen, wurde aber entdeckt, ergriffen und in die Pfalz geworfen. Am28. November erschien er zum erstenmal vor dem Concilium und ant-wortete auf zwei dogmatlsche Fragen; seine Gegner waren aber nichtgeneigt, auf seine Beweisgründe und Rechtfertigung einzugehen, sondernübergaben ihn in fanatischem Eifer dem Sänger und Domherrn des Con-stanzischen Stifts zum Gefängniß, und warfen ihn acht Tage später in
einen feuchten stinkenden Kerker im Predigerkloster. Bald darauf kam derKaiser an, von dem die Böhmen die Befreiung Hussens erwarteten undverlangten. Aber die schlechten Pfaffen überredeten den schwachen Sigis-mund, daß man einem Ketzer sein Wort nicht zu halten brauche, und sobrach das Haupt des römisch-deutschen Reiches auf schnöde Weise sein hei-liges Fürstenwort, in das nur den mindesten Zweifel zu setzen jederzeitstreng verboten ist, und hatte zu seiner Entschuldigung nichts anderes an-zuführen, als daß vor, wie nach ihm, oft genug ebenso gehandelt wurde.
Die meisten Mitglieder dieser Synode waren übrigens persönlicheFeinde Hußens und zwar aus folgendem Grunde, den man ja nicht über-sehen darf: Unter den wenigen, damals in Deutschland vorhandenenUniversitäten war Prag ohne Zweifel eine der berühmtesten. Daselbststudirten nicht nur sehr viele Böhmen, sondern die Zahl der Ausländermochte mitunter noch weit größer sein. Man wählte aber nicht sofort einFachstudium und beschränkte sich daher selten auf einige Jahre wie dies heutzu Tage geschieht, sondern man pflegte mitunter acht, ja zchen und zwölfJahre an demselben Orte sich aufzuhalten. Auch wurden junge Studentenhäufig von ihrer ganzen Familie begleitet, und somit erwuchs den Univer-sitätsstädten durch diese Fremden ein unglaublicher Nutzen. Zu Prag hat-ten die Ausländer früherhin mehrere Vorrechte vor den Böhmen, alleinHuß setzte als Rektor eine Neuerung durch und führte das umgekehrteVerhältniß herbei. Dies erbitterte alle in Prag wohnenden Ausländer imhöchsten Grade; Lehrer und Studenten unter ihnen zogen an Einem Tageweg, und welches Aufsehen dies machen mußte, ergibt sich schon daraus,daß manche Geschichtschreiber die Zahl dieser Auswanderer auf 10,000setzen, während Andere dagegen nur von 5000 wissen wollen. Wie dem nunauch sei, eine Folge war, daß sich viele Lehrer und Studenten nach Sach-sen begaben und dort später die Universität Leipzig errichtet wurde. Hußhatte sich aber durch die erwähnte Neuerung überall auswärts Feinde ge-macht, und so hat man es mit zu erklären, daß die Synode gerade gegenihn ungewöhnlich streng zu Werke ging. Sogar kleinliche Zänkereien we-gen Verschiedenheit der philosophischen Ansichten und Lehrmeinungen schei-nen auf die"Stimmung einiger höhern Geistlichen gegen den in ihren Au-gen verächtlichen böhmischen Magister nicht ohne Einfluß geblieben zu sein.
In der zweiten Sitzung, am 2. März 1415, wurde beschlossen, daßdes Kirchenfriedens wegen auck Papst Johann XXIII. abdanken sollte, wasdieser feierlichst that, zur Freude der ganzen Versammlung. Aber schonnach wenigen Tagen gereute es den Papst wieder, und während HerzogFriedrich von Oesterreich, sein geheimer Freund mit einem Turniere dieEinwohner und Gäste beschäftigte, floh der Papst nach Schaffhausen, wo-hin sich auch Friedrich von Oesterreich eiligst begab. Groß war der Schrecken,als man die Flucht Johannes erfuhr, und Friedrich wurde in die Reichs-acht erklärt. Dieser floh mit ihm nach dem Breisgau, aber er war selbstwankelmüthig u. unentschlossen, und schon nach kurzer Zeit kehrte der Herzognach Constanz zurück und unterwarf sich dem Kaiser.
Unterdessen wurde Huß, der einige Zeitlang bei den Barfüßern ver-weilte, dem Bischof von Constanz übergeben, und nach Gottlieben gebracht,auch sein Schüler Hieronymus von Prag eingekerkert. Papst Johann selbstwurde am 21. März von Friedrich dem Concilium ausgeliefert und zu-erst in Nadolfszell, dann in Gottliebcn eingekerkert und zuletzt nach Hei-delberg und Mannheim geführt.
Nachdem die Angelegenheit Johanns und Friedrichs beseitigt war, be-schäftigte man sich wieder mit Huß, der zweimal vor den Bischöfen imSpeisesaale der Barfüßer sich gegen seinen Hauptgegner Peter d'Ailly ver-theidigte, aber ohne daß man darauf achtete, zumWiderruf aufgefordert wurde.Huß erklärte, seine Bereitwilligkeit wenn man ihn nur eines Irrthu-mes überweise, aber dies vermochte man nicht, und so bestand der edleMann auf seiner Lehre. Vergebens suchte ihn selbst der Kaiser zum Wi-derruf bereden zu lassen, Huß blieb standhaft, obgleich er sein kommendesSchicksal voraussah. Am 6. Juli sprach also die Versammlung das Ver-dammungsurtheil gegen ihn, er wurde degradirt, und vor das Thor, dasnach Gottlieben geht, geführt, um daselbst verbrannt zu werden. Als dieFlammen aufloderte», fing er an zu beten und erstickte bald darauf imRauche. Als sein Körper verbrannt war, spaltete ihm der Henker dasHaupt und warf die Asche in den Rhein. So starb einer der edelsten