Druckschrift 
7 (1848)
Entstehung
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ö rünn, slavisch Brno, die königl. Hauptstadt der Mark-grafschaft Mähren, hat eine äußerst freundliche und anmuthigeLage. Angelehnt an eine Hügclreihe, deren letzte Wellen gegeneine schöne Ebene schlagen, erhebt sich die Stadt langsam gegenden Spielberg zu, der die westliche Marke bildet und sie über-ragt, während die Vorstädte wie Strahlen in die südöstlicheEbene und nach allen Seiten in die Thäler auskaufen. Diereizende Lage wird dem Freunde schöner Ansichten um so werth-voller, als diese mit dem Standpunkte auf eine überraschendeWeise wechseln. Die ausgedehnteste Ansicht gewinnt man vonder Ost- und Südseite. Da sich einige Dörfer fast unmittel-bar der Stadt anschließen, füllt sich das Thal zwischen denam meisten vorspringenden Hügeln, dem rothen und dem Ha-hibcrge, in weiter Linie mit Häuserreihen. Der lange Viaduktder Nordbahn mit seine» 8t) Bogen führt das Auge zum In-nern der Stadt; über dem Bahnhofe glänzen im Sonnenscheindie neuen palastartigen Hänscr, links überragt vom St. Peter-Dome, darüber hin steigen die Thürme aus der Hänsermafseder Stadt aufwärts. Schön ist der FranzcnSberg anzusehenmit seinem Grün auf dem Felsen und dem glänzenden Obeliskund unter ihm zwischen Gärten Altbrünn, dessen Häuser in einanmuthiges Thal enden und nahezu das Dunkel des Schreib-waldcs erreichen. Von dieser Seite zeigt uns Brünn seinenmodernen Charakter als Fabrikstadt, wie ihn keine zweite Stadtdes österreichischen Kaiserstaates gibt; an allen Punkten steigenaus weitläufigen Gebäuden hohe Schlote empor und der Ranchund Dampf, den sie Tag und Nacht cmportrcibcn, zeugt vonrastloser Thätigkeit. Von ungewöhnlichem Interesse wird derAnblick, wenn die scheidende Sonne eines Herbsttages denleichten Nebelschleier, welcher die Stadt deckt, beleuchtet undaus den hohen Wartthürmen der Industrie die Rauchsäulenhoch über ihn aufsteigen; dann ist der Charakter der Industrie-stadt in ihrer äußern Erscheinung am vollsten ausgeprägt, sieg-reich treten ihre Symbole noch hervor, während jene andererStrebnisse im Nebel verschwimmen.

Innerhalb zweier Decennicn ist das Bild der eigentlichenoder innern Stadt, die sonst imponirend über die Umgebungdastand, mehr in den Hintergrund getreten, die neue Weiseder Arbeit hat den Vorstädten Reichthum, Intelligenz, Bewe-gung und Bevölkerung, und der gesammten Stadt Bedeutung,Ruf und Weltverbindnng gegeben. Am Ende des vorigenJahrhunderts zählte Brünn 3l)W() Einwohner, setzt zählt es1i)5i) Häuser mit llXlttii Bewohnern, und diesen raschen Zu-wachs dankt es der Industrie und ihren Maschinen.

Zu den Punkten, die sehr günstige Ansichten der Stadt bie-ten, gehört unstreitig die Anhöhe ob dem Augarten und derSpielbcrg; aber von keinem Orte erhält man ein reizenderes,anmnthigercs Bild, eine herrlichere Uebersicht, als von demwaldgekrönten Berge über dem Schrcibwalde (beim Jägerhause).Es ist ein klarer Sommertag, und das Auge, welches sichvom WaldeSdunkel trennt, eilt zur Stadt, die in der Bläuefriedlich liegt und deren einzelne Theile zu einem zauberhastenGanzen verschwimmen, so daß wir das Bild im Gemüthe wiedie Schöpfung eines Dichters tragen. Ueber Brünn streift dastrunkene Auge zu dem geschichtlichen Boden der Drcikaiserschlachtvon Austerlitz oder zu den nordöstlichen Bergen, welche so an-ziehende landschaftliche Scenen und in ihren berühmten Höhlenein Unterwelt voll Schauer und Geheimniß bieten. Der schö-nen Lage und Umgebung Brünns müßte ein Strom die Voll-endung geben. Die beiden Flüsse, welche sich hier vereinen,die Schwarzawa, welche die Stadt von West und Süden, unddie Zwittawa, welche sie von Nordosten bespült, sind von kei-ner Bedeutung und nicht besonders wasserreich.

Treten wir aus dem Bahnhofe der K. Ferdinands-Nord-bahn, welche au der Stadtmauer endet, in das Innere der

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Stadt ein, so überraschen die großen Verhältnisse des neuenFerdiuandsthorcs und die schöne Reihe neuer Häuser auf derBastei, welche durch die Eisenbahn und seit ihrer Eröffnungvon Wien bis Brünn im Jahre 1838 entstanden sind und vordenen der Bahnhof, nur durch die Stadtmauer geschieden, sichso ausbreitet, daß er völlig zu übersehen ist. Diese stattlichenGebäude, darunter das imposante, palastartige Gasthaus zumKaiser von Oesterreich, das großartigste in Mähren, spannendie Erwartung von Größe, Glanz und Pracht; aber dieselbeschwindet schnell, wenn man die schmalen Hauptstraßen erreichtund in diese noch engere Gassen ausmünden sieht. Die Reg-samkeit und Geschäftigkeit, die uns begegnet, die vielen glän-zenden Auslagen mit den mannichfachen Erzeugnissen des Be-dürfnisses und des Lurus, die Wahrnehmung zweier großen,offenen, hellen Plätze, durch die ein frisches Leben fortwährendzieht, die Reinlichkeit, die Ordnung, die Abwesenheit selbstdessen, was die Bequemlichkeit stören oder dessen Anblick wehethun könnte, geben dagegen angenehme Empfindungen undversetzen uns in jenen Zustand, in welchem wir die Hoffnungauf eine höhere Befriedigung nicht ungern ablehnen. Baldfühlen wir uns zwischen diesen zwei- und dreistöckigen Hänsern,aus denen die bürgerliche Gehäbigkeit so freundlich heraussieht,heimisch und vergessen nach und nach, daß wir uns die Bür-gerhäuser einer Hauptstadt schöner und mit einem festeren,stämmigeren und kühneren Gepräge und einem soliderenSchmucke gedacht haben. Dieselben, und besonders die ausder neuesten Zeit sind sehr wohnlich und sehr bequem und aufengem Raum sehr wirthschaftlich erbaut, entbehren jedoch fastjeder architektonischen Verzierung, die den Schönheitssinn be-friedigt. Brünn ist eine alte Stadt; darauf weiset neben we-nigen Bauwerken jetzt noch die Unregelmäßigkeit der Anlagehin. Viele Anstrengungen geschehen, um diese zu beheben.Man öffnet Gassen und Plätze, schiebt die Straßen auseinan-der und stellt sie geregelter, sowohl um dem Auge gefällig zusein, wie um Licht und Luft zu empfangen, dabei müssen dieWerke und Denkmale des geistigen und Gemeindelebcns frühe-rer Jahrhunderte weichen; die Zeit erkennt sie nicht mehr inihrer Nothwendigkeit und Nutzbarkeit an; überdies) gestattet diefreiere Bewegung in der Gegenwart, daß eine lebensfähigeStadt das Gebiet erweitert, welches einstens durch Mauernund Wälle zum Schutze aller ihrer Güter, ihrer Arbeiten undFreiheiten beengt und wodurch mau auf kleinen Raum Vieleszu stellen genöthigt war. So sehen wir Brünn über die Boll-werke, die es einst geschirmt und ihm nicht mehr nutzbar sind,heraustreten und in den Vorstädten schrankenlos die Häuser-reihen nach allen Seiten ausdehnen. Sie umschließen dieStadt, die Stammmutter, wie Kinder, die von Jahr zu Jahrherrlicher gedeihen und der mannbaren Kraft zurcifen; ihreBauwerke wetteifern an Comfort und Reiz, und was die In-dustrie für ihre Zwecke errichtet, streckt sich lang und breit aus,beherrschend, wie einst das Feudalschloß, die niedere Umgebung.Die Vorstädte Brünns sind zum großen Theile in der letztenHälfte des vorigen Jahrhunderts entstanden und im Laufe dcSjetzigen zu ihrer Ausdehnung gekommen; sie hatten folglichnicht hinlängliche Muße, sich im Innern und Aeußern voll-kommen einzurichten, und wiewohl einzelne Theile ausgezeichnetsind, so haben Häuser und Straßen nicht überall jene Sau-berkeit und Reinlichkeit, wie die in der eigentlichen Stadt. Esfehlen Kanäle und Wasserleitungen, die Beleuchtung ist matterund das Pflaster öfters holperig.

Zwischen den Vorstädten und der Stadt, und diese vonNord, Ost n. Süd umschließend, zieht sich das GlaciS, ein herr-licher, smaragdgrüner Park; auf dessen freien, weiten Rasenplä-tzen, welche schöne Bäume und Gebüsche umzäunen, sich der Armeund der Reiche, der Geschäftsmann und der Arbeiter ergehen.